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Honda Africa Twin Das große Comeback

Über Jahre machten Gerüchte die Runde, fieberten die Fans überall auf der Welt einem Comeback der legendären Reiseenduro Honda Africa Twin entgegen. Jetzt ist sicher: Die neue Honda Africa Twin kommt. Aber sie kommt anders als erwartet.

Diese Geschichte startet in einer japanischen Großstadt im Mai 2013. Vor einem Hotel parkt die verdreckte, aufkleberverseuchte und überladene Honda Africa Twin eines welt­reisenden Österreichers. Als er in seiner Alu-Box kramt, steht plötzlich ein Ehepaar neben ihm, schaut aufs Kennzeichen und fragt, wo er denn gerade herkäme. Der Österreicher holt weit aus: Seine treue Twin habe ihn zehn Jahre über 180.000 Kilometer um die Welt getragen. Nicht mal ein Blinkerglas sei dabei kaputtgegangen. Der Japaner bekommt feuchte Augen. Seine Frau sagt: „Sie hätten meinem Mann keine größere Freude machen können – er ist Werksleiter bei Honda.“ „Oh“, sagt da der Öster­reicher. „Wenn ich schon mal an der Quelle bin: Warum baut ihr eigentlich keine neue Africa Twin?“

Dieser Begegnung folgten Einladungen in diverse Honda-Entwicklungszentren. Der Österreicher und seine alte Honda Africa Twin sind genau zur rechten Zeit am rechten Ort, das Duo wird herumgereicht. Denn: Die Nachfolgerin des legen­dären Reisebikes steht bereits in den Start­löchern. Viel erzählt man ihm nicht, alles top secret. Aber als der Österreicher ein verlebtes Foto aus der Tasche kramt, das eine sehr sportliche Großenduro mit Rallye-Genen zeigt, eine Computerretusche, reinem Wunschdenken entsprungen, nicken die Japaner dann doch unmerklich: „Ja, dicht an der Wirklichkeit.“ Kann das sein?

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Ein Motorrad, das den Namen Enduro wirklich verdient

Bei Honda sitzen vorsichtige Leute. Eine neue Honda Africa Twin bauen? Sie wäre im weltweiten Markt eigentlich zu unbedeutend, die voraussichtlichen Stückzahlen wären zu gering, als dass sich eine Neuentwicklung lohnte. Gerüchten zufolge wurden über die Jahre dennoch mehrere Prototypen gebaut, ihre Umsetzung dann aber wieder verworfen. Die Zielrichtung jedoch war offenbar im­mer die gleiche: ein Motorrad, das den Namen Enduro auch wirklich verdient.

Von allen Seiten mehren sich nun die Zeichen, dass die Entwicklung der neuen Honda Africa Twin abgeschlossen ist und sie bereits im Herbst auf der EICMA präsentiert werden könnte. Erste Hinweise gab Takanobu Ito, Vorstandsvorsitzender von Honda, bereits bei einer Rede zum Fünf-Jahres-Plan des Herstellers am 21. September 2012 in Tokio. Die komplette Motorrad-Journaille stürzte sich auf die Nachricht, dass Honda eine neue MotoGP-Replica bauen wolle. Darüber ging beinahe unter, dass Ito auch von neuen Plattformen für Mittelklasse- und groß­volumige Motorräder sprach. Im Mittelpunkt: günstig zu produzierende Motoren mit geringem Verbrauch. Schließlich denkt man bei Honda nicht mehr in lokalen Märkten wie Europa, Amerika oder Asien, sondern tatsächlich global. Erste Früchte dieser Plattform-Strategie waren die NC-Modelle und der Roller Integra, alle vom gleichen Parallel-Twin angetrieben. Oder auch die CB-Modellfamilie mit neu entwickeltem Twin.

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200 Kilogramm vollgetankt bei 20 Litern Sprit

Zudem verkündete Ito damals, dass Honda wieder an der Rallye Dakar teilnehmen werde, was der Hersteller dann 2013 und 2014 tatsächlich tat – weiteres Anzeichen für eine geplante Enduro. Auch vor der Weltpräsentation des 650er-Twins 1988 hatte Honda auf NXR 750-Prototypen gesetzt, die bei der Rallye Paris – Dakar dann Siege einfuhren. Die endgültige Bestätigung kam schließlich Mitte 2013 aus Italien, als Hondas dortiger Motorrad-Boss Vito Cicchetti öffentlich verkündete, dass eine Honda Africa Twin geplant sei, und diese Aussage auf der EICMA im Herbst 2013 wiederholte.

Die vorläufigen Eckdaten der neuen Honda Africa Twin würden Dornröschen aus dem Schlaf rütteln: 200 Kilogramm vollgetankt bei 20 Litern Sprit, um die 100 PS, der Fokus eindeutig auf der Offroadtauglichkeit. Dazu passen Federwege von 250 Millimetern vorn wie hinten sowie ein 21er-Rad vorn in Paarung mit einem 17er hinten. Im Hinblick auf Takanobu Itos Verlautbarung und der Plattform-Strategie wird die Neue aus Kos­ten­gründen nicht von einem V2, sondern von einem Paralleltwin angetrieben. Der ist leichter und darüber hinaus auch günstiger zu produzieren. Damit Puls und Sound stimmen, wird man höchstwahrscheinlich auf eine Kurbelwelle mit 270 Grad Hubzapfenversatz setzen.

Setzt Honda beim Africa Twin-Nachfolger auf Unicam-Technik?

Eines der wenigen Details, das aus den japanischen Honda-Werken bislang nach außen drang, besagt, dass die neue Honda Africa Twin intern CRF 1000 genannt wird. Damit ist die Frage nach dem Hubraum geklärt. Eine andere stellt sich ­da­gegen: Hondas Motocross-Bikes mit den CRF-Kürzeln kommen mit nur einer Nockenwelle aus. Setzt Honda beim Africa Twin-Nachfolger also ebenfalls auf die Unicam-Technik? In einer Patentschrift aus dem Jahr 2009 taucht zumindest der Hinweis auf, dass Honda damals an einem ultrakompakten V4-Antrieb arbeitete, bei dem die Unicam-Technik in den vorderen Zylindern zum ­Einsatz kam. Sie ermöglicht einen extrem kompakten und leichten Zylinderkopf bei gleichzeitig günstigen Produktionskos­ten. Das würde der Neuen entgegenkommen.

Überhaupt ist Geld natürlich ein Thema. Falls die neue Honda Africa Twin wie in der Grafik im Markt (auf Seite 2 - "Positionierung auf dem Enduro-Markt") positioniert wird, muss der Preis niedrig bleiben. Es gibt Quellen, die sogar von unter 10.000 Euro sprechen. Doch Leichtbau war noch nie günstig. Wenn die kolportierten 180 Kilogramm Leergewicht tatsächlich zutreffen und man darüber hin­aus Eigenschaften wie Gelände-, Reise- und Soziustauglichkeit gleichermaßen realisieren will, dürfen sich Enduro-Fahrer wirklich auf einen Meilenstein freuen. Was die Ausstattung betrifft, wird Honda neben einem speziellen Gelände-ABS wohl auch eine offroadtaugliche Traktionskontrolle einsetzen.

Die CRF 450 Rally war übrigens die einzige Maschine im Starterfeld der 2014er-Rallye-Dakar mit einer Traktionskontrolle an Bord. Gerüchten zufolge wollte man damit den Reifenverschleiß minimieren. Die unter diesen Extrembedingungen gewonnenen Erfahrungen könnten dem System in der CRF 1000 zugutekommen. Dass die legendäre Honda Africa Twin eine Nachfolgerin erhält, steht also außer Frage.

Ob die neue Honda Africa Twin tatsächlich so extrem geländetauglich wird, wird sich zeigen. Eins ist jedoch sicher: Als der Österreicher auf die Frage nach dem Farbwunsch „rallyemäßig“ antwortete, nickte man heftig. Ja! Sie wird rot-schwarz. Genau wie das aktuelle Honda-Rallyebike CRF 450.

Kultbike-Video Africa Twin

Das Video zum Kultbike Africa Twin.
Foto: Stefan Kraft (Zeichnung), MOTORRAD

Positionierung auf dem Enduro-Markt

Es macht einfach keinen Sinn, eine weitere Groß­enduro zu entwickeln, die in direkter Konkurrenz zum Best­seller BMW R 1200 GS steht. Zumal Honda mit dem Crosstourer in diesem Segment eh schon präsent ist. Nein, Honda wird die Lücke zwischen den kleinen Adventure-Bikes und den sportlichen, leichten Enduros schließen, dabei aber auch die Reisetauglichkeit nicht außer Acht lassen. Dass die Honda Africa Twin trotzdem kein Extrembike wird wie beispielsweise die KTM 950 SuperEnduro, ist klar. Optisch wird sich die Verkleidung stark an die der CRF 450 Rally anlehnen, soll aber doch ausreichend Windschutz bieten. Die neue Tausender wird also eher in Konkurrenz zur geländetauglichen BMW F 800 GS oder der allerdings deutlich stärkeren KTM 1190 Adventure R ­platziert.

Und die Honda Africa Twin soll diese Modelle, sollten die Eckdaten stimmen, in puncto Gewicht und Offroadtauglichkeit in den Schatten stellen. Doch ist überhaupt Marktpotenzial vorhanden? Falls ja, warum springen andere Hersteller nicht in diese Bresche? Gerüchten zufolge wird KTM schon bald ebenfalls eine leichte, zweizylindrige Mittelklasse-Enduro bringen. Hier könnte also eine ganz neue Motorradklasse entstehen – als Basis für Rallye-Einsätze und das Abenteuer Alltag gleichermaßen.

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