Nachwuchs-Rennfahrer Jonas Folger (Archivversion) Leisetreter

Er geht seinen Weg ganz im Stillen – zumindest aus deutscher Sicht. Von seinen Eltern behutsam unterstützt und von den professionellen Lehrmeistern der MotoGP-Academy angeleitet, sorgt der 13-jährige bayerische Jungrennfahrer Jonas Folger zunächst in Spanien für Furore.

Einige Insider haben es natürlich gewusst. Dass da in Spanien, fast unbemerkt von der deutschen Motorradsport-Öffentlichkeit, ein neues Talent heranreift. Nach einer ebenso makellosen wie blitz-artigen Karriere auf zwei Rädern musste sich der erst 13 Jahre alte Jonas Folger aus Schwindegg, zwischen Erding und Mühldorf am Inn gelegen, 2006 in der spanischen 125-cm3-Meisterschaft beweisen. Sie ist eine der anerkannt härtesten europäischen Rennserien, das Vorzimmer zum Eintritt in den Grand-Prix-Sport schlechthin. Jonas Folger wurde Gesamt-Dritter – nicht zuletzt dank der vorbildlichen Nachwuchsarbeit der MotoGP-Academy.
Nachwuchsarbeit im Motorrad-Straßensport? Das ist in Deutschland fast schon ein Reizthema. Die ganze Szene sucht seit Jahren händeringend nach der neuen Lichtgestalt, die an die glorreichen Zeiten eines Toni Mang, eines Reinhold Roth, eines Martin Wimmer anknüpfen kann. Piloten, die 1987 rund 100000 Fans ins Hockenheimer Motodrom lockten. Der Deutsche Motorsport-Verband (DMV) versucht es mit Theorie, der große Automobilclub ADAC mit Nachwuchs-Rennserien wie dem Minibike- oder dem Junior-Cup.
Aber wo sind die Gewinner dieser Meisterschaften aus den letzten Jahren geblieben? Matti Seidel (2002), Toni Wirsing (2003), Joshua Sommer (2004) und Marvin Fritz (2005) aus dem Junior-Cup – keiner von ihnen konnte im GP-Sport bislang Fuß fassen. Immerhin: Robin Lässer, 2004 klarer Sieger der KTM-Klasse im Minibike-Cup, wurde 2006 Deutscher Meister der IDM 125, mit überlegenem Material von KTM und begünstigt durch den verletzungsbedingten Ausfall seines Schweizer Teamkollegen Randy Krummenacher. Doch am Ende bekam Krummenacher den KTM-Grand-Prix-Vertrag, Lässer qualifizierte sich nicht einmal für den neuen Red-Bull-Rookies-Cup im GP-Umfeld.
Jetzt also Jonas Folger. Von dem Insider wie die Ex-GP-Piloten Ralf Waldmann und Adi Stadler wussten. Die auch bestens über das Schicksal eines Georg Fröhlich, 2002 Vierter der damaligen ADAC-Nachwuchsserie Dark-Dog-Challenge, und eines Stefan Bradl, Sohn des ehemaligen 250er-Vizeweltmeisters Helmut Bradl, im Bilde sind. Ebenfalls zwei Hoffnungsträger, deren Umfeld auf dem Weg zur WM-Karriere allerdings nicht sehr hilfreich war. Was tun, um Jonas Folger zu helfen? Es drängt sich auf: gar nichts, höchstens ganz im Hintergrund. Augen zu, Mund zu, Daumen drücken,
machen lassen. Begehrlichkeiten dürfen nicht aufkommen, noch lange nicht. Weder von Sponsoren noch Verbänden, nicht einmal von der Familie. Zu viel steht auf dem Spiel. Deshalb wagt MOTORRAD nur einen Blick durchs Schlüsselloch. Wo kommt er her, dieser Jonas Folger?
