Neuheiten 1997 (Archivversion) Große Vorbilder

Nur wer große Vorbilder hat, kann später einmal selbst eins werden. Also nahm Suzuki für seine 1997er Neuheiten große Motorräder zum Vorbild - für sich und vielleicht auch für andere.

Künstler tun es, Sportler tun es - und nun hat auch Suzuki eine alte japanische Tugend wieder entdeckt: Vorbildern nachzueifern. Ein Vorbild hat jedoch naturgemäß immer einen Vorsprung an Erfahrung. Deshalb gehört Mut und viel Können dazu, einem Vorbild nicht nur nacheifern, sondern es auch übertreffen zu wollen. »Und Überredungskunst«, ergänzt Bert Poensgen, Bereichsleiter für Marketing und Vertrieb bei Suzuki Deutschland, als er mit MOTORRAD auf die wichtigste Suzuki-Neuheit für 1997 zu sprechen kommt - den Zweizylinder-Sportler TL 1000 S. »Die Suzuki-Ingenieure haben zuerst fast Harakiri begangen, als sie einen Zweizylinder-Sportler bauen sollten«, lacht Poensgen. Die technischen Daten - wassergekühlter 90-Grad-V-Zweizylinder, 98 Millimeter Bohrung, 66 Millimeter Hub, vier Ventile pro Zylinder und elektronische Benzineinspritzung - klingen bekannt. Dafür ist die TL 1000 S die erste Suzuki mit serienmäßiger elektronisch gesteuerter Einspritzanlage. Der Rechner bestimmt drehzahl- und lastabhängig die Gemischzusammensetzung aus dem Saugrohrdruck beziehungsweise dem Drosselklappenwinkel und der Drehzahl. Die Erfassung von Luftdruck sowie Luft- und Kühlwassertemperatur besorgen die Feinabstimmung.Den Gaswechsel der beiden zusammen 996 Kubikzentimeter Hubraum fassenden Zylinder steuern je vier gewaltige Ventile, für den Einlaß 40, für den Auslaß 33 Millimeter groß. Auf die nur 5,5 Millimeter starken Ventilschäfte wirken die Nocken der je zwei obenliegenden Nockenwellen über Tassenstößel. Geschlossen werden die Ventile von je zwei Schraubenfedern. Die Nockenwellen werden von einer Zwischenwelle, Ketten und Zahnrädern angetrieben. Um einerseits den guten Massenausgleich eines 90-Grad-V-Motors zu nutzen und andererseits die Baulänge des Motorrads zu begrenzen, hat Suzuki das V im Vergleich zu Ducati weiter aufgerichtet, womit die Motorposition mehr dem neuen V-Twin von Honda ähnelt. Dennoch unterbietet Ducatis 916 die TL 1000 S im Radstand um fünf Millimeter.Außergewöhnlich ist die Hinterradfederung des neuen Suzuki-Sportlers. Feder und Dämpfer arbeiten getrennt. Die Feder liegt rechts neben dem hinteren Zylinder und wird über ein progressiv wirkendes Hebelsystem beaufschlagt. Der Dämpfer ist über ein eigenes, weniger progressiv wirkendes Gestänge an der Schwinge angelenkt. Er ist kein Kolbendämpfer üblicher Machart, sondern ein Drehflügeldämpfer, der das Dämpferöl nicht durch eine lineare, sondern rotationsförmige Bewegung verdrängt. Die Federung soll leichter ansprechen, besser einstellbar und weniger temperaturempfindlich sein. Und noch ein Suzuki-Novum: Die TL 1000 S hat einen geschweißten Aluminium-Gitterrohrrahmen. Die in der offenen Variante über 120 PS starke und vollgetankt nur etwa 210 Kilogramm TL 1000 S soll im nächsten Frühjahr bei den Händlern stehen und den bisher größten Suzuki-Sportler, die GSX-R 1100, ersetzen. Der Preis liegt laut Bert Poensgen in Deutschland »unter 20 000 Mark«. Auch in Suzukis Chopper-Riege tut sich Erfreuliches. Die VZ 800 Marauder bringt frischen Wind in die etwas angejahrte Intruder-Riege. Die Marauder - sinngemäß »Halsabschneider« - soll sich viel stärker in Richtung alltagstauglicher Fahrbarkeit orientieren als die doch eher träge VS 800. Der 50 PS starke Motor wurde mit äußerlichen Retuschen versehen, ist im Kern aber immer noch der bekannte Antrieb. Statt eines Kardans reicht nun jedoch eine O-Ring-Rollenkette die Kraft ans Hinterrad weiter. Das Fahrwerk ist komplett neu. Eine Upside-down-Gabel an einem Chopper ist eine echte Pioniertat. Statt des schmalen 19-Zoll-Reifens der Intruder wird die Marauder von einem 130 Millimeter breiten 16-Zoll-Vorderrad geführt. Der Preis für die VZ 800 Marauder steht noch nicht fest. Die lange erwartete GSX-R 600 ersetzt nicht den Sporttourer RF 600; sie ergänzt Suzukis Angebot in dieser hart umkämpften Klasse. Wer meint, verblüffende Ähnlichkeiten mit der GSX-R 750 zu entdecken, liegt richtig: Rahmen, Verkleidungsteile und Motorgehäuse entstammen der großen Schwester. Das freut den Tuner, denn er kann die 600er mit Teilen der GSX-R 750 aufwerten. Unterschiede sind in der konventionellen Gabel der GSX-R 600 zu finden, in der geänderten Schwinge, der schmaleren 5,5-Zoll-Hinterradfelge - ihr 180er Hinterreifen ist dennoch der breiteste seiner Klasse - und natürlich in dem durch Reduzierung von Bohrung und Hub auf 599 Kubikzentimeter verringerten Hubraum. 36,5 statt 38 Millimeter große Vergaser und kleinere Ventile passen Gemischaufbereitung und Gaswechsel dem kleineren Hubraum an. Über 100 PS in der offenen Version sollten trotzdem problemlos erreichbar sein. Zudem verspricht Suzuki trotz der 750er Herkunft für die 600er ein Gewicht von vollgetankt unter 200 Kilogramm. Ihr Preis ist ebenfalls noch nicht kalkuliert. Ganz genau schließlich haben sich die Suzuki-Techniker die Konkurrenz angeschaut, als sie die Touren-Enduro XF 650 »Freewind« konzipierten. Die Cockpit-Verkleidung erinnert an Aprilias Pegaso, das Heck an BMWs F 650 und der Namensschriftzug an Yamahas Diversion. Mit ihrem Äußeren zielt die XF 650 jedenfalls viel stärker auf die Allroundfahrer-Klientel als jede andere Suzuki-Enduro. Der Zylinderkopf des aus der DR 650 SE stammenden Motors wurde für den neuen Einsatzzweck überarbeitet. Zwei synchron arbeitende Gleichdruckvergaser übernehmen nun die Gemischaufbereitung, und eine Doppelzündung soll auch mit niederoktanigem Sprit für eine klopffreie Verbrennung in dem wahlweise 50 oder 34 PS starken Motor sorgen. Die Ausstattung ist hochwertig: Eine schwimmend gelagerte Bremsscheibe vorn, Edelstahl-Auspuffanlage, Aluminium-Kastenschwinge, Alu-Gepäckträger und Motorschutz und ein Flüssigkristall-Bildschirm im Cockpit, der neben anderen Funktionen die Drehzahl analog, die Geschwindigkeit jedoch digital anzeigt, weisen der Freewind den Weg in die höherwertige Sparte von Reise-Enduros. Trotzdem soll die XF 650 im nächsten Frühjahr für unter 10 000 Mark zu haben sein.

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