Nordström, Gerry: Interview (Archivversion) Mit allen Risiken

MOTORRAD und die Nordschleife des Nürburgrings – das hat Tradition. Und die ist eng verbunden mit
dem Namen eines Mannes, der heute noch nachklingt. Ernst Leverkus, genannt Klacks. Er war es, der das anspruchsvolle Kurvenlabyrinth in der Eifel mit seinen Fahrtenschreibermessungen quasi zum Top-Test-Parcour umfunktionerte. Und in der Tat: die damals 22,3 und heute noch 20,8 Kilometer lange Strecke, auf der es insgesamt 500 Höhenmeter zu überwinden gilt, stellte 1969 wie heute höchste Anforderungen an Mensch und Material. »Auf der langen Geraden drehte der Motor bis an 8500/min, 8200/min waren es fast immer. Das sind 190 bis 200 km/h. An der langen Steigung von Breidscheid hinauf zur hohen Acht im Kesselchen (Kilometer 12) kam man bis auf 160 km/h im vierten Gang (= 8200/min). Kurz vor Kilometer
13 ist auf – bei diesem Tempo! – recht
unebener Bahn eine leichte Linksbiegung über einen kurzen Buckel. Dort machte man einen gewaltigen Satz, wenn man nicht aufpasste, weswegen das Tempo bis auf 110 km/h heruntergenommen wurde. Andere Kurvengeschwindigkeiten: Südkurve 85 km/h, Aremberg 85 km/h, Metzgesfeld 90 bis 100 km/h, Bergwerk 85 km/h, hohe Acht 85 bis 90 km/h.«
So weit O-Ton Klacks, dessen Nordschleifen-Testfahrten übrigens eine »One-man-show« waren, sodass zeitgenössische Fahrfotos aus der Eifel praktisch nicht existieren.
Heute ist das anders, aber Fotosessions sind nach wie vor ebenso schwer
zu organisieren wie eine freie Runde.
Diese Geschichte entstand im Rahmen eines »Ring-intim-Perfektionstrainings« vom MOTORRAD ACTION TEAM, bei dem die Nordschleife zwei Tage lang exklusiv für die Teilnehmer zur Verfügung stand. Jürgen Fuchs hatte also für seine Runden freie Fahrt. Natürlich nur bis zur neuen Ein- und Ausfahrt auf der Döttinger Höhe.
Betrachtet man nun die unten abgebildeten Kurven im Vergleich, fallen zwei Dinge besonders auf. Zum einen die deutlich steileren und höheren Anstiege in den Beschleunigungsphasen, zum anderen aber, dass sich in den meisten der von Klacks erwähnten langsamen Streckenabschnitte praktisch nichts getan hat. Ob Hatzenbach, Aremberg, Adenauer Forst, Wehrseifen, Klostertalkurve oder Karussell: Am Kurvenscheitel war die CB 750 genauso schnell oder schneller als die ZX-10R.
In den Hochgeschwindigkeitsabschnitten allerdings trennen die beiden Welten. Kämpft sich die Honda Richtung Schwedenkreuz auf 180 km/h hoch, fliegt die Kawa mit 260 vorbei. Fast das gleiche Bild in der Fuchsröhre, im Kesselchen und auf der Döttinger Höhe. Ebenfalls auffällig: Wo derart vehement beschleunigt wird, muss ebenso verzögert werden. Und so stellen sich Bremskurven und Beschleunigungsphasen der ZX-10R als Steilwand im Hochgebirge dar, während die der CB 750 sanft abfallenden idyllischen Hügeln gleichen.
Trotzdem gilt es, vor Klacks und der CB 750 den Hut zu ziehen. »Rennmäßig und mit allen Risiken« fuhren beide die 22,3 Kilometer in 10,56 Minuten. Das war eine echte Hausnummer.

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