Platz 1 (Archivversion) BMW C1

Dach-Schaden

Man muss schon über ein gesundes Selbstbewusstsein verfügen, besser sogar etwas extrovertiert veranlagt sein, um sich mit diesem »innovativen Mobilitätskonzept« (O-Ton BMW) auf die Straße zu trauen. Nicht aufzufallen klappt mit dem BMW C1 einfach nicht. Zumindest nicht in Deutschland. In einer richtigen Weltstadt wie Paris dagegen schon. Dort sieht man an jeder dritten Kreuzung den bei Bertone in Italien gebauten Dachroller. Niemand verdreht sich in Paris deshalb den Hals. Und dort wird das vollgetankt immerhin 200 Kilogramm schwere Teil tatsächlich von schönen, jungen Menschen gefahren. Zumindest manchmal. Genau so jedenfalls, wie es die BMW-Werbung immer propagierte. Doch Paris liegt auch in einem Land, dessen Bewohner Fahrzeugkonzepte wie Citroën 2CV und Renault R4 schon zu schätzen wussten, als die Deutschen den verschnarchten VW Käfer noch für die Krone der automobilen Schöpfung hielten.
In Deutschland sind es allerdings keine Yuppies, die sich im C1 sehen lassen. Es sind eher Herren zwischen 40 und 60, die oft in modisch nicht ganz aktuellen Nylonjacken stecken. Dass diese Menschen in Toilettensitzhaltung und mit gleich zwei Sicherheitsgurten fixiert in ihrem skurrilen Gefährt hocken, macht die Sache nicht schöner. Doch wer die Mischung aus klingonischem Krankenfahrstuhl und Smart in Scheiben mehr als 100 Kilometer bewegt hat, möchte den C1 als cleveres Drittfahrzeug womöglich nicht mehr missen.
Ein nicht nur für Rollerverhältnisse hervorragendes Fahrwerk, tolle Bremsen (meist mit ABS, 980 Mark/501 Euro extra), echte 15 PS beim 125er (18 PS beim 200er) und ordentliche Fahrleistungen, geringer Verbrauch, jede Menge Stauraum (vorausgesetzt, das aufpreispflichtige 80-Liter-Top-case ist montiert), einfachste Bedienung, gute Verarbeitung und vor allem die Möglichkeit, ganz legal ohne Helm fahren zu können, stempeln eigentlich jeden C1-Fahrer zum C1-Fan. Das einzigartige Sicherheitskonzept mit Knautschzone (Crash-Element über dem Vorderrad) und Überrollbügeln sowie der hochmoderne, mit Saugrohreinspritzung und geregeltem Kat bestückte Vierventilmotor von Rotax machten den C1 sogar für Technik-Gourmets interessant.
Unterm Strich aber waren weltweit 33688 (davon 17096 in Deutschland) verkaufte C1 für BMW dann doch zu wenig, im Herbst 2002 endete die Produktion nach nur drei Jahren. Die (preisliche) Hemmschwelle war für die meisten potenziellen C1-Kunden einfach zu groß. Anfangs wollte BMW für den Basis-C1 ohne Extras satte 5463 Euro haben. Mit ABS und etwas gehobener Ausstattung kam da schnell ein Betrag zusammen, der über dem Tarif für einen Kleinwagen lag. Die letzten C1 wurden allerdings schon ab 3700 Euro verschleudert.
Der C1 mag nach wie vor ein geniales Konzept sein, doch perfekt ist er bei Weitem nicht: Die Ständer-Mechanik ist theoretisch toll, in der Praxis aber ein Dauer-Ärgernis. Und die Sozius-Lösung ist völlig unbefriedigend (Außen-Sitzplatz mit Helmpflicht). Der C1 ist seitenwindempfindlich, laut und zugig. Er lässt sich im Vergleich zu normalen Rollern schwer rangieren, und die Werkstattkosten sind horrend. Doch wie das mit (vermeintlichen) Flops so läuft: Bereits heute, fünf Jahre nach Produktionsende, gilt der C1 als Kult. Die C1-Szene ist ausgesprochen munter (Internet-Tipp: www.c1biker.de), Gebrauchtfahrzeuge ziehen preislich an. Sogar in Deutschland, dem vielleicht untauglichsten C1-Markt. Es ist eigentlich bezeichnend, dass BMW 2004 die Nutzungsrechte am Namen C1 ausgerechnet an den französischen PSA-Konzern abgetreten hat. kh

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