Perfekt fahren mit MOTORRAD Teil 2: Kurvenfahren - die Praxis (Archivversion) Die häufigsten Fehler und Unfallursachen beim Kurvenfahren

Aus Hunderttausenden von Motorradkilometern und der reichlichen Erfahrung der MOTORRAD-
Redakteure lassen sich die grundlegenden Unfallursachen beschreiben.

M Der Klassiker unter den Fahrfehlern: die Angst vor großer Schräglage (Skizze 1), mit der Folge, dass der Kurvenradius auf der Gegenfahrbahn endet. Die Ursache dafür ist meist mangelndes Training von Schräglage und Kurvenspeed. Wer
sich generell keine großen Schräglagenlagen zutraut, hat enorme Probleme, wenn sich der Kurvenradius zuzieht, die so genannte Hundekurve, oder die Einlenkgeschwindigkeit zu hoch gewählt ist. Dann gilt es, das Motorrad durch bewusste Lenkimpulse in Schräglage zu zwingen (siehe Teil 1, Perfekt fahren mit MOTORRAD, Heft 6/2006). Das funktioniert jedoch nur, wenn die Wasserwaage im Kopf diesen Vorgang zulässt, denn von Natur aus ist die Maschine Mensch nur für 20 Grad Schräglage geeicht. Soll es mehr sein, muss dies geübt werden. Tipp: Wenn es richtig eng wird, das Motorrad im Fahrstil ýÿDrückenýÿ durch die Kurve zwingen.
M Nicht minder sind die Folgen beim ýÿEinfrierenýÿ auf der Bremse (Skizze 2). Auf der Geraden ordentlich am Quirl gedreht, rast der Bremspunkt schneller auf den Sportsmann zu, als er diesen erfassen kann. Folglich wird in ziemlicher Panik mit aller Macht geankert. Aber anstatt beim Einlenkpunkt die Bremse zu lösen und einzubiegen, bleibt der erstarrte Reiter voll in den Eisen und wundert sich, warum das Krad nicht einbiegen möchte, sondern wie auf Schienen aus der Spur fährt, Stichwort Aufstellmoment. Auch in solchen Situationen fehlt die Übung, Auge und Gehirn mit hoher Geschwindigkeit und brachialer Verzögerung vertraut zu machen.
Das intensive Trainieren findet am besten auf einem geeigneten Übungsgelände oder auf der Rennstrecke unter Anleitung statt. Beides gehört zum Angebot des MOTORRAD action team und kann
für alle, die diesbezüglich Schwierigkeiten haben, nur empfohlen werden. Wer sich intensiv und tiefgründig mit dem Thema beschäftigen möchte,
dem sei außerdem Bernt Spiegels Buch ýÿDie obere Hälfte des Motorradesýÿ ans Herz gelegt. Mehr
dazu unter www.motorradonline.de.
Neben den selbst verursachten Ausrutschern
führen oft äußere Umstände in die Bredouille.
M Beispiel Nummer eins (Bild 1) ist die Kreuzung oder Einmündung am nicht einsehbaren Kurvenausgang. Gewöhnlich kann man dort mit freier
Fahrt rechnen, wenn indes ein Linksabbieger die Fahrspur blockiert, ist Schluss mit lustig.
M Sollte es in freier Wildbahn nach Diesel oder Benzin riechen, ist Alarmstufe Rot angesagt. Denn nur selten warnen Schilder (Bild 2) vor Ölspuren durch undichte oder vergessene Tankdeckel, und wenn, dann erst Stunden später.
M Altbekannter Schlamassel: Bitumen (Bild 3),
in gezeigtem Fall mit gleißendem Gegenlicht. Hier wird es kritisch, weil das rutschige Zeug nicht nur bei Regen, sondern auch bei Hitze äußerst gefährlich werden kann. Ergo: Gas raus, selbst wenn die Kurven noch so verführerisch sind.
M Die Nummer mit dem Traktor an der Wegeinmündung (Bild 4) zählt ebenfalls zu den Klassikern, nicht zuletzt deshalb, weil die Landmaschine trotz nicht körperlicher Anwesenheit gerne schmierige Lehmspuren hinterlässt.
M Und wenn sich das Kniestrumpf-Geschwader nach dem Ausflug müde und matt auf den Heim-
weg macht, werden Wanderparkplätze (Bild 5) zur Mausefalle. Hier ist vom Rückwärts-Ausparker über den blinden Linksabbieger bis hin zu spielenden Kindern mit allem zu rechnen. Deshalb gilt für jeden lebensbejahenden Kurven-Junkie: Geschwindigkeit runter.
M Fehlt nur noch der frisch aufgebrachte Straßenbelag (Bild 6). Mit Bitumen getränkt, ist die Oberfläche oft über Monate hinweg speziell bei Nässe extrem rutschig.
M Kalte Reifen sind ebenfalls rutschig, weil der Gummi zu wenig Elastizität aufweist, um sich mit dem Asphalt zu verzahnen. Vorsicht ist insbesondere angesagt, wenn der Reifen beim gemütlichen Dahinrollen bei niedrigen Asphalttemperaturen schnell auskühlt, man die nächste Kurve aber in gewohnt flotter Manier nehmen will. So genannte Kaltstürze gehören leider häufig zu den Unfallursachen beim Kurvenfahren. Denn ohne Grip keine Schräglage. Mindestens 30 Grad Celsius müssen die Motorradreifen aufweisen ýÿ das ist per Hand gefühlt deutlich höher als Körpertemperatur ýÿ,
um ordentliche Seitenhaftung aufzubauen. Auch frisch montierte, neue Reifen verlangen auf den ersten Kilometern ein sehr behutsames Anfahren ihrer recht rutschigen Oberfläche.

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