Neuheiten 2006 Last Minute

Wer kurz vor Redaktionsschluss zu wissen glaubte, wie diese Neuheitenstory aussehen wird, hatte die Brisanz des Tages unterschätzt. Denn plötzlich drängten sich die Neuheiten, um noch ins Heft zu gelangen.

Foto: BMW
Diese Überraschung war perfekt. Niemand hatte damit gerechnet, dass BMW die neue F 800 S schon jetzt zeigen würde. Von Mitte November war die Rede gewesen, umso erfreulicher, den flott gezeichneten Mittelklasse-Zweizylinder vor der Zeit kennen zu lernen.
Die ineinander übergehenden Flächen von Halbschale, Tank und Sitzbankverkleidung ergeben das Bild eines dynamisch gestreckten Motorrads; es soll vollgetankt unter 200 Kilogramm wiegen. Das signalisiert ausgeprägte Sportlichkeit, die jedoch nicht auf Kosten des Soziuskomforts gehen soll. Nebenbei hat BMW raffiniert rationa-
lisiert, sowohl Produktions- wie auch eventuelle Reparaturkosten werden gemindert, indem alle lackierten Teile nur seitlich ange-
setzt sind, der mittlere Bereich des Motorrads einheitlich schwarz gehalten wird. Das Design der Räder entspricht denen der
K 1200 S; dies und die ABS-Option zeigen an, dass die F 800 trotz aller Rationalität kein Magermodell wird.
Der 800er-Motor ist kein zweizylindriger Ableger der K 1200-Konstruktion, sondern komplett neu entworfen. Er hängt mittragend in einem Alu-Brückenrahmen und leistet über 80 PS, die per Sechsganggetriebe und Zahnriemen aufs Hinterrad übertragen werden. Angeblich glänzt er mit vorbildlich geringem Verbrauch. Ob es sich um einen Gleich- oder Gegenläufer handelt oder ob die Kurbelwellenkröpfung wie bei der Yamaha TDM ausfällt, verrät BMW noch nicht, ebenso wenig die Lage und Zahl der Ausgleichswellen. Ein viel versprechender Ansatz ist trotzdem erkennbar.
Über Ansätze längst hinaus ist die neue Yamaha FZ1. Die unverkleidete Variante der kürzlich präsentierten FZ1 Fazer ist
ein Bild von einem starken Naked Bike
geworden. Technisch bleibt alles wie bei der Fazer, wobei der von der R1 über-
nommene Motor nochmals hervorzuheben ist, der zugunsten eines höheren Dreh-
moments überarbeitet wurde, doch immer noch stattliche 150 PS bringt. Beide neuen 1000er von Yamaha werden optional mit ABS angeboten. Das Gleiche gilt, so war über dunkle Kanäle zu erfahren, auch für die zwei Varianten des Erfolgsmodells FZ6. Und noch eines kam nach turbulenter Recherche ans Licht: Yamaha präsentiert eine FJR 1300 A mit elektronischer Schaltung, wahrscheinlich nach Art des Systems aus dem BMW M3: Gangwechsel auf Knopfdruck mit elektrohydraulisch betätigter Kupplung und Schaltmechanik. Und Raffinessen wie automatisch gesteuerte Zwischengasstöße beim Zurückschalten. Eine Sensation als vorläufiger Endpunkt einer ambitionierten Modelloffensive.
Nicht minder ehrgeizig, nur in Relation zur Größe der Motorradsparte etwas be-
scheidener als bei Yamaha entwickelt
Kawasaki neue Modelle. Im Windschatten von ER-6n und f, ZX-10R und vor allem ZZR 1400 schlendert lässig die neue VN 900 auf den Markt. Mit klassischem Look und aufgebohrtem sowie modernisiertem Motor. Eine Umsetzung der für viele überraschenden Erkenntnis, dass Mittelklasse-Cruiser in Frankreich, Italien und Deutschland während der letzten Jahre munter Verkaufserfolge eingeheimst haben. Quasi als die coolere Alternative zu Großrollern.
Wobei die zweifellos beste Alternative ein echter Großcruiser oder -tourer nach Art der neuen Harley-Davidson Street Glide wäre. Als puristische Alternative zur reich geschmückten Electra Glide Ultra Classic sei sie hier als einzige von sechs neuen Harleys vorgestellt. In MOTORRAD 22/ 2005 wird bereits ein Fahrbericht der neuen Night Rod zu lesen sein, und bei dieser Gelegenheit werden auch die übrigen Harley-Neuheiten bedacht. Wie alle Modelle mit luftgekühlten Big-Twin-Motoren erhält die Street Glide modifizierte Zylinderköpfe und Einspritzanlagen, überdies eine modifizierte Kupplung, welche geringere Handkraft verlangt. Der Clou jedoch ist eine serienmäßige Audioanlage von harman/kardon.
