Neuheiten: Ducati, Aprilia und Triumph Drei neue Erlkönige gesichtet

An alle Erlkönige, geheime oder weniger geheime Prototypen: Die Jagdsaison ist wieder eröffnet. Überall lauern schußbereite Fotografen, die Teleobjektive sitzen locker in ihren Köchern. Und MOTORRAD präsentiert fette Beute.

Foto: motoblog.it
Wird es die Straßenversion eines Dragsters, ein sogenannter Power Cruiser oder ein modern gestaltetes, dickes Naked Bike? Am ehesten wird man dem jüngst in Bologna fotografisch erwischten Ducati-Erlkönig wohl gerecht, wenn man sagt, er werde eine Vmax. Nur eben nicht von Yamaha. Mit dieser Parallele stellt sich alsbald die Frage nach dem Motor und dessen Leistung, genau wie vor etwas mehr als einem Jahr, als das Projekt schon einmal in Presse und Internet Furore machte. Weil die Yamaha mit 200 PS prunkt, vermuteten viele, Ducati würde eine Variante des Desmosedici-RR-Triebwerks dagegen setzen. Andere spekulierten über einen Zweizylinder mit Kompressor. Tatsächlich wird wohl weder die eine noch die andere Lösung verwirklicht. Wie aus gut unterrichteten Kreisen verlautet, erhält das Motorrad, das wir jetzt der Einfachheit halber Desmo-Max nennen, den 1198er-Testastretta evoluzione in der Konfiguration, die jüngst in der Multistrada 1200 debütierte. Mit mehr Schwungmasse, engeren Ansaugkanälen und geringerer Ventilüberschneidung bietet er genau die Leistungsentfaltung, die auch zu einer Desmo-Max passt: Drehmoment satt im mittleren Bereich. An weiteren Details sind eine schwungvoll geführte Auspuffanlage, ein dicker 240er-Hinterreifen auf einem robust wirkenden Rad in der Einarmschwinge sowie seitliche Kühler zu erkennen. Weil der Kennzeichenhalter auf der Schwinge sitzt, kann das Heck schön kurz bleiben. Allerdings erscheint es fraglich, ob der rückwärtige Abschluss der massiven Sitzbank tatsächlich ganz ohne Abdeckung bleiben muss. Spätestens zur Eicma Anfang November wird man es wissen.
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Foto: Motociclismo

Aprilia testet in Mugello

Sie schwören bei den Häuptern ihrer Neffen, dass es reiner Zufall war, die Kollegen der Zeitschrift Motociclismo. Reiner Zufall, dass einer von ihnen mit einer MV F4 an einem Renntraining teilnahm, reiner Zufall, dass er probehalber die neue Onboard-Redaktionskamera montiert hatte, als der neueste Prototyp der Aprilia RSV4 Tuono ihm immer energischer das Vorderrad zeigte und ihm schließlich eine saubere schnelle Runde vorfuhr. Und eine Profikamera mit langem Tele hat man ja sowieso immer dabei. Sie arbeitet die Konturen einer zierlichen, wenngleich noch verklebten Frontverkleidung heraus. Schwungvolle Seitenteile um Kühler und Auspuffkrümmer deuten bereits an, dass die Wandlung vom vollverkleideten Sportler zum halbnackten Motorrad eleganter gelingen wird als bei der ersten Tuono. Andere als die vorher erwähnten, aber nicht minder gut informierte Kreise wissen gar von einer tiefgreifenden Fahrwerksmodifikation zu berichten: Der Lenkkopf der Tuono steht flacher als bei der RSV4, der Winkel beträgt angeblich um die 65 Grad. Das sorgt laut Motociclismo-Kameramann dafür, dass der Prototyp mit staunenswerter Stabilität durch die beiden schnellen und welligen Arrabiata-Kurven pfeilte. Bei kriminalistischer Unter-suchung des kleinen Fotos zeigte sich ein Stückchen Sensorkranz unterhalb der rechten Bremsscheibe; anders als die RSV4 bekommt die Tuono also ABS. Die italienischen Kollegen glaubten auch, beim Fahren Anzeichen einer Traktionskontrolle bemerkt zu haben und stellten fest, dass zu Vergleichsfahrten eine BMW S 1000 RR in der Aprilia-Box stand. Bleibt noch an-zumerken, dass auch MOTORRAD eine Onboard-Kamera besitzt und sich damit auch gern zur richtigen Zeit am richtigen Ort einfinden würde. Rein zufällig.
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Foto: Forest Gump

Triumph testet im Wald

Dieser Sachverhalt ist deshalb bemerkenswert, weil die Triumph-Neuheiten der vergangenen Jahre stets im gleichen Kreisverkehr in der Nähe des Werks in Hinkley erwischt wurden. Doch mit einem Motorrad, das ein grobstollig bereiftes 21-Zoll-Drahtspeichen-Vorderrad besitzt - auf dem großen Foto deutlich erkennbar -, muss man auch offroad fahren. Dazu befragt, gibt ein Triumph-Sprecher zu, was er ohnehin nicht mehr leugnen kann, nämlich dass man in den "adventure-bike-sector" einsteigen wolle. Deshalb habe man sich auch die Website www.triumphadventure.com reserviert, die bald aktiv werde. Die künftige "kleine" Tiger wird also geländegängiger als die große mit ihren 17-Zoll-Rädern. Und sie legt sich mit mindes-tens drei etablierten Großenduros an, der BMW R 1200 GS und der Yamaha Super Ténéré. In erster Linie jedoch zielt sie auf die F 800. Zum einen mit ihrem Fahrwerkskonzept, zum anderen, weil sie einen Motor erhält, der zwar vom 675er der Daytona und Street Triple abstammt, aber 800 cm? Hubraum hat.
Dazu gab ein Privattuner, der den 675er seiner Street Triple gern aufgebohrt hätte, einen wichtigen Hinweis: Eine größere Bohrung geht nicht mit den in der Großserie üblichen Sicherheitsmargen. Es wäre zwar möglich, sie um einen, von 74 auf 75 Millimeter zu vergrößern, vielleicht sogar um 1,5 Millimeter, doch dann würden die Wandstärken der Zylinder im Bereich der Stehbolzen gefährlich dünn. Die 800 cm³ kann Triumph also nur über eine Verlängerung des Hubs um 9,7 Millimeter erreichen. Platz dafür wäre im Gehäuse. Mit 74er-Bohrung und 62 Millimetern Hub käme der Dreizylinder auf 799,96 cm³, und er würde im unteren und mittleren Drehzahlbereich sicher ein sattes Drehmoment entfalten. Schon der 675er drückt 106 PS und 68 Newtonmeter, ein 800er dürfte bei ähnlicher Leistung locker über 80 Nm erreichen. Damit geraten automatisch auch die 1200er von BMW und Yamaha in sein Visier. Mit der eher kargen Ausstattung der Street Triple wird der Angriff jedoch kaum gelingen. ABS und einige andere Goodies wie Heizgriffe oder Handprotektoren wird die Tiger 800 schon mitbringen müssen.

Höchstwahrscheinlich wird auch die Triumph Speed Triple für 2011 modellgepflegt. Sie erlebt in diesem Jahr ihre sechste Saison und blieb während dieser Zeit fast unverändert, abgesehen von einem Facelift im Jahr 2008, als ihr neue Räder und Bremsen spendiert wurden. Ein neu konstruierter Motor ist noch nicht zu erwarten; der 1050er bleibt als technische Basis noch im Dienst.

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