Unter der „Tankhaube“ sitzt vor allem die ­Airbox. Das Spritfass aus Karbon und Kevlar ist nach hinten unter die Sitzbank gezogen.

Neuvorstellung Norton V4

Superbike der besonderen Art

Norton hat mit der V4 jetzt ein spektakuläres Superbike vorgestellt. Entwickelt auf der Isle of Man und mit eigenständigem V4-Motor soll es nur einem Zweck dienen: die etablierten Marken aufzumischen und exklusive Kunden zu verzaubern.

Leisetreten gehört nicht zum Stil von Stuart Garner. Große Erwartungen setzt der Norton-Eigner deshalb in das erste Norton-Serien­superbike, das ab Frühsommer ­unter die Sportler-Fans gebracht werden soll. Ein kurzer Blick zurück: Der 47-jährige britische Selfmade-Millionär kaufte die ­traditionsreiche Firma 2008 und brachte 2010 mit der nackten, retro-angehauchten Norton 961 Commando SE das erste ­Serienbike unter seiner Egide heraus. 1.000 Nortons bauen und verkaufen die Briten mit Sitz in Donington angeblich pro Jahr. Allerdings haben wir trotz Bemühungen von der Commando bis heute kein Testbike bekommen.
Die Chancen, das neue Superbike V4 RR oder die exklusivere SS-Version zu fahren, stehen ebenfalls nicht gut, denn die 200 geplanten Norton V4 SS seien bereits komplett verkauft und von den ersten 250 Exemplaren der Norton V4 RR wären auch nur noch ein paar Stück zu haben. 2017 werden wir sehen, wie seriös diese Angaben wirklich sind, denn dann sollen die Produktion und die Auslieferung voll anlaufen.

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Vierzylinder-V-Motor hat 1.200 cm³

Dass Garners Herz für echte Renn­motorräder schlägt, muss man ihm abnehmen, denn mit dem Chassis der jetzt vorgestellten V4 und einem Aprilia-V4-Motor stürmte der Australier Dave Johnson letztes Jahr im Superbike-Rennen auf einen grandiosen siebten Platz bei der TT. Fünf Jahre haben die Norton-Techniker das ­Superbike bei der TT entwickelt, und jetzt hat die Norton V4 sogar einen eigenen Motor ­bekommen. Der Vierzylinder-V-Motor hat 1.200 cm³ und einen Zylinderwinkel von 72 Grad (gegenüber den 65 Grad der Aprilia RSV4). Gebaut und entwickelt hat Norton diesen Antrieb mit der britischen Motorenschmiede Ricardo, die viel Entwicklungserfahrung mit Antrieben auch aus der ­Arbeit für Kunden von Ferrari bis VW hat. Auf deren Seite stand dann auch Triumphs ehemaliger Motoren-Entwicklungschef Neil Wright dem Norton-V4-Projekt vor.

Leistungsdaten des V4 beachtlich

Die Leistungsdaten des V4, dessen handfester Entwicklungsstart keine zwei Jahre zurückliegt, sind beachtlich. Über 200 PS bei 12.500/min, ein Drehzahllimit von 13.500/min und ein maximales Drehmoment von 130 Nm wären gewaltig. Dafür hält der Motor ein paar schöne Details wie etwa die Titan-Einlassventile bereit. Der durch den Zylinderwinkel und die ­Nockenwellenkonstruktion kompakte ­Zylinderkopf erlaubt laut Norton-Designchef ­Simon Skinner eine kompaktere ­Anordnung der Einspritz-Einheit und eine größere Airbox für mehr Power. Im Chassis ist der Motor, der laut Skinner kompakter ausfällt als der von Aprilia, im Vergleich zur Konkurrenz weiter nach vorn geneigt. Dazu gab es technische Lösungen wie etwa die Verlegung der Ausgleichswelle von der Front in den Bereich der Motorschmierung oder des Ölfilters und Anlassers auf die linke vordere Seite, um so den Auspuff platzsparend verlegen zu können. Ein Kassettengetriebe und die Anti-Hopping-Kupplung unterstreichen die Racing-Attitüde des V4, der als mittragendes Element im Chassis untergebracht ist.

TT-Chassis für Kunden

Das Chassis selbst entspricht weitestgehend dem des TT-Rennmotorrads und macht in seiner Fertigung den Unterschied zwischen der Norton V4 SS und der Norton V4 RR aus. Beim exklusiven SS-Modell besteht das Chassis aus Stahlrohr und CNC-gefrästem Aluminium. Die nur 3,1 Kilo leichte Einarmschwinge wird dabei aus einem 70 Kilo schweren Alublock herausgefräst. Bei der etwas günstigeren RR-Version ersetzen Alu-Gussteile am Rahmen, Heckrahmen und der Schwinge die besonders leichten CNC-Teile bei exakt gleicher Geometrie. Die Dämpferelemente kommen komplett von Öhlins. Beiden Bikes gemein sind das variable Gabel-Offset und Schwingendrehpunkt.

„Norton steht für Großbritannien und Qualität“

Auch bei der Elektronik bietet die RR dieselben Features wie die SS. Ausgestattet mit der Bosch-IMU (Sechs-Achsen-Sensor) besitzt die Norton die Fahrassistenzen aktueller Superbikes wie Traktionskontrolle, Launch- und Wheelie-Control wie auch einen Schaltautomaten mit Hoch- und Runterschaltfunktion. Ebenfalls von Bosch kommt das ABS. Eine Besonderheit setzt die V4-Modelle von der Konkurrenz aus Japan und Europa ab. Das Norton-Superbike kommt komplett ohne Rückspiegel aus. Stattdessen überträgt eine Kamera das rückwärtige Geschehen auf das TFT-Display. Die 200 Stück der SS-Version mit markanter Chrom-Lackierung gingen für satte 53.000 Euro über den Ladentisch. Die Norton V4 RR soll knapp 33.500 Euro kosten. „Norton steht für Großbritannien und Qualität“, sagt Garner über die V4-Pläne. „Ich will keine billigen Scheißmotorräder bauen. Aber wir werden unser Portfolio noch erweitern und ein Grund ist, dass der V4-Motor auch unverkleidet verdammt gut aussieht.“ Bescheidenheit gehört nicht zu Garners Stil.

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