Neue Suzuki-Enduro

Spätentwickler

Da hätte doch Suzuki beinahe einen Trend verschlafen. Doch nun soll die lang ersehnte Zweizylinder-Reiseenduro mit dem Motor der TL 1000 kommen.

Lange hatten die Marketingexperten der japanischen und italienischen Motorradhersteller rat- und tatenlos zugesehen, wie BMW mit den großen Boxer-Enduros seit 1980 Jahr für Jahr Spitzenplatzierungen in den Zulassungsstatistiken eroberte. Einzig Honda nahm den Fehdehandschuh auf, tat sich zunächst zwar schwer, bewies aber mit Transalp und Africa Twin, dass die Bayern nicht unantastbar sind. Was in den letzten Jahren weitere Hersteller ermutigte, mit Zwei- und Dreizylinder-Enduros den Kampf gegen die Weißblauen aufzunehmen (siehe Kasten Seite 32). Nur Suzukis Marketingabteilung - normalerweise immer mit der Nase im Wind - schien diesen Trend endgültig zu verschlafen. Da half alles Betteln und Flehen der Händler auch nichts. Der deutsche Importeur sprach ebenso regelmäßig wie vergeblich im japanischen Werk vor.
Die Tatenlosigkeit ist umso erstaunlicher, da Suzuki passende Motoren bereits im Programm hat. Besonders erfolgreich ist beispielsweise im Mittelklasse-Segment die SV 650 mit dem V-Zwo, der auf 800 cm3 vergrößert als Preisbrecher gegen die teuren europäischen Großenduros bestens taugen würde. So ein Motorrad hatten sich viele Händler als Gegenpart zu den immer kräftigeren, aber auch schwereren und teureren Reiseenduros gewünscht. Die Japaner haben sich nach Informationen aus dem benachbarten Ausland jedoch anders entschieden und den kräftigen Antrieb der TL-1000-Modelle auserkoren, der bereits an Cagiva verkauft und dort in die Navigator implantiert wird.
Das ehemalige Sporttriebwerk macht schon die Navigator eher zum Funbike, eine ähnliche Richtung wird Suzuki mit ihrem Erstlingswerk in dieser Kategorie einschlagen. Sicherlich wird die Leistung von 125 PS in den TL-Modellen zurückgenommen, aber mit über 100 PS wird die Neue auf dem Niveau der stärksten Gegner liegen. Auch die Räder unterstreichen den Funbike-Charakter: Gussfelgen in den Größen 18 Zoll vorn und 17 Zoll hinten, dazu passend knappe Federwege. Das Vorbild findet sich in der eigenen Palette: die XF 650 Freewind. Auch bei ihr tritt der Offfroad-Gedanke zugunsten einer straßenorientierten Fahrwerksauslegung und einer niedrigeren Sitzhöhe zurück. Ein Blick auf den kleinen Bugspoiler, der Ölkühler und -filter verkleidet, verrät, dass ernsthafte Geländeeinsätze sich ohnehin verbieten.
Beim Rahmen setzt Suzuki wie Aprilia bei der Caponord auf Aluminium. Kräftige, direkt vom Schwingenlager zum Lenkkopf geführte Profile sorgen für Ruhe im Gebälk. Keine Experimente gehen die Japaner bei den Federelementen ein, die TL 1000 S mit dem umstrittenen Drehflügeldämpfer war ihnen eine Lehre. Die Enduro federt und dämpft ganz konventionell, hinten per Hebelsystem und Zentralfederbein, vorn mit einer kräftigen Telegabel.
Was das Aussehen angeht, liegt die MOTORRAD-Zeichnung bereits nah an der Realität. Über einige wichtige Fragen kann dagegen derzeit nur spekuliert werden, zum Beispiel: Wann kommt der Suzuki-Reisedampfer auf den Markt? Auf die lange Bank wird man das Projekt sicher nicht schieben, also wohl zur nächsten Saison. Beim Preis wird sich Suzuki an der Varadero orientieren, somit dürfte dieser mehr oder weniger deutlich unter 20000 Mark liegen. Ob sie auch einen gereglten Kat bekommt? Schaun mer mal.
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Die Konkurrenz

Über zwei Jahrzehnte definierten die BMW-Boxer-Modelle von der R 80 G/S bis zur R 1150 GS, was unter einer Reiseenduro zu verstehen ist. Anfangs noch ein echtes »Dual-Purpose«-Motorrad für Gelände und Straße, zum Schluss eine Reisemaschine mit begrenzten Offroad-Qualitäten. In jedem Fall aber ein sehr erfolgreiches Konzept, das im Laufe der Jahre immer mehr Käufer fand. Ganz im Gegensatz zu den ersten zaghaften Versuchen der Japaner und Italiener, man denke nur an die Honda XLV 750, die Cagiva-Modelle mit dem Ducati-Desmo-Motor oder Exoten wie die Morini Camel. Erst mit der Transalp gelang es Honda, einen ernstzunehmenden Anteil vom Kuchen abzuschneiden. Was aber nichts daran änderte, dass die Boxer-BMW seit Jahren den ersten Platz in der Zulassungsstatistik zementiert haben. Mehr als 6000 Käufer orderten im vergangenen Jahr die R 1150 GS, da kam nicht einmal die kleinere Schwester F 650 GS heran (etwa 5500 Maschinen). Hondas Renner hieß XL 1000 V Varadero, die es mit 2200 Exemplaren immerhin auf Rang 14 schaffte. Beachtenswert auch die mehr als 2000 verkauften Transalp, die trotz forgeschrittenen Alters sogar zulegen konnte. Knapp 5500 Stück brachten 2000 alle Honda-Zweizylinder dieses Segments - Varadero, Africa Twin und Transalp – zusammen. Eine Außenseiterrolle spielt die Triumph Tiger mit gut 500 verkauften Stück vergangenes Jahr, auch wenn die Enduro im Programm der Engländer hinter der Sprint ST und der Speed Triple nur auf Platz drei liegt.

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