Neuheiten: Honda Crossrunner und ihre Vorbilder Die neue Honda Crossrunner im Detail

Die neue Honda Crossrunner soll die Grenzen zwischen Motorradgattungen überschreiten und unterschiedlichsten Anforderungen gerecht werden. Dabei helfen ihr eine solide technische Basis und qualifizierte Vorbilder.

Foto: Gargolov

In den neun Jahren zwischen der BMW R 80 ST und dem Debüt der TDM 850 entwickelten die Motorradfahrer offenbar das Bedürfnis nach einem gutem Windschutz. Andererseits durften die Verkleidungen auch nicht allzu ausladend sein, da sie in engen Kurven die Übersicht und wegen des höheren Gewichts um die Frontpartie auch die Handlichkeit beeinträchtigen. Seit der Yamaha TDM 850 gehören folglich schmale, aber in Relation dazu recht hoch aufragende, oft auch mit Spoilerkanten versehene Verkleidungsscheiben zur typischen Ausstattung dieser Art von Allroundmotorrädern. Die erste Ducati Multistrada besaß sogar eine mit dem Lenker schwenkende Verkleidungskuppel über fest montierten Seitenteilen.

Wer je eine TDM 850 oder 900 in der Nähe ihrer Höchstgeschwindigkeit von etwa 220 km/h bewegt hat, der weiß, dass lange Federwege, ein knapp geschnittener Windschutz und ein stabiler Geradeauslauf nicht leicht unter einen Hut, beziehungsweise unter eine Verkleidung zu bringen sind. Neben dem aerodynamischen Auftrieb bei hohen Geschwindigkeiten sorgt der Fahrer selbst gelegentlich für leichte Unruhe in der Frontpartie, wenn sein Oberkörper vom Fahrtwind hin  und her gebeutelt wird. Und so angenehm ein breiter Lenker bei Landstraßentempo sein mag, auf der Autobahn verstärkt er diesen Effekt noch. Die Honda-Ingenieure haben ihre Crossrunner deshalb in über 120 Windkanalsitzungen so geformt, dass der Luftstrom angeblich die Fahrstabilität erhöht.

Um die Einsatzmöglichkeiten der Crossrunner noch zu vermehren, bietet Honda gegen Aufpreis einen Koffersatz, ein Topcase, Innentaschen sowie ein höheres Windschild und zusätzliche Deflektoren für die Verkleidung an, die den Windschutz weiter verbessern sollen. Heizgriffe, Hauptständer und eine 12-Volt-Steckdose, etwa für ein Navigationsgerät, sind bei längeren Fahrten ebenfalls hilfreich. Die Crossrunner wird dadurch in mehrfacher Hinsicht zum grenzüberschreitenden Motorrad.

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Foto: Gargolov

Am Rande der Crossrunner-Präsentation in Mailand wurde erzählt, dass am 20. Dezember 2009, also vor kaum einem Jahr, noch nicht einmal eine Zeichnung dieses Motorrads existierte. Vom weißen Blatt Papier bis zur Serienreife in zehneinhalb Monaten - das klingt nach einer Entwicklung mit dragsterartiger Beschleunigung.
Diese Geschichte stimmt wohl auch, erzählt aber ohne einige notwendige Ergänzungen nur die halbe Wahrheit. Denn die Crossrunner profitiert von Vorlagen, deren Wichtigkeit nicht hoch genug eingeschätzt werden kann: von der VFR als technischer Basis und von Motorrädern wie der BMW R 80 ST, Yamaha TDM 850 oder Bimota Mantra. Sie gaben das Beispiel vor, die Ducati Multistrada 1200, bei ihrer Präsentation im Herbst 2009 viel beachtet, mag den Anstoß gegeben haben und repräsentiert den Stand der Technik.

Die VFR, in ihrer heutigen Form im Herbst 2001 vorgestellt, besticht von jeher durch höchste Qualität und enorme Entwicklungstiefe. Obgleich es vom Gesetzgeber damals noch gar nicht verlangt war, erfüllt sie bereits seit 2002 die Euro-3-Norm. Als V4 inmitten einer Überzahl an Reihenmotoren ist der VFR-Motor an sich schon etwas Besonderes, darüber hinaus bietet er den patentierten VTEC-Mechanismus, der ab einer bestimmten Drehzahl um 7000/min je ein Ein- und Auslassventil pro Zylinder zuschaltet, also von Zwei- auf Vierventilbetrieb umstellt. Durch die kleinen Kanalquerschnitte im Zweiventilbetrieb werden bei niedrigen Drehzahlen hohe Geschwindigkeiten des einströmenden Gemischs erzeugt, die das Drehmoment des extrem kurzhubigen Motors erhöhen sollen.

Wenn bei höheren Drehzahlen große Ansaugquerschnitte gefragt sind, ist Vierventilbetrieb angesagt. Das Einrücken der Bolzen zwischen Ventilschäften und Tassenstößeln geschieht mit einer gewissen Heftigkeit und löst einen plötzlichen Leistungssprung aus; angeblich haben die Ingenieure dieses Verhalten bei der Crossrunner gemildert. Sie montierten auch neue Ansaugtrichter. An den technischen Daten lässt sich der Erfolg dieser Arbeit nicht ablesen; die Crossrunner hat gegenüber der VFR nicht nur sieben PS und ebenso viele Nm eingebüßt, sondern erreicht ihr maximales Drehmoment auch 750/min später. Trotzdem kann die Charakteristik des Motors in der Praxis angenehmer sein. In Zahlen lässt sich das jedoch kaum ausdrücken.

Nicht nur in Sachen Motor ist die nun bald neun Jahre alte VFR auf der Höhe der Zeit, auch ihr Kombibremssystem mit ABS ist immer noch - abgesehen vom geringeren Gewicht modernerer Systeme - absolut konkurrenzfähig. Das gilt auch für das Fahrwerk mir der im Motor gelagerten Einarmschwinge.
Beste Voraussetzungen also für eine Modellvariante, welche die wichtigsten, ja stilbildenden Merkmale der Vorbilder aufnimmt: lange Federwege, um auch auf schlechten Straßen mit komfortbetonter Abstimmung fahren zu können, und eine aufrechte Sitzposition an hohen, relativ breiten Lenkern.  Sie schaffen die nötige Übersicht und dank geringer Lenkkräfte die wünschenswerte Handlichkeit fürs Kurvengeschlinge.

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