Nachlese: Messe Paris (Archivversion) Querdenker

Die einen bauen einen Boxermotor ungewöhnlich ein, die anderen entwickeln ungewöhnliche Rahmenkonzepte. Außenseiter wie Midual oder Laverda setzten in Paris besondere Akzente.

Mit Boxermotoren begründete BMW sein Motorradimage. Auch Zündapp, Condor und andere Firmen favorisierten den Zweizylinder mit den im Fahrtwind stehenden Zylindern. In Paris präsentierten nun die französischen Brüder Midi die Midual 900 mit Boxermotor, die sich jedoch durch ein ganz wesentliches Merkmal von den aktuellen Konstruktionen unterscheidet. Die Kurbelwelle ist quer, die Zylinder sind dementsprechend längs zur Fahrtrichtung angeordnet. Neu ist diese Position jedoch nicht: Bereits 1904 wählte die englische Firma Douglas just diese Einbaulage. Und auch BMW lieferte den ersten Motorrad-Boxermotor an Viktoria mit exakt dieser Konfiguration. Die Laufkultur, Resultat des guten Massenausgleichs und der gleichmäßigen Zündfolge, gab den Ausschlag für den Boxermotor, die Tradition von Douglas und der typisch französische Hang zu ungewöhnlichen technischen Lösungen führten zu der speziellen Einbaulage. Die hat zumindest den Vorteil des geringeren Luftwiderstands – die wassergekühlten Zylinder bieten dem Fahrtwind keine Angriffsfläche – sowie üppiger Schräglagenfreiheit und erfordert für den von den Konstrukteuren gewählten Sekundärantrieb per Kette keine Umlenkung der Kraftübertragung. Die technische Ausführung gestaltete sich nicht ganz einfach. Bereits 1992 entschloss sich der Ingenieur Olivier Midi mit seinem Bruder Franco, seine Überlegungen unter dem Firmenlogo Midual, der Verbindung von Midi und dual, in die Tat umzusetzen. Aus konstruktiven Forderungen wie der Lage des Getriebes unter dem Motor und der Freigängigkeit des Vorderrads ergab sich die ungewöhnliche Neigung des Triebwerks von 25 Grad zur Senkrechten. Mit vier Ventilen und zwei obenliegenden Nockenwellen pro Zylinder sowie Kraftstoffeinspritzung entspricht die Midual 900 aktueller Motorentechnik.In Sachen Leistung setzt die Einbaulage jedoch Grenzen. So erlauben die Einlasskanäle aus Platzgründen keine optimale Gestaltung. Die Gebrüder Midi sehen die angepeilten 90 PS in Verbindung mit ihrem Konzept aber als durchaus ausreichend. Doch noch ist das ehrgeizige Projekt Zukunftsmusik, denn bis jetzt läuft das Triebwerk erst auf dem Computer. Sollte sich ein solventer Partner finden, wollen die Midis ihre Vorstellungen bis 2003 realisieren. Bereits im Jahr 2000 soll ein anderes Projekt zum Laufen kommen, das in Paris fast unbeachtet von der Öffentlichkeit blieb. Auf leisen Sohlen schlich sich die Lynx - der Luchs - in die Modellpalette von Laverda ein. Deren Herz verrichtet bereits in Tausenden von Suzuki SV 650 klaglos seinen Dienst. Neu dagegen das Fahrwerk, das die Laverda-Konstrukteure um den schlanken V2 strickten. Auf den ersten Blick ähnelt der Rahmen, eine Kombination aus einer Gitterrohrkonstruktion aus Stahl und einem Alu-Brückenrahmen, dem der MV Agusta F 750. Erst auf den zweiten Blick ist zu erkennen: Das untere Teil aus Aluguss nimmt alle Motoraufhängungen und das Rahmenheck auf und dient gleichzeitig als Lagerung für die aus Stahlrohren verschweißte Dreiecksschwinge. Die angeschraubte Stahlkonstruktion aus Dreiecksverbänden trägt lediglich den Steuerkopf. Ob das aufwendige Konzept Vorteile bietet, können erst Fahreindrücke zeigen. Ungewöhnlich ist es auf jeden Fall.

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