Oper »Harley« von Edward Rushton (Archivversion) Zwitscher, tirili

An und für sich ist eine Harley eh schon große Oper. Wegen Getöse, Prunk, Protz, Exklusivität und all dem Pipapo. Steht eine solche Maschine dann auch noch leibhaftig auf der Musiktheaterbühne, könnte Ungemach drohen. Bei so fettem Gemisch.

Die gute Nachricht zuerst: Im Zürcher Opernhaus am Bellevue den Nerzmantel an der Garderobe abzugeben
kostet keinen Rappen: eine Sensation in dieser unverschämt teuren Stadt, wo ein »Einerli« Rotwein mit acht Franken zu
Buche schlägt. »Ischt inbegriffen«, krächzt die Garderobiere, wie schön.
Oper ist ja wie Bio-Sauna. Man sitzt im Warmen, ist telefonisch nicht erreichbar und freut sich auf eine leckere Bratwurst hinterher. Heißt das Singspiel dann noch »Harley«, wird nicht nur dem motorradbegeisterten Zürcher Banker heiß. In Zürich, dessen Opernhaus bekanntermaßen nicht in der Kreisklasse spielt, hat die lokale Kritik das Stück zudem noch als »sprühend witzig« gefeiert.
Doch schon die vage Hoffnung, dass endlich mal Kuttenträger durch die Hallen der Hochkultur stapfen, erfüllt sich nicht. Unter die übliche Abendkleidung mischen sich Glitzer-Pullis von Vögele, das ist
in etwa der Karstadt der Schweiz. Ist
»Harley« nach der Premiere doch in einer
Migros-Volksvorstellung gelandet, und die Migros ist nicht nur ein Lebensmittelgrossist, der aus erzieherischem Prinzip weder Alk noch Zigaretten verkauft, sondern auch so was wie eine Institution der Allgemeinbildung. Zum Angebot zählen sogar Kurse »Schwyzerdüütsch für Anfänger«, wo dem Ausländer der Unterschied zwischen »dinne« und »dusse« (drinnen und draußen) reingepaukt wird. Übrigens ist ein »Cüpli« in diesem Land ein Glas Schampus, das, für 15 solide Schweizer-Franken erworben, im Falle von »Harley« unbedingt als Kickstart zu empfehlen ist.
Denn nun die schlechte Nachricht: Mit Harley hat diese Oper so viel zu tun wie ein Toyota mit Grimms Märchen – Motto: Nichts ist unmöglich –, und die zur Einstimmung präsentierte Riesenleinwand mit einer künstlerisch verfremdeten Fotografie des Kult-Bikes aus Milwaukee ist, höflich gesagt, ein Etikettenschwindel.
Was zum Kuckuck will uns der Künstler sagen? Er heißt Edward Rushton, ist 33, gilt als Talent, durfte die Oper als Auftragsarbeit extra anfertigen und habe die Handlung »original erfunden«. Sie beruhe »auf keiner existierenden Vorlage«, schrieb die Neue Zürcher Zeitung, worauf – echt! – keiner gekommen wäre.
Schauplatz des exquisit hintersinnigen Spiels ist ein Provinzmuseum irgendwo in Südamerika. Das Meisterstück ist das Porträt »Industriellenfamilie im grünen Salon« mit Vater Gustavo, Mutter Ester, Tochter Lili und Sohn Gustavito –, auf der Bühne natürlich die Sängerinnen und Sänger. Mit schrägen Klamotten am Leib singspielen sie den typischen Familienzoff der Bourgeoisie: Mutter Beißzange, Vater missvergnügter Patriarch, Sohn irgendwie mit
Sozialisationsdefiziten behaftet, und natürlich ist es ihnen allen zusammen fad. Vor allem Lili, das Töchterlein, will aus dem Rahmen fallen, wie alle Teenies: Weg von der Scheiß-Family, und zwar schnell. Da, oh gnädiges Schicksal, naht ein knackiger Museumswärter, Hector heißt er, ein
Latino-Testosteronbolzen erster Güte. Es kommt, wie’s kommen muss, Hector zieht den Pinsel raus – und malt die aufmüpfige Pubertantin, schwups, aus dem Bild. Und dem Alten stattdessen eine Harley, was diesen so happy macht, dass jetzt alles
in Butter ist, zwitscher, tirili. Mit 9000 Umdrehungen pro Minute schrauben sich
die Frauenstimmen in die goldüberladene Stuckdecke, die Männer wetteifern mit
ihrem Hubraum, der auch in der Oper durch nichts zu ersetzen ist. Es sei denn durch mehr. Und das alles in vertonten
Dialogen von der Sorte, wie sie unsereins im Badezimmer führt: Heb endlich mal das Handtuch auf. Ich kann nicht. Ich putz mir aber grad die Zähne.
Zweieinhalb Stunden lang zieht sich der Spaß in zwei endlosen Akten dahin, das verstörende Klirrklarr aus dem Orchestergraben tönt, als wären die Hell’s Angels in einen Musikalienladen eingebrochen. Motorschaden? Kartoffel im Auspuff? Irgendwas ist defekt an diesem Töff.
Bei stark überschrittenen Emissionsgrenzwerten im Parkett – die chirurgisch getunte Blondine links dünstet nach Parfum, dass es einen aus dem roten Samtsessel haut – plagt sich der Zuschauer mit bangen Fragen: Kriegt man vom langen Sitzen eine Thrombose? Entgeht einem der sprühende Witz? Gut, Edward Rushton ist Brite, aber er lebt seit längerem in
Zürich, und dass man dann irgend-
wann nicht mehr richtig weiß, was Humor ist, scheint nachvollziehbar. So trägt die
Familie einen Namen, der sich zieht wie
ein Bandwurm: Escudero de la Torre Perez y de la Santissima Trinidad. Könnte immerhin ein satirisches Einsprengsel sein. Und Klein-Gustav, der Sohn, sieht aus, als
nähre er sich von Pommes rotweiß, ein echter Fat Boy, zum Kugeln. Zudem
hantiert er unmotiviert mit einer Spielzeug-Harley rum, dem könnte eine humoreske Bedeutung innewohnen.
Oder ist der Komponist ein Satanist? Man sieht ihn vor sich, wie er sich, wirr das Haar, in langen Nächten jede Note aus dem Leib schnitzte mit dem einzigen Ziel, versnobte E-Kulturkunden auf den Highway to Hell zu schicken: Einem Freund der Oper Freizeit und Geld zu stehlen, um ihm dann Angst zu machen, er könne sich einen Tinnitus holen, das ist sublime Quälerei der Extraklasse. Vornehmlich die wohlhabenden Zürcher brauchen das wie der Masochist die Peitsche. Kunst muss weh tun. Im Wahn, hinter ihren sieben Bergen als hinterwäldlerisch zu gelten, finden sie alles »lässig«, was irgendwie nach Avantgarde riecht.
Museumswächter Hector zieht grad auf der Bühne ein Vesper aus der Aktentasche. Beißt in sein Brot, aber natürlich nicht wirklich, sonst kriegte er womöglich Krümel in den Hals, und dann wäre endlich was los in der Bude. So bohrt der Vordermann im Parkett angeödet in den Ohren. Die Blondine dünstet. Uäääää, der Wärter hat gepinselt, Lili entkommt, zwitscher, ihrem Bildgefängnis, Papa freut sich an seiner Harley. Noch eine letzte Aufwallung von Radau und bis zur Drehzahlgrenze, Vorhang fällt. Auf der Treppe zum Opernhaus weht eine eisige Brise vom Zürchsee her unter den Pelzmantel. Auch das noch.

Christiane Binder ist Autorin beim Schweizer Nachrichtenmagazin FACTS und lebt seit fünf Jahren in Zürich.

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