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Beim Studium der ersten offiziellen Bilder muss man attestieren, dass es zumindest nicht schiefgegangen ist.

Modell-Präsentation BMW R nineT Jubiläumsmotorrad zum 90.

Das eigentliche Wesen, der Kern der Sache – so erklärt das Wörterbuch den Begriff Essenz. „Die Essenz aus 90 Jahren BMW Motorrad Faszination“ – so steht es im BMW-Pressetext. Kann die BMW R nineT wirklich Essenz sein? Oder gar Quintessenz werden?

Mann, da haben sich die Bayern aber etwas vorgenommen. Den urwüchsigen Charakter des Boxermotors mit der Formensprache verschiedener Motorradepochen vereinen, das Ganze ergänzen durch innovative Technik und ein modulares Konzept. Selbst wenn man weiß, dass Bescheidenheit in Marketingkreisen nicht eben zu den Grundtugenden gehört, fragt man sich angesichts dieser kühnen Pläne für das Jubiläumsmodell schon: Kann das gut gehen?

Beim Studium der ersten offiziellen Bilder muss man attestieren, dass es zumindest nicht schiefgegangen ist. Wäre ja auch tragisch gewesen, wenn man in München den 90. feiert und ein Modell präsentiert hätte, das so seltsam aussieht, wie es heißt: BMW R nineT. Tradition oder vergangene Motorradepochen kommen einem da nicht umgehend in den Sinn, innovative Technik schon eher. Vermutlich war auch bei der Namensfindung der Stilmix Teil des Gesamtkonzepts.

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BMW R nineT ist kein klassischer Roadster

Stilmix deshalb, weil die BMW R nineT nicht der klassische Roadster geworden ist, den viele erwartet (und manche erhofft) haben. Massive 46-Millimeter-Upside-down-Gabel aus dem Supersportler S 1000 RR, mächtige 320-Millimeter-Scheiben mit Brembo-Monoblock-Zangen, Zentralfederbein mit Hebelumlenkung – das sind nicht eben Accessoires aus der guten alten Zeit, sondern kernige Performance-Optimierer. Auf der anderen Seite stehen Drahtspeichenräder mit schwarz eloxierten Leichtmetall-Flachschulterfelgen und gegossenen Alu-Radnaben sowie Schlauchbereifung, steht der gerade abgelöste luftgekühlte dohc-Boxer mit 110 PS und ein luftiges Rahmenheck ohne den heute üblichen Ballast. Das hat zweifellos etwas Klassisches.

Überhaupt, das Rahmenheck. Wenn BMW vom modularen Konzept spricht, ist vor allem das damit gemeint. Ein Heck nämlich, das auf jede Gemütslage die passende Antwort hat. Am Sonntagmorgen zum Fräsen auf die Hausstrecke, während Mutti zu Hause am Herd steht? Dann weg mit dem Soziusrahmen und Soziusplatz, rauf mit dem Sitzbankhöcker aus Alu (Zubehör), damit man beim Motorradtreff glänzen kann. Soll es hingegen der extrovertierte Auftritt auf der Rennstrecke sein, wird gleich das gesamte Rahmenheck samt Kennzeichenhalter und Rücklicht demontiert. Was nicht dran ist, kann auch nicht kaputtgehen. Dann noch ein 6-Zoll-Rad statt des serienmäßigen 5,5-Zoll-Rads montiert (passt zwischen Auspuff und Schwinge), und fertig ist die BMW R nineT zur Rundenzeitenjagd. Aber diese Variante dürfte vermutlich die Ausnahme bleiben. Weniger, weil der R nineT mit ihren hochwertigen Fahrwerkskomponenten das Talent zum Schnellfahren abgehen dürfte, sondern allein deshalb, weil der Anblick der hecklosen BMW etwas gewöhnungsbedürftig ausfällt.

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Foto: BMW
Sie ist ein wahrer Stilmix. Stilmix deshalb, weil die R nineT nicht der klassische Roadster geworden ist, wie von vielen erwartet.
Sie ist ein wahrer Stilmix. Stilmix deshalb, weil die R nineT nicht der klassische Roadster geworden ist, wie von vielen erwartet.

Dann doch lieber im Komplettornat, bereit auch für die Tour zu zweit. Dafür ist die BMW R nineT mit ihrer im Vergleich zur Standard-R 1200 R kürzeren Sekundärübersetzung ebenso gut gerüstet wie für ein aus der Gashand geschütteltes Überholmanöver im letzten Gang.

