Pierer, Stefan: Interview (Archivversion)

Stefan Pierer, studierter Betriebs- und
Energiewirtschaftler, übernahm KTM 1991 als Sanierer. Mittlerweile hat der 47-jährige Österreicher den Betrieb mit 1500
Mitarbeitern zur
Nummer zwei unter den europäischen
Herstellern hinter BMW gemacht.

Herr Pierer, im letzten Jahr ist KTM mit
einer 125er in den Grand-Prix-Sport eingestiegen, und Ihr Plan war, ab 2005 auch in der MotoGP-WM mitzumischen. Im Sommer 2003 haben Sie das V4-Projekt jedoch überraschend gestoppt. Warum?
Die Emotion sagt zu 150 Prozent ja, die kaufmännische Vernunft nein. Es wäre schade, den ganzen Erfolg von KTM in den letzten zwölf Jahren jetzt aufs Spiel zu setzen. Wenn wir im MotoGP-Sport wettbewerbsfähig sein wollen, würde das ein Budget von 15 Millionen Euro erfordern. Dieses Geld werden wir künftig brauchen, um den Marktanteil von KTM in den USA zu halten, wo die Bedingungen immer schwieriger geworden sind.
Das heißt, aufgrund des starken Euro wird die Gewinnspanne in den USA immer geringer?
Ja. Aber insgesamt können wir nicht klagen. Wir haben im letzten Geschäftsjahr knapp 71000 Motorräder verkauft. Ich glaube, dass wir das profitabelste europäische Motorrad-Unternehmen sind. Vor zwölf Jahren haben wir mit 6000 Motorrädern angefangen.
Zurück zum MotoGP-Motor. Es war zu
hören, dass Sie bis jetzt schon 13 Millionen Euro in den V4-Viertakter investiert haben.
Nein, die Zahlen sind falsch. Die
Entwicklung des MotoGP-Projektes hat bis dato in etwa vier Millionen Euro gekostet. Bis der Motor im März einbaufertig ist, werden es fünf Millionen sein.
Was passiert nun mit dem Triebwerk?
Wir sind überzeugt, dass wir als Motorenlieferant vielleicht mit dem einen oder anderen Team ein Paket schnüren können.
Wäre das Proton-Team von Kenny Roberts eine Möglichkeit?
Das wäre interessant. Die großen Werksteams werden nicht auf einen Zugang warten. Wir müssen uns herandienen. Wir geben das Projekt aber nicht auf. Was uns hier gelungen ist, ist es wert, es ganz intensiv und seriös zu verfolgen.
Sie haben eigens Spezialisten für die Entwicklung des MotoGP-Projekts engagiert. Stehen diese Leute bald auf der Straße?
Wir haben da auf einen Schlag 18 Viertakt-erfahrene Techniker bekommen, das ist wie eine Frischzellenkur für unsere gesamte Entwicklung. Diese Leute haben das Zeug, auch andere Motoren zu bauen. Sie
arbeiten jetzt an unseren jüngsten Serienprojekten, darunter einem neuen 250er-Einzylinder-Viertakter für den Offroad-Sport.
Wie hoch ist das KTM-Budget für den Rennsport?
Wir geben im Jahr rund fünf Prozent unseres Umsatzes für den internationalen Werks-Rennsport aus.
Das sind demnach knapp 19 Millionen Euro. Wo liegen die Schwerpunkte?
Wir werden unsere Wurzeln natürlich nicht verlassen, und die liegen nun mal im Geländesport, wo wir die ganze Bandbreite von Motocross über Enduro bis hin zur
Paris-Dakar abdecken. Dazu kommt Supermoto. Auf der Straße ist KTM mit dem 125er-Grand-Prix-Team präsent, außerdem gibt es ein Junior-Team für die 125er-IDM.
Mit der 990 RC8 haben Sie bald ein supersportliches Straßenmotorrad im Programm. Wird die Superbike-WM künftig ein Thema für KTM?
Das möchte ich nicht ausschließen, aber auf der Straße konzentrieren wir uns derzeit klar auf die 125er-WM.
Vergangenen Winter haben Sie stolz den 41 Fahrer umfassenden Werks-Kader für 2003 präsentiert. Wird KTM 2004 wieder mit so einem gewaltigen Tross antreten?
In diesem Jahr sind es 38 Werksfahrer, ich hab’s genau durchgezählt. Lediglich in der 450er-Topklasse im Motocross haben wir etwas reduziert.
Fährt KTM auch 2004 in der Motocross-WM-Topklasse zweigleisig, das heißt mit der 250er-Zweitakter und der 450er-Viertakter?
Nein, die beiden Werkspiloten Steve Ramon und Kenneth Gundersen werden dort mit dem Viertakter starten.
Warum?
Leider werden die Zweitakter wahrscheinlich in den nächsten Jahren im Motocross verschwinden. Das Reglement wurde
in einer Zeit verabschiedet, als KTM noch nicht den Einfluss bei den Sportbehörden
und unter den Herstellern hatte. Da hat man zu wenig gedacht. Inzwischen haben die
Japaner kapiert, dass sie ihre Zweitakter umgebracht und die Kosten bei der Entwicklung verdoppelt haben. Wir geben dem Zweitakter im Hobby-Rennsport aber nach wie vor eine Chance, weil er preiswert ist. Ein 16- oder 18-Jähriger kann sich keinen Hightech-Einzylinder-Viertakter leisten und instand halten – das kostet ein Vermögen.
Im Gegensatz zu den japanischen Herstellern hat KTM das Image einer großen Familie, was sich unter anderem in eigner Lifestyle-Bekleidung ausdrückt. Wie wichtig sind solche Aktivitäten?
Sehr wichtig. Der Umsatz von Power Wear, sprich Bekleidung, beträgt ungefähr vier Millionen Euro pro Jahr. Bei den Power Parts, also dem Technikzubehör, liegt er zwischen acht und zehn Millionen. Das ist schon ein richtiger Haufen Holz. Und KTM-Adventure-Tours ist der weltgrößte Motorradreisen-Veranstalter.

Das Interview führten die Redakteure
Lothar Kutschera und Waldemar Schwarz

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