Neues aus Italien (Archivversion) Jetzt erst recht

Die gute Nachricht für die Gebrüder Castiglioni kam kurz vor der IFMA: Endlich waren sie mit dem amerikanischen Unternehmen Texas Pacific Group (TPG) handelseinig geworden. Frei nach dem Motto »Wasch mich, aber mache mir nicht den Pelz naß«, haben die Castiglionis scheinbar doch noch ihren Willen durchgesetzt, denn 49 Prozent bleiben im Familienbesitz der Italiener. Zwei Prozent verwaltet eine Mailänder Bank treuhänderisch. Brancheninsider gehen davon aus, daß die Amerikaner für ihre 49 Prozent der Ducati-Anteile umgerechnet rund 400 Millionen Mark bezahlen werden. Kapital, das die Castiglionis dringend zum Begleichen der offenen Rechnungen von ungeduldigen Zubehörlieferanten benötigen. Trotzdem, oder gerade deshalb präsentierte Ducati eine Erweiterung der Modellpalette: Den Tourer Sport Turismo, kurz ST 2, mit dem altbekannten Zweiventil-Motor der 900 SS, leicht aufgebohrt auf 944 cm³. Die Eckdaten: 212 Kilogramm Trockengewicht, 61 kW (83 PS) Leistung zum Preis von voraussichtlich unter 22000 Mark.Für den Cagiva-Konzern sieht es dagegen weiterhin düster aus, denn die Amerikaner haben sich nur das vermeintliche Sahnestück Ducati herausgeschnitten. Zudem soll im Vertrag vereinbart worden sein, daß Cagiva der Marke Ducati keinerlei Konkurrenz im Bereich der großvolumigen Motorräder machen darf – das unweigerliche Aus für das ehrgeizige Vierzylinder-Projekt F4, zumindest in Verbindung mit dem Namen Cagiva. Doch vielleicht erscheint die F4 ja auf wundersame Weise bei Ducati, oder, noch klangvoller, als MV Augusta. Die Namensrechte hierfür besitzen die Castiglionis jedenfalls.Trotz aller Zukunftssorgen präsentierte Cagiva eine großvolumige Reise-Enduro Canyon 900 I.E., die Nachfolgerin der legendären Elefant. Auch für den wachsenden 125er Markt zeigen sich die Italiener gewappnet. Die Super City stellt eine optisch ansprechende Mixtur aus Enduro und Straßenmaschinen dar. Und auch die unverkleidete N1, die auf dem bewährten Renner Mito 125 basiert, würde sicherlich viele Liebhaber in Deutschland finden. Wenn, ja wenn genügend Geld für die Serienproduktion vorhanden ist. In eine ähnlich ungewisse Zukunft steuert die Cagiva-Tochter Husqvarna, just zu einem Zeitpunkt, da man voll Stolz die TE 610 E Dual mit einem komplett neuen, 577 cm³ großen Einzylinder-Viertaktmotor präsentiert. Um auch im länger währenden Straßenbetrieb mehr Standfestigkeit zu garantieren, rüsteten die Ingenieure den Single gleich mit zwei Ölpumpen aus. Zudem soll ein elektrischer Anlasser die Startprozedur erleichtern. Momentan existiert allerdings lediglich ein Prototyp des Motors, da das Geld für den Bau der entsprechenden Werkzeuge noch fehle.Ebenfalls nicht gerade auf Rosen gebetet, wagt Laverda trotzdem den Schritt zu hubraumstärkeren Maschinen. Gerade noch rechtzeitig zur IFMA wurde der neue, wassergekühlte 750er Zweizylinder fertiggestellt, mit bekannten Detaillösungen der 668, wie etwa Benzineinspritzung und einem Alu-Tank im Heck. Zudem erweitern die Italiener die Ghost-Baureihe mit der Strike, die über einen Alu-Rahmen und eine kleine Lenkerverkleidung verfügt. Bimota präsentierte ebenfalls ein Novum, über das sich nicht nur der neue deutsche Importeur Könemann freuen wird: den ersten komplett in Eigenregie konstruierten und gefertigen Motor. Der 110 PS starke V2-Zylinder-Zweitakter der 500 V Due soll dank einer direkten elektronischen Einspritzung die strengen EU-Abgasnormen auch ohne Kat mühelos schaffen. Das Trockengewicht des kompromißlosen Renners dürfte bei lediglich 145 Kilogramm liegen. So viel High-Tech hat ihren Preis: Um die 30000 Mark soll die Due kosten. Der Einsatz im GP-Sport ist derzeit jedoch nicht vorgesehen – aus Kostengründen.Auch bei Aprilia tat sich einiges, weniger in produktpolitischer Hinsicht, als in der Neuordnung des deutschen Vertriebs. Was vor der IFMA noch heftigst dementiert wurde, bestätigte eine kurze Pressemitteilung zu Beginn der Messe: Aprilia ist ab sofort alleiniger Eigentümer der A + G GmbH in Bielefeld. Den Vertrieb der Marke Moto Guzzi, den die 1989 gegründete Firma bisher organisierte, übernimmt Martin Röth. Vom bisherigen Geschäftsführer Erhard Just trennt man sich »mit sofortiger Wirkung aufgrund der unterschiedlichen Auffassung über die Geschäftspolitik«, so die knappe Erklärung. Die Italiener sind Gerüchten zufolge mit dem Verkaufszahlen der hubraumstarken Modelle unzufrieden gewesen. Und von diesem Kuchen wollen sie in Zukunft ein großes Stück mehr abhaben. Beleg dafür sind die stark überarbeitete 650er Pegaso Enduro und die Studie namens Shiver, ausgerüstet mit einem 1000 cm³ großen V2-Viertaktmotor, mit dem Mitte 1997 auch Sporteinsätze geplant sind.Keinerlei Sorgen scheint derzeit KTM zu haben. Nach dem erfolgreichen Börsengang mit reichlich liquiden Mitteln ausgestattet, machen die Mattighofener jetzt ernst: Die Österreicher wollen auch bei Straßenmotorrädern mitmischen, die beiden blitzsauberen Einzylinder-Studien dienten als eindrucksvoller Beleg dafür. Und auch bei den 125ern träumt wohl so mancher Messebesucher, nochmal 16 Jahre alt zu sein: Mit der Sting 125 bekommt die Duke 620 eine zweitaktende Schwester. Den Motor spendet die kleine LC2, der Rahmen stammt vom 250er Crosser. Preis: 8780 Mark.Etwas ruhiger geworden war es 1996 um den britischen Anbieter Triumph. Die Verkaufszahlen des laufenden Jahres wollten nicht so recht zufriedenstellen; der bisherige deutsche Geschäftsführer mußte schon vor einigen Monaten seinen Hut nehmen. Auf der IFMA wollten die Briten eigentlich einen neuen Vertriebschef präsentieren, doch dem war die Sache wohl zu heiß geworden: Er sprang kurzfirstig wieder ab. Ob man überhaupt einen neuen Mann brauche, darüber ist man sich bei Triumph anscheinend sowieso nicht sicher. »Mit der Interimslösung Ross Clifford klappt alles ganz prima«, war von einem Mitarbeiter zu hören. Hoffentlich auch der Verkauf der neuen Dreizylinderserie, die mit viel Vorschußlorbeeren bedacht wurde.

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