Mit solchem Luxus hat die Honda CBF 1000 nichts am Hut. Sie möchte sich als preisgünstiger Allrounder profilieren. Durch eine Einspritzung mit nur einer Düse pro Zylinder und 36-Millimeter-Drosselklappen, durch verengte Ansaugkanäle und kleineren Querschnitt der Auspuffrohre wird der Fireblade-Motor auf 98 PS bei 8000 und ein maximales Drehmoment von 93 Nm bei 7000 Umdrehungen gedrosselt. Zugunsten eines Drehmomentüberhangs im mittleren Bereich für besonders gelassenes Fahren.
Im Unterschied zur 600er ist die Sitzbank der CBF 1000 nicht nur dreifach in der Höhe, sondern auch noch in drei Positionen nach vorn und hinten
einstellbar, dazu lässt sich die
Scheibe der Halbschalenverkleidung in zwei Stufen variieren. Entgegen der Aussage im letzten MOTORRAD federt die große CBF hinten mit einem Pro-Link-Hebelsystem. Moderat bleiben die Reifenbreiten, ein 120er vorn und ein 160er hinten versprechen superbes Handling. Aufrüstung ist jedoch beim Bremssystem angesagt: Auf Wunsch wird die CBF 1000 mit einfacher Kombibremse und dem bewährten ABS bis-
heriger CB- und CBF-Modelle erhältlich sein. Bleibt zu spekulieren, wie viel eine
CBF 1000 kosten wird. Wer die Relationen zwischen CBF 600 und Hornet 600, zwischen ABS und normaler Bremse auf die 1000er überträgt und dazu die derzeitige Preisgestaltung der Suzuki-Bandit-Modelle betrachtet, wird zu dem Schluss kommen, dass die Standardvari-
ante der CBF knapp unter 9000 Euro kosten wird,
das ABS-Modell knapp unter 9500 Euro.
Unerwarteterweise hat Honda den Mittelklasse-Tourer Deauville für 2006 tiefgreifend modifiziert. Der 650er-V2 erhielt nicht nur durch eine größere Bohrung 33 cm3 mehr Hubraum, sondern statt der bisherigen Dreiventil-Zylinderköpfe neu konstruierte Vierventil-
einheiten. Dadurch stieg die Leistung auf knapp 66 PS. Ansonsten wurde die Deau-
ville in vielerlei Hinsicht größer. Der Tank fasst einen Liter mehr, der Stauraum wuchs, die Verkleidungsscheibe wurde größer, der Lenker höher. Und mit dem neuen Modell ist ABS zusätzlich zum schon bisher ein-
gebauten CBS im Angebot.
V2-Motoren von gänzlich anderer Art befeuern die neuen Aprilia RXV und SXV, eine Enduro und Supermoto, die es als
4.5 mit 450er und 5.5 mit 550er-Motoren geben wird. Die Supermoto hat im Rennsport mit ihrem ultrakompakten V2 schon einen Weltmeistertitel eingefahren, jetzt kommt das Konzept mit Straßenhomo-
logation. Neben dem Motor erscheint die Bauart des Rahmens interessant, der Verbund eines fachwerkartig ausgeführten Gussteils mit einem angeschraubten Vorderteil aus Stahlrohren. Diese Maschinen kann MOTORRAD bereits im November fahren; ein Bericht folgt umgehend. Auch der Fahrbericht von der Pegaso 650 Trail, einer Enduroversion der Pegaso Strada mit Yamaha-Einzylinder, wird nicht mehr lange auf sich warten lassen.
Dagegen sind die Fans schon froh, von der neuen Suzuki GSR 600 überhaupt einmal ein richtiges Foto zu sehen, das ebenfalls in letzter Sekunde den Weg in diese Geschichte fand. Ein hübsches Motorrad mit Alugussrahmen, einer Schwinge mit Oberzügen und polierter Edelstahl-Auspuffanlage. Aufgeräumt bietet sich die Peripherie des Motors dar; die unvermeidlichen Leitungen, Schläuche und Kabel verstecken sich diskret. Nur die Anrede »kleine B-King« erscheint nicht mehr zutreffend. Von der B-King-Sudie blieb nur die breit ausgestellte Seitenverkleidung vorn am Tank als Gestaltungselement. Doch die GSR verdient es, als eigenständiges Motorrad gesehen zu werden.
Was den letzten beiden Maschinen in diesem Neuheitenreigen überhaupt kein Problem bereitet. Sie stehen da, als hätten sie den Begriff Eigenständigkeit erfunden. Vom 865er-Reihenzweizylinder der Thruxton befeuert, stellt sich die spektakuläre neue Scrambler als weiteres Motorrad
mit klassischem Aussehen und moderner Technik vor. Die hochgelegte Auspuffanlage mit den gekreuzten Krümmern erinnert an die Triumph Scrambler der 60er, doch die daraus resultierende Schräglagenfreiheit und der breite, hochgezogene Lenker bieten handfeste Vorteile fürs Landstraßenswingen im Hier und Jetzt.
Klassisches Aussehen mit zeitgemäßer Technik zeichnet auch die Rocket III Classic aus, nur eben aufs Powercruising gemünzt. Der gewaltige 2,3-Liter-Dreizylinder hüllt sich in dezentes Schwarz und verhilft den zahlreichen Chromteilen sowie der Zweifarblackierung zu markant kontrastierender Wirkung.

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