Bereits mit dreieinhalb Jahren saß Jonas erstmals auf einem Mini-Crosser (siehe Interview auf Seite 154). Als Vierjähriger fuhr er völlig selbständig »und ließ das Automatik-Bike schon ordentlich driften«, wie sich Vater Jakob erinnert. Der bremste den sportlichen Ehrgeiz seines Sohnes, der bereits mit sechs Jahren Rennen fahren wollte, so lange es ihm möglich war. Dem schließlich acht Jahre alten Sprößling hatte er nichts mehr entgegenzusetzen. Auf einer 65-cm3-KTM startete Jonas 2001 bei zwei Offroad-Wettbewerben, wurde einmal Vierter, einmal Sechster. Nicht lange danach bestellte Jonas’ Lehrerin den Vater zum Gespräch. Der Sohn erzähle den Mitschülern, dass er Motorrad-Weltmeister würde. Mit einer derartigen Ernsthaftigkeit, dass sie sich um seinen Gemütszustand sorge, sollte das nicht eintreffen.
2003 folgte der Wechsel auf Asphalt, nachdem Jonas aufgrund seiner Vorstellung bei einem Sichtungstermin sofort in das offizielle ADAC-Team für den Minibike-Cup aufgenommen wurde. 2003, 2004 und 2005 gewann Jonas jeweils überlegen den Meistertitel seiner Klasse.
»Was nun?« fragte sich Vater Jakob. Der übrigens nur einer der Mosaiksteine im motorradsportlichen Hintergrund des Juniors ist. Jakob Folger fuhr selbst Motorradrennen, zuletzt 1989 in der deutschen Superbike-Meisterschaft, zu Zeiten der einstigen Top-Leute Michael Galinksi und Ernst Gschwender. Jonas’ Onkel Alexander brachte es zu vier GP-Starts, 1995 wurde er 18. beim 125er-Rennen in Barcelona. Opa Jakob, inzwischen 79, nennt ein Dutzend Motorrad-Oldies sein Eigen. Zum jährlichen Oldtimer-Treffen in Schwindegg muss jedes Familienmitglied – auch Mutter Anka – eine der Raritäten ausführen.
»Jonas ist erst 13«, sagt sein Vater, »aber in ihm stecken 25 Jahre Rennerfahrung – so lange mache ich mir schon darüber Gedanken, wie man schnell Motorrad fährt.« Mag es diese Erfahrung sein, die ihn dazu bewog, in Sachen Zukunftsplanung für Jonas die Nummer von Adi Stadler zu wählen, seinem bayerischen Landsmann, der heute in der Honda-Rennabteilung HRC die Werks-Einsätze in der 125-cm3-WM koordiniert. Wie dem auch sei – es war die richtige Entscheidung.
Stadler hatte Jonas bei Minibike-Rennen beobachtet und ein Naturtalent erkannt. Der kleine Rennfahrer glänzte durch einen ausgeprägten Gleichgewichtssinn, den er übrigens auch bei Ski-Wettbewerben zu nutzen wusste. Stadler kontaktierte Ex-GP-Star Alberto Puig in Spanien, Chef der von Energy-Drink-Hersteller Red Bull und MotoGP-Vermarkter Dorna finanzierten MotoGP-Academy. Jonas wurde zur Sichtung nach Valencia eingeladen – fast schon natürlich, dass er 2006 zu den sechs Auserwählten zählte, denen die denkbar professionellste und dazu kostenfreie Unterstützung zur Verfügung steht. Angefangen vom persönlichen Trainingsplan, der jedem gestandenen Freizeitsportler schon beim Durchlesen Schweißperlen entlockt, bis zum Honda-Werksmotorrad der Saison 2005 inklusive zweier Mechaniker. Und
Alberto Puig als genialen Mentor.
Um ihrem Sohn das geben zu können, mussten die Eltern Entscheidungen treffen. Jonas wechselte auf eine Montessori-Schule, die ihm die Teilnahme an den zeitaufwendigen Trainings in Spanien ermöglicht. »Anfangs fiel es mir schwer, ihn einfach am Flughafen abzugeben«, sagt Mutter Anka, »aber jetzt wissen wir: Jonas wird perfekt betreut.« Auch für sie bleibt derzeit oft nicht mehr als ein Blick durchs Schlüsselloch auf Jonas’ Leben – dafür die Gewissheit, mit ihrer selbst auferlegten Zurück-haltung alles richtig zu machen.

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