Beim Motor selbst hingegen bleibt alles beim Alten. Der luftgekühlte Boxer entwickelt seine 110 PS bei 7750/min und sein maximales Drehmoment von 119 Newtonmetern bei 6000/min. Er steckt allerdings in einem völlig neu entwickelten, zweiteiligen Stahl-Gitterrohrrahmen, der zwingend notwendig wurde, weil ja die Telelever-Vorderradführung entfällt. Dadurch fällt natürlich auch der Lenkkopfwinkel mit 64,5 Grad steiler aus als bei der Basis-R 1200 R, der Nachlauf mit 102,5 Millimetern entsprechend kürzer. Und das optionale ESA steht nicht auf der Aufpreisliste. Potenzielle BMW R nineT-­Interessenten dürfte das allerdings wenig schrecken, weil deren Augenmerk ohnehin weitaus weniger auf den technischen Daten als vielmehr auf der gediegenen Ausführung und Verarbeitung liegen wird. Das wissen natürlich auch die Münchner und haben sich in dieser Hinsicht richtig Mühe gegeben.

„Manufaktur-Charakter“ nennen sie das und meinen die Liebe zum Detail. Die wird zum Beispiel am bulligen 17-Liter-Aluminiumtank deutlich, dessen Seitenflächen von Hand gebürstet und beschichtet sind. Oder an der Alublende über dem Airbox-Schnorchel mit nineT-Schriftzug. Oder an den übrigen reichlich verwendeten Aluteilen wie zum Beispiel den Gabelbrücken, den Aluaufnahmen für den Lenkungsdämpfer, der stehenden Scheinwerferbefestigung an der unteren Gabelbrücke, dem Handrad zur Einstellung der Federbasis oder den Klemmungen für den Alurohrlenker. Alles glasperlengestrahlt und anschließend eloxiert, alles picobello – und zum Teil mit dem nineT-Schriftzug versehen.

Zahlreiche Individualisierungsmöglichkeiten

Wem das alles nicht reicht, dem bietet das BMW-Zubehörprogramm wie immer reichlich Möglichkeiten, um sein Jubiläumsmodell zu individualisieren. Besonders im Fokus: die Auspuffanlage der BMW R nineT, für die München gleich zwei zusätzliche Optionen anbietet, nämlich die Kombination der Akrapovic-Anlage aus Titan mit einem kürzeren und einem längeren Verbindungsrohr. So kann der Schalldämpfer im Café-Racer-Stil unten am Ausleger oder nach Scrambler-Art oben am Rahmenheck befes­tigt werden. In jedem Fall mit an Bord ist die Auspuffklappe zwischen Vorschalldämpfer und Endtopf, die den Jubiläumsauftritt auch akustisch unterstützen soll, ohne dass R nineT-Fahrer trotz satter Boxer-Sounds mit dem Gesetz in Konflikt geraten.

Und dann ist da noch die Sache mit dem derzeit schwer angesagten Customizing. Jedem seine ganz persönliche BMW R nineT bauen – das können selbst die in dieser Beziehung ungeheuer fitten Münchner nicht leisten. Aber man hat vorgesorgt. Zum Beispiel mit einem Bordnetz, das Motor- und Fahrzeugkabelbaum strikt trennt und so alternative elektrische Komponenten, andere Scheinwerfer oder Blinker ebenso zulässt wie größere Individualisierungseingriffe professioneller Customizer. Auf diese Weise könnte dann aus der BMW-Essenz aus 90 Jahren Motorrad eine ganz persönliche Quintessenz werden. Das endgültige Ergebnis dessen nämlich, was man aus seinem bisherigen Motorrad-Leben schlussfolgern kann. Ganz billig wird diese Einsicht aber vermutlich nicht. Schon der Basis-Preis für die R nineT liegt bei 14.500 Euro.

Technische Daten

Motor: Zweizylinder-Boxermotor

Hubraum: 1170 cm³

Nennleistung: 81 kW (110 PS) bei 7750/min, 119 Nm bei 6000/min

Fahrwerk: Stahl-Gitterrohrrahmen, Upside-down-Gabel 46 mm, Doppelscheibenbremse vorn, Scheibenbremse hinten, Ø 320/265 mm

Sitzhöhe: 785 mm

Leergewicht: 222 Kilogramm

Bereifung: 120/70 ZR 17/180/55 ZR 17

Farbe: schwarz

Preis: 14500 Euro

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