Neuheiten 2004: Fahrbericht Yamaha FZ6 Fazer (Archivversion) New Generation

Sie trägt das Herz eines Kämpfers unter dem Deckmantel der Frömmigkeit. Ab Oktober 2003 steht die komplett neue Yamaha FZ6 Fazer mit modifiziertem R6-Antrieb in den Schaufenstern.

Einige werden sicher die FZ6 Fazer betrachten und meckern. Darüber, dass die kultigen Bremszangen mit den blau eloxierten Verschluss-Stopfen verschwunden sind. Dass das plastiline Cockpit in einer Playstation besser auf-gehoben wäre. Und der schamlos zur Schau gestellte Motor aus der R6 sehr unterkühlt und uncharmant rüberkommt. Oder die nach oben gezogenen, am Heck mündenden Endschalldämpfer schlicht bei der Konkurrenz abgekupfert wurden. Lassen wir das. Abgehakt unter dem Kapitel Trend. Die Qualitäten des 600er-Allrounders offenbaren sich beim Fahren.Entwarnung für alle Fazer-Fans: Auch auf der Neuen stellt sich bei der ersten Sitzprobe sofort ein vertrautes Gefühl ein. Das ergonomische Dreieck aus Sitzbank, Fußrasten und Lenker ist fast perfekt, aufgrund der stärker vorderradorientierten Position des Fahrers sogar eine Nuance besser als beim Vorgänger-Modell. Und dank der schmalen Taille wird der Fazer-Pilot, egal, ob groß oder klein, erheblich besser integriert als bei der Alten. Schon auf den ersten Metern nimmt der Motor bereitwillig die Befehle des Gasgriffs entgegen. Kein Choke-gefummel mehr dank Einspritzung. Die sorgt in Verbindung mit Sekundärluftsystem und U-Kat dafür, dass die Neue die Schadstoffgrenzwerte der Euro-2-Norm locker unterbietet. Also rein in die Bergwelt der Alpen. Nach einem kurzem Stück Massentourismus und Standgas-Gestocher liegt die erste freie Gerade vor den Rädern und dem Passanstieg. Wer jetzt R6-Power erwartet, eine furiose Leistungsexplosion ab 8000/min, wird eines Besseren belehrt. Kein Gieren nach Höchstdrehzahlen, kein Anschein von Drehmomentschwäche im ganzen Bereich darunter. Antrittsstark, gehorsam und homogen setzt der Motor den Beschleunigungsbefehl in Geschwindigkeit um. Hat wenig Lastwechsel, dafür ein recht knochiges Getriebe und leich-te Vibrationen bei Konstantfahrten um die 8000 Umdrehungen. Geruckel oder Kettepeitschen, wenn man im sechsten Gang ab 40 km/h voll am Kabel zieht, sind dem Vierzylinder fremd. Mustergültig und relaxt schiebt die FZ6 Fazer vorwärts, dreht bis 14000/min. Und liefert 98 Pferde, nur drei mehr als zuvor – perfekt dressiert durch einen 32-Bit-Prozessor sowie seine fünf Sensoren und optimal gefüttert durch einen größeren Luftfilterkasten mit Fallstromeinlass. Gegenüber dem R6-Motor sind die Einlasskanäle modifiziert, das Nockenwellenprofil ist identisch mit dem der alten Fazer. Zudem wurde eine neue, effektive Einspritzung speziell für die FZ6 entwickelt. Jeden Zylinder speist eine vierstrahlige Düse, die gegen Ende des Ausstoßtakts sowie beim Ansaugen in zwei Portionen je 50 Prozent der nötigen Spritmenge zur Verfügung stellt. Davon verspricht sich Yamaha einen niedrigen Verbrauch bei verbesserter Füllung.Der Motor funktioniert brillant. Aber hält auch das Fahrwerk, was die Strategen versprechen? Zum ersten Mal in der Geschichte des Serienbaus besteht ein Rahmen aus zwei spiegelverkehrten Gussteilen, die am Lenkkopf miteinander verschraubt sind. Das spart Gewicht, zumindest im Vergleich zum Stahlrahmen der Vorgängerin. 4,2 Kilogramm leichter soll der neue Aluminiumrahmen samt geschraubtem Stahlheck sein. Zudem ist er günstiger zu produzieren und übertrifft das alte Chassis laut Yamaha in puncto Fahrstabilität noch. Zumindest sind sich beide ebenbürtig. Zielgenau schnellt die Fazer durch die Umlaufbahn engster und weiter Radien. Lässt sich spielerisch abwinkeln und trifft die angepeilte Linie präzise wie eh und je. Ob sie jedoch, laut Presselyrik, tatsächlich an Handlichkeit gewonnen hat, sei dahingestellt. Angaben wie vergrößerter Lenkeinschlag, fahrdynamisch verbesserter Schwerpunkt sowie Verminderung der ungefederten Massen durch leichtere Räder stehen Handling-ungünstigere Fakten entgegen: Die Reifendimensionen erhöhten sich hinten von 160 auf 180, vorn von 110 auf 120. Der Radstand wuchs um 25, der Nachlauf um neun Millimeter. Der Lenkkopfwinkel fällt um ein Grad flacher aus. Zusammengefasst: Die neue FZ6 Fazer ist optisch wie fahrwerksseitig erwachsener geworden und hat sich ihre spielerische Handlichkeit bewahrt. Nicht mehr, nicht weniger.Lenkkorrekturen sind schnell umsetzbar. Die Rückmeldung der Federelemente ist prima. An der neuen 43er-Gabel kann im Gegensatz zum Vormodell die Federbasis nicht mehr vorgespannt werden. Das lässt sich aber verschmerzen, denn die Grundabstimmung ist gelungen. Nur bei zackiger Fahrweise wäre eine Spur mehr Dämpfung wünschenswert. Die Hinterhand arbeitet selbst im Soziusbetrieb zufrieden stellend.Letzteres gilt auch für die Bremsan-lage. Diese hat zwar den Biss der Kultbremse mit dem blauen Kroneneinsatz verloren und fordert mehr Handkraft. Wirkung und Dosierbarkeit liegen jedoch noch immer auf demselben hohen Niveau wie die ganze Maschine. Das Entwicklungsziel, ein selbst für Fahranfänger leicht zu beherrschendes Bike mit hoher Alltagstauglichkeit sowie Sport- und Tourencharakter zu konstruieren, hatten die Techniker schon bei Vorstellung der ersten Fazer 1997 erreicht. Die neue FZ6 Fazer legt in den Disziplinen Sport und Tour die Latte noch ein wenig höher. Zum einen durch den subjektiv durchzugs-stärkeren Motor. Zum anderen durch die breitere Verkleidung mit einer effektiver schützenden Scheibe, die optional nochmals gegen eine neun Zentimeter höhere ausgetauscht werden kann.Was bleibt, ist die Vorfreude auf die unverkleidete Version, schlicht FZ6 genannt. Während die Fazer für zirka 7500 Euro ab Herbst zu haben ist, müssen sich Naked-Bike-Fans noch bis März 2004 gedulden. Gegen 7300 Euro ist dann die zweite Stufe der New Generation erhältlich.

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