Neue Moto Guzzi Stelvio Reise-Pass

Stelvio soll sie heißen wie die kehrenreiche Passstraße in den italienischen Alpen, und sie soll sich am Konzept der BMW R 1200 GS orientieren. Klingt, als ob das neueste Guzzi-Projekt dem Wort Reisepass eine ganz andere Bedeutung geben könnte.

Trotz langer Kontinuität im technischen Bereich ist Moto Guzzi immer wie-
der für eine Überraschung gut. Als vor gut einem Jahr erstmals Nachrichten über die Stelvio kursierten, die zwischen BMW R 1200 GS und Ducati Multistrada angesiedelt sein und die Nachfolge der überschweren Quota antreten sollte, dachten viele, das Motorrad würde im November auf der Messe in Mailand gezeigt. Doch schon zur Jahresmitte ging der italienische Hersteller auf vorläufige Distanz zum Stelvio-Projekt. Und präsentierte im Herbst stattdessen eine 940er namens Custom sowie eine Griso mit 1200er-Vierventilmotor – beides Neuheiten, die vorher in keiner noch so kühnen Spekulation aufgetaucht waren.

Dafür kommt jetzt, wo noch kaum die notdürftigsten Informationen über die beiden neuen Triebwerke verfügbar sind, die Stelvio erneut ins Spiel. Mit der klaren Ansage, dass sie im Herbst 2007 vorgestellt und ab März 2008 gebaut werden soll. Und zwar in zwei Varianten. Zum einen – hier schließt sich ein Kreis – mit dem 940er-Zwei-ventiler. Wie Guzzi-Pressesprecher Daniele Torresan der MOTORRAD-Korrespondentin in Italien, Eva Breutel, berichtete, handelt es sich dabei um den Motor der Norge, der mit unveränderter Bohrung von 95 Millimetern, doch stark verkürztem Hub (66 statt 81,2 Millimeter) exakt 936 cm3 erreicht. Dank des kurzen Hubs besitze der V2 eine ausgesprochen spritzige Charakteristik, leiste etwa 75 PS und könnte in Zukunft alle 850er im Guzzi-Modellprogramm ersetzen.

Der aussichtsreichste Kandidat für die Motorisierung der großen Stelvio ist der Vierventil-1200er, der 110 PS bei strammen 9500/min leisten soll. Der renommierte Guzzi-Tuner Jens Hofmann hegt nach allen Erfahrungen mit den alten 1000er-Vierventilern zwar noch gewisse Zweifel daran, dass dieses Drehzahlniveau in der Großserie tatsächlich zu halten sein wird.
Dafür überzeugt ihn die modifizierte Anordnung der Steuerketten, die jetzt in Fahrtrichtung hinter den Zylindern laufen. »So nehmen die Kettenschächte den Zylindern nicht mehr wie früher die Kühlluft weg«, meint Hofmann und prognostiziert eine bessere thermische Standfestigkeit des stark hitzebelasteten Auslassbereichs.

Eine weitere Möglichkeit bestünde darin, den 93 PS starken 1200er-Zweiventilmotor der Norge auch als Antrieb für die Stelvio zu verwenden und den Vierventiler einer exklusiven, deutlich sportlicheren Variante mit 17-Zoll-Guss- oder Schmiederädern vorzubehalten. Das sei noch nicht entschieden, sagte Moto-Guzzi-Sprecher Torresan. Die hier abgebildeten Computerretuschen von Robert O’Brian sind ganz offensichtlich von dieser heißesten aller zur Diskussion stehenden Stelvio-Varianten inspiriert, die auch dem ursprünglichen Ansatz nahe kommt. Doch die derzeit vorherrschende modellpolitische Richtung zielt stärker nach der R 1200 GS. Also eine eher endurogemäße und tourentaugliche Ausführung mit 19-Zoll-Vorder- und 17-Zoll-Hinterrad in Drahtspeichenausführung.

Der Grund dafür liegt in der Familie. Der Piaggio-Konzernfamilie nämlich, zu der neben Moto Guzzi, Derbi sowie den Rollerherstellern Vespa und Piaggio auch Aprilia gehört. Und diese Marke, die im Gesamtkonzern ganz klar für Sport und Hightech zuständig ist, bringt offensichtlich in absehbarer Zukunft ein rasantes Funbike, dem die Stelvio nicht im Weg stehen soll. Ein etwas konservativeres Design passt ja auch besser zum Image des Traditionsherstellers.

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