Porträt Andreas Borchert (Archivversion) Mi vida loca

Eigentlich glaubt Andreas Borchert nicht, dass er ein verrücktes Leben führt. Das glauben nur die andern. Trotzdem hat Botsche sich eben das auf den Bauch tätowieren lassen, Fraktur auf Spanisch.

Botsche schafft Schicht bei Bosch, als Lagerist. »Das ist kein Beruf, das ist ein Job«, sagt er. Und er sagt es ohne Selbstmitleid. Dient halt dazu, seinen Lebensunterhalt zu verdienen, »mit Selbstverwirklichung hat das nix zu tun«. Er fährt Motocross. Von den Kollegen hat das allerdings keiner mitgekriegt, bis er mal gefehlt hat. Knochenbruch. Da haben sie dann alle den Kopf geschüttelt oder sich drangefasst. »Geht einer zum Fußball und kriegt die Knochen zertreten oder kommt vom Skifahren und hat alles ab, ist das okay. Weil das jeder macht.« Aber wenn Botsche von der Crossstrecke kommt und sich was getan hat, ist er gleich ein Irrer, ein Spinner. »Manche«, sagt er, »die haben dich geistig schon abgeschrieben, denken, der kommt nicht mehr zurück.« Wohin? In die Welt derer, die wochenends zum Europapark fahren, auf dem Weg dorthin zweimal Pause mit Gymnastik, Thermos-kanne und so. »Die checken das nicht. Die wissen nicht, wie geil das ist, einen 20-Meter-Table zu springen. Die gucken Fußball und Formel 1, legen sich eine Dekra-Mütze auf die Ablage und schleichen rum.« Die legen auch Wert auf tolle Autos und denken, der Botsche sei ein armer Wicht, weil er mit dem Fahrrad zur Arbeit kommt. Sie fragen ihn, ob er denn kein Auto habe. Woraufhin er antwortet: »Doch. Im Winter fahre ich BMW, im Sommer Mercedes.« Da bleibt so manchem der Mund offen stehen. Muss ja keiner wissen, dass der alte Dreier fast auseinander fällt und sein Daimler ein Transporter ist, den er günstig von den Schwabenboys hat ergattern können, einer Bierzeltkombo. Eine von der Art, wie sie beim Cross abends Stimmung macht. »Wo ist denn Motocross? Das ist in Gottes Dörfern, wo das ganze Jahr nix los ist, nur einmal Kirmes und einmal Motocross.« Botsche hört lieber Anthrax, Biohazard, Sepultura. So was halt, und das laut. »Jetzt kommt das Ghetto«, raunt es durch das Fahrerlager, wenn Botsche zur Strecke juckelt. Haare gefärbt, tätowiert, schrottiger Bus, nur ein Satz Reifen fürs Wochenende. Auch in der Szene halten ihn manche für einen Race Punk, einen Verrückten. Sie haben damit schon Recht. Anders aber, als sie meinen. Allenfalls ist er verrückt genug, alles fürs Crossen zu tun. »Das ist mein Leben.« Verrückt. Denn: »Im Grunde habe ich alle Voraussetzungen, dass man nicht fährt.« Keine vernünftige Werkstatt: »Ich schraube im Freien im Industriegebiet.« Wenig Kohle: »Meine Reifen hole ich beim Proficrosser Eckenbach. Was der wegschmeißt, ist für mich gut.« Wenn die Stollen abstumpfen, schneidet Kumpel Röhrig – »wie der Meister« – die Kanten halt nach. Kaum Sponsoren: »Mein Kawa-Händler in Reutlingen macht mir verdammt gute Preise, und ein Kfz-Techniker schweißt hin und wieder den Rahmen für lau.« Kohle kam eigentlich nur von Dixi. »300 Mark, ein T-Shirt und ein paar Aufkleber: Mich kann jeder mieten.« Ein Scheiß-Sponsor. Wenig Zeit: »Ich versuche zweimal pro Woche zu fahren, Holzgerlingen meistens, meine Lieblingsstrecke, oder Reutlingen. Und eben noch Studio. Wenn du nicht fit bist, hast du verschissen.« Spät angefangen: »Ohne Talent und erst mit 26.« Da hat er beim Motocross der Nationen in Gaildorf gesehen, wie sich 500er-Weltmeister David Thorpe von einem auf einer 125er hat verspulen lassen. »Ron Lechien, Riesentalent, leider durch Drogen und Alkohol bisschen abgestürzt.« Abgestürzt ist Botsche auch, beim Stadtfest in Reutlingen. Nein nicht abends an der Theke, tagsüber. Es gab da eine Rampe wie beim Freestyle, und die reizte ihn. »Zweimal springe ich drüber, hab’ ich gedacht, einmal ohne, dann mit Trick.« Den hat er dann schon beim ersten Sprung gezeigt. Halber Überschlag nach vorn – Kieferbruch. Seitdem hat er einen Mordsrespekt vor der Rampe, schaut sich so etwas lieber auf Video an. »Das ist das Winterprogramm, ein Crusty nach dem anderen, die sind mal richtig krank, aber du ziehst dir das stundenlang rein, die heißen Crusty, die Filme.« Rampe will er nicht mehr springen.Aber wie ist das auf der Strecke? Immerhin ist Botsche schon 36, und man sagt doch, mit dem Alter krieche einem langsam die Angst in die Knochen. Das spüre er nicht so unbedingt. »Ich springe, was ich immer gesprungen bin. Und wo ich nicht gesprungen bin, springe ich immer noch nicht.« Stagnation? Mag sein. Freilich auf hohem Niveau. Wiewohl er selbst sich bescheiden gibt. Er reiße ja nix, mal ein Top-Ten-Platz, ein Punkt, eine Clubmeisterschaft, