Pendeln der Honda Pan-European Unbeschwert Reisen

Honda preist die Pan-European als Hochgeschwindigkeits-Tourer an, empfiehlt aber, bepackt nicht schneller als mit 130 km/h unterwegs zu sein. Sonst könnte die Pan eben pendeln. Was so manchen eine Last ist, die sie nicht tragen wollen.

Eines kann man Honda nun wahrlich nicht unterstellen: mit der Wahrheit hintern Berg gehalten zu haben. Heißt es auf Hondas Internetseiten in der Charakterisierung der Pan-European doch klar und deutlich, sie sei ein »luxuriöser Hochgeschwindigkeits-Tourer der Zukunft«. Woraus wiederum folgt, dass sie es jetzt noch nicht ist.
Eben dies hat neuerlich MOTORRAD-Tester Stefan Kaschel erfahren. Und zwar tatsächlich. Auf der Autobahn »pendelte die Honda jenseits der 180 km/h so Furcht erregend wie ein holländischer Schlachtenbummler nach 20 Heineken«.
Anders ausgedrückt: Das Pendeln der STX 1300 ist morgen vielleicht kein Thema mehr, heute aber sehr wohl noch. Und da ja der Pan-European-Fahrer im Hier und Jetzt lebt, stört ihn das gewaltig. Zumal der jüngste Vergleichstest in MOTORRAD (15/2006) das Problem nicht erst aufdeckte, sondern nur zum wiederholten Mal zur Sprache brachte.
Gleich jagten mehrere E-Mails an Kaschels Adresse, gemeinsamer Tenor: Endlich schreibt das mal wieder einer so offen. Was Kollege Kaschel ebenfalls schrieb: dass es an der Maschine sonst kaum etwas auszusetzen gebe. Umso mehr natürlich stört die eine Unart, die zu pendeln, wenn... Wenn was? Wenn voll beladen. Wenn mit Topcase bestückt. Wenn die Scheibe in hoher Position ist. Und erst recht, wenn das alles zusammenkommt. Dumm nur, dass die meisten Kunden sich so etwas wie eine Pan-European justament aus diesem Antrieb heraus zulegen: mit Gepäck möglichst schnell und möglichst kommod zu reisen.
Möglichst schnell, sagt Honda von Anfang an, heißt möglichst nicht schneller als 130. Was übrigens grundsätzlich das nahegelegte Tempo für Maschinen mit Topcase ist. Doch für die Pan gilt das auch ohne. Als ein Punkt von vielen findet sich unter den »Richtlinien zur Beladung« der Hinweis: »Auch wenn Sie Ihr Motorrad richtig beladen haben, sollten Sie mit Gepäck langsamer als normal [sic!] und nie schneller als 130 km/h fahren.«
Dann nämlich sei auszuschließen, dass die Fuhre ins Pendeln komme, egal, ob ein Topcase die Linie nach hinten abrundet oder die Scheibe sich vorne in den Wind stellt oder die Seitenkoffer den halben Hausstand geschluckt haben. Klare Ansage. Noch dazu, wo das Motorrad ja nicht Pan-German heisst, sondern Pan-European. Und das übrige Europa ist Deutschland in Sachen Beschränktheit der Geschwindigkeit voraus.
Nicht verübeln kann man Honda, dass die 130-Empfehlung nicht offensiv beworben wird, so nach dem Motto »Pan-European, bis 129 auch voll beladen ungefährlich und stabil«. »Aber nicht mal auf den Abschnitt im Handbuch hat mich mein Händler aufmerksam gemacht«, sagt Leon-Alexis Schweizer nicht ohne Frust. »Ansonsten hätte ich die Maschine gar nicht erst gekauft.« So sieht das auch Rainer Schenk. »Die Alpen sind meine große Leidenschaft. Die 600 Kilometer bis dorthin will ich möglichst schnell hinter mich bringen. Und für diesen Zweck, dachte ich, sei die
Pan ideal.« Schweizers Pan steht seit zwei Jahren in der Garage. »Fahren will ich damit nicht mehr, das ist mir zu gefährlich.
Verkaufen kann ich sie ebenfalls nicht. Weil damit einer zu Tode kommen könnte.«
Aus ähnlichen Gründen ist auch Schenks Pan zur Immobilie mutiert. »Mit Reifen kurz vor der Verschleißgrenze ist das Pendeln eigentlich verschwunden. Diese Tatsache ist vielen Fahrern bekannt und ebenso der Firma Honda. Der technische Leiter des Kundendiensts sagte mir auf meine massive Reklamation, dass das Motorrad, nachdem ich neue Reifen aufgezogen hatte, wieder drastisch pendle, er kenne das und ich solle erst mal wieder 2000 bis 3000 Kilometer fahren, dann würde sich das bessern.« Es war von daher der von Schenk angestrebten Wandlung des Kaufvertrags abträglich, dass der bestellte Gutachter seine Tests auf den alten Reifen absolvierte. Wandlung abgelehnt.
Was Honda sehr wohl zupass kam. Es wären der Wandlungen zu viele geworden. Schließlich stellte sich bei einer Umfrage im www.pan-european-forum.de heraus, dass ziemlich genau die Hälfte aller Fahrer dieses Tourers schon mal mit Kalamitäten der pendelnden Art konfrontiert war. Hätte Norbert Wenzlick aus Ulm das schon früher gewusst, dürfte er sich kaum eine zweite Pan zugelegt haben. Die erste, schrieb er, warf ihn nach einem Überholmanöver, bei dem er nicht schneller als 130 bis 140 km/h gewesen sei, ab wie einen Rodeoreiter. Wenzlick glaubte da noch, eine Montagsmaschine erwischt zu haben, wollte von seiner Pan einfach nicht lassen. »In den Alpen fährt sich die traumhaft.«
Traumatisch dagegen reagiert Bundeswehroffizier Wenzlick, wenn er auf das Thema »Reaktionen von Honda« zu sprechen kommt. So heißt es in einem Schreiben der Firma: »Da Sie jedoch an Ihrem Fahrzeug ein Topcase installiert haben, mit welchem (siehe dazu die auf der Innenseite des Topcasedeckels angebrachten Instruktionen) grundsätzlich nicht schneller als 130 km/h gefahren werden soll, mag das Unfallgeschehen seine Erklärung darin finden, dass Sie bei der zum Unfallzeitpunkt vorgenommenen Beschleunigung doch ein Stück schneller gewesen sind als die von Ihnen angegebenen zirka 140 km/h. Auch ist bei allem Respekt vor Ihren fahrerischen Fähigkeiten ein nach Lage der Dinge nicht mehr aufklärbarer Fahrfehler denkbar. Jedenfalls können Sie von einem Unternehmen wie Honda Motor Europe (North) nicht erwarten, dass es einen Produktfehler als Unfallur-sache unterstellt, ohne dass zumindest eindeutige Indizien dafür sprechen.« Was von einem Unternehmen wie Honda Europe zu erwarten ist, bestimmt dieses zweifelsohne selbst.
Was von einem verkehrssicheren Fahrzeug zu erwarten ist, bestimmt das Kraftfahrt-Bundesamt. Und das hat in einem von Pan-European-Fahrern angeforderten Gutachten festgelegt, dass es an der Pan nichts, aber auch gar nichts zu beanstanden gäbe, sofern man sich an die Empfehlungen von Honda halte, den »Hochgeschwindigkeits-Tourer« beladen und mit hoher Scheibe also brav mit maximal 130 km/h über die Autobahn treibe. »Gemäß EG-Richtlinie 2001/95/EG über die allgemeine Produktsicherheit ist die Möglichkeit, einen höheren Sicherheitsgrad zu erreichen, oder die Verfügbarkeit anderer Produkte, von denen eine geringere Gefährdung ausgeht, kein ausreichender Grund, um ein Produkt als gefährlich anzunehmen.«
Die Auseinandersetzung zwischen Honda und den unzufrie-
denen Pan-European-Kunden gleicht immer mehr dem Wettlauf
zwischen dem Hasen und dem Igel. Wenn Pan-Fahrer der
Meinung sind, endlich mal einen Erfolg erzielt zu haben, steht Honda schon da und ruft: 130.

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