Nachruf - Trauer in der Motorradwelt Claudio Castiglioni ist tot

Claudio Castiglioni, Chef von MV Agusta und Cagiva, ist heute morgen im Alter von 64 Jahren in einer Klinik in Varese gestorben. Er erlag einem Krebsleiden.

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Foto: Gori

Für die Motorradwelt ein herber Verlust, denn einen wie Castiglioni gibt es in der Branche kein zweites Mal. Getrieben von einer tiefen Leidenschaft für Motorräder, sorgte der charismatische Italiener immer wieder für Überraschungen und setzte Trends, die die ganze Branche nachhaltig bestimmten. So rettete er in den 80er Jahren Ducati vor der Schließung und schuf mit der 916 einen Supersportler, wie ihn die Welt noch nicht gesehen hatte. Ebenfalls unter seiner Federführung entstand die legendäre Monster, bis heute ein Verkaufsschlager.

Die Sportwelt wirbelte Castiglioni gleich mit zwei Marken durcheinander. Mit Ducati initiierte er die Superbike-WM und darf somit als Vater des sportlichen Erfolgs der Bologneser gelten. Die Familienmarke Cagiva schickte er auch in den Offroad-Bereich, wo die Elefant bei der Rallye Paris-Dakar siegte. Noch mehr Aufsehen erregte Cagiva in der Königsklasse des Motorrad-Grand Prix, wo Castiglioni mit der Verpflichtung des Amerikaners Eddie Lawson ein spektakulärer Schachzug gelang. Der Amerikaner fuhr die 500er 1992 tatsächlich zum ersten Rennsieg, und zwei Jahre später kämpfte John Kocinski mit ihr sogar um den Titel. Castiglioni ließ seinen Freudentränen freien Lauf – der kleine David aus Italien hatte es dem großen Goliath aus Japan gezeigt.

Als Unternehmer war ihm weniger Erfolg beschieden, Verkauf und Marketing interessierten den Motorradbesessenen höchstens am Rande. Ducati musste er Mitte der 90er Jahre wieder verkaufen, sicherte sich dafür aber eine andere ruhmreiche Marke, nämlich MV Agusta. Wiederum setzte er hier mit dem Supersportler F4 und dem viel bewunderten Naked Bike Brutale wichtige Trends für die ganze Branche. Oft kopiert, nie erreicht – das gilt für viele Motorräder, die Castiglioni entwickelte. Sein letzter Coup und auch sein Erbe ist der bildschöne Dreizylinder F3, der bei der Vorstellung in Mailand im letzten Jahr für Furore sorgte.

Castiglioni war ein leidenschaftlicher Mann mit einem unglaublichen Instinkt für Motorräder, er brauchte keine Marktforschung, um heute schon zu wissen, was den Motorradfahrern übermorgen gefallen könnte. Zudem hatte er die Gabe, Talente in anderen zu erkennen und zu fördern. Die ganze italienische Motorradbrache ist heute voller Ingenieure, Techniker und Designer, die ihre ersten erfolgreichen Schritte unter Castiglionis Anleitung machten. Das gilt übrigens auch für Rennfahrer: Valentino Rossi fuhr seine ersten Rennen auf Cagiva.

Claudio Castiglioni wird der Motorradwelt enorm fehlen. Seine Ideen und Visionen sind unersetzlich.

Auch wir von MOTORRAD vermissen ihn bereits.

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Claudio Castiglioni im MOTORRAD-Interview auf der Mailänder Messe 2010:

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