Porträt: Airbrusher Michael Schönen (Archivversion) Gibson war schuld

„Ein Outlaw mit Vollbart stieg einst von seiner Harley. Von da an war nichts mehr, wie es vorher war“, sagt Michael Schönen, einer der talentiertesten deutschen Airbrusher. Aber lassen wir ihn selbst erzählen ...

Michael Schönen straft alle Klischees Lügen, die man gemeinhin über Airbrush-Künstler pflegt. Er ist weder tätowiert noch langhaarig. Auch setzt er sich nicht in Szene, sondern verharrt in der Rolle des unscheinbaren Nachbarn von nebenan. Still. Bescheiden. Schüchtern. Und tatsächlich, fragt man die Anwohner der Schlesierstraße in Mörlenbach bei Heppenheim an der Bergstraße, wer denn dieser Typ mit Brille aus dem weißen Reiheneckhaus sei, erntet man Schulterzucken: „Der macht irgendwas in Farbe.“

Der einzige Hinweis, dass er „in Farbe macht“, ist ein buntes Schild in DIN-A4-Format. „Lackmuss“ steht drauf, sein Firmenlogo. „Aus einem Wortspiel heraus geboren“, erinnert sich Schönen. „Lack muss einfach drauf – so entstand mein Firmen-name.“ Michael sitzt an seinem Massiv-holz-Küchentisch, die Hände gefaltet, seine Beine übereinander geschlagen, die kurzen, schwarzen Haare liegen wirr, in seinem linken Ohrläppchen ein massiver Ring, unter der Lippe ein Bartsprenkel. Seine Füße wohnen in ausgelatschten Birkenstock-Sandalen, die eine dicke Schicht Farbkleckse veredelt. Aufmerksam hört er zu, unterbricht nie. Auf Fragen nach seinen bisherigen Werken legt er kommentarlos einen Ordner auf den Tisch und wendet sich der Kaffeemaschine zu.

Der Ordner ist prall gefüllt mit Fotos von verzierten Motorradteilen. Tanks, Seiten-deckel, Kotflügel. Außerdem komplette Motorraddesigns, Helme, Modellautos. Eines ist auffällig: Fantasy-Malerei ist ebenso rar wie wild züngelnde Flammen. „Ich mag weder Totenschädel noch zerrissene Leiber“, sagt Michael. Am liebsten setzt er Themen um, hat beispielsweise sämtliche Triumph Rocket RS III der Landauer Edelschmiede Palatina lackiert. „In den Neunzigern waren es neben Motorrädern viele Gitarren“, sagt Michael. Außer lokalen Größen aus dem Mannheimer Raum besaßen auch Jule Neigel und der Gitarrist von Sweet eine verzierte Klampfe von ihm.

Heute sind Motorradfahrer seine Hauptkunden. „Viele kommen nach einem Sturz mit geflickten Verkleidungen und sind relativ einfallslos. Selbstverständlich lackiere ich auch Original-Dekore nach“, sagt der Künstler. „Doch wenn schon neuer Lack, dann sollte er auch individuell sein. Die Lackierung ist wie ein Tattoo fürs Motorrad und sollte Bezug zum Fahrer haben.“ Den Hot-Rod eines Schrotthändlers veredelte Michael kurzum mit auflackiertem Rost, ein Frankfurter Broker rollte seine Harley auf den Hof und wollte irgendwas mit Geld. „Dem hab ich Dollarscheine mit Klarlack auf den Tank verewigt.“ Manchmal braucht es einen abendfüllenden Talk, um die richtige Idee zu finden. „Die meisten kommen an und sagen: Mach mal was Geiles. Was Geiles sind für mich Gummibärchen. Der eine saß hier ewig rum und wollte unbedingt ein paar tolle Farben. Blätter, Wellen, Zacken, Streifen – Design war ihm schnurzegal. Zum Schluss hab’ ich ihn gefragt, worüber er sich am meisten freut. Sagt er: aufs Feierabend-Pils.“ Der Mann fährt jetzt mit einer Speed Triple im Krombacher Bier-Design umher. Egal, ob Marilyn Monroe in Lebensgröße auf die Kühlschranktür soll oder das Orangina-Logo auf den Toilettendeckel – Michael setzt alles um. Frei Hand. Detailgetreu. Und manchmal sogar mit 3D-Effekt. Wie und wo hat er das gelernt?

„Vererbung scheidet aus“, lächelt Michael. Sein Vater ist Pumpentechniker, seine Mutter Lehrerin an einer Hauswirtschaftsschule. „Mit Kunst hatten beide nichts am Hut.“ Erste Hinweise auf seine Begabung gibt es in der Grundschule: Die Lehrerin bittet ihn, neue Fleißkärtchen zu entwerfen. „Im Zeichnen hatte ich immer eine Eins“, sagt der 44-Jährige und kramt in seinen alten Entwürfen, die er vor einiger Zeit auf dem Dachboden entdeckt hat: viele Zweiräder und Themen rund ums Motorrad. Kein Wunder. Sein sieben Jahre älterer Bruder fuhr eine Zündapp KSR. „Die war für mich das Größte“, erinnert sich Schönen, der bis heute auf über zehn Motorrädern knapp eine halbe Million Kilometer abgespult hat. Sein erstes richtiges Zweirad war eine weiße Yamaha RD 50 M, die er 1980 mit 16 Jahren bekam. In dieser Zeit er-schien das Magazin „Chrom und Flammen“ in Deutschland. Michael war fasziniert, was die Amis alles auf ihre Bikes malten.

Einige Wochen später war sein RD-Tank mit auffällig züngelnden Flammen lackiert und sein Moped parkte vor dem Eiskaffee in Bad Dürkheim, dem damaligen Biker-Treff. „Es war wie im Western“, schildert er. „Kein Lüftchen, stehende Hitze. In der Ferne ein Donnergrollen. Und dann fuhr der Typ mit der rotmetallic lackierten Uralt-Harley vor.“ Er kickte theatralisch den Seitenständer raus und spuckte einige Mücken aus den Zähnen. Er trug Kutte, Vollbart, abgewetztes Leder und Indianerschmuck. Ein Outlaw, den einige Gibson nannten. Auf dem Weg zur Kioskbar zuckte Gibson plötzlich zusammen. Sein Blick fiel auf Michaels RD. „Wem gehört das Ding?“ brüllte er in die Menge. Es klang, als hätte er ein Motorrad wiedererkannt, das man ihm vor Jahren gestohlen hatte.

Monate später waren beide unzertrennlich und werkelten ständig in Gibsons Werkstatt. Der vermeintliche Outlaw war zehn Jahre älter als Michael und Kunststudent. Aus den USA hatte Gibson Effektlack mitgebracht und Michaels Talent sofort erkannt. Gemeinsam widmete man sich dem Umlackieren von Choppern. Neben der Lehre zum Bauzeichner räumte Michael Schönen in den Folgejahren mehrmals wöchentlich die Garage seines Vaters aus, um an den Mopeds seiner Kumpel neue Airbrush-Techniken auszuprobieren. „Gelegenheit zum Üben gab’s genug“, schmunzelt Schönen. „Da war einer, der wollte unbedingt das Bild seiner Freundin auf dem Tank haben. Allerdings hatte der auch alle paar Wochen eine Neue. Da kommst du als Künstler nie aus der Übung.“

Michael beendet seine Lehre als Bauzeichner, macht Zivildienst als Rettungssanitäter, das Fachabitur und studiert anschließend Design und Gestaltung. „Mitte zwanzig war mein Ziel klar definiert: Mit vierzig nicht mehr arbeiten, einen Porsche 356 und ein Haus am Comer See.“ Als Airbrusher macht er sich 1993 selbständig. Zu früh, wie er heute sagt. Der Markt war noch nicht da. „Außerdem“, bekennt er, „bin ich viel zu weich für einen Geschäftmann.“ Schönen gibt nach drei Jahren auf, betreibt das Airbrush-Geschäft fortan als Nebenerwerb und arbeitet hauptberuflich als Industriedesigner. Obwohl inzwischen 44, hat es für Porsche, Frühruhestand und das italienische Haus nicht gereicht. Zufrieden ist er trotzdem. Tagsüber gestaltet er Verkaufsstände jeglicher Couleur, abends geht er seinem Airbrush-Trieb nach. „Das Brushen brauch‘ ich als Ausgleich“, sagt er. Wer jetzt glaubt, Schönen könne mit Atelier oder Ausstellungsräumen aufwarten, irrt. Eine steile Kellertreppe aus Beton führt hinab in sein Reich, das lediglich acht Quadratmeter misst. Zwei Bisley-Schränke halten eine Küchenplatte vom Baumarkt, die ihm als Arbeitsfläche dient. „Wichtig ist nicht die megageile Ausrüstung, sondern das Resultat“, meint Michael. Seine Arbeiten geben ihm Recht. Rund 96000 Farben stehen für vier Airbrushpistolen bereit, unzählige Schwämme und Pinsel zur Wahl. Auf die Frage nach der aufwendigsten Lackierung grinst er:

„Letztens habe ich einen Tank mit Blattgold lackiert. Um das zu glätten, mussten acht Schichten Klarlack aufgetragen werden.“ Wenn Michael Schönen so etwas sagt, mit ruhiger Stimme, zurückhaltend in Körpersprache und dennoch voll Passion, dann spürt man förmlich, dass er tatsächlich jemand ist, für den „nichts unmöglich“ ist. Das Schwierigste für ihn scheint lediglich, dem eigenen Anspruch an Perfektion gerecht zu werden. Der ist einfach verdammt hoch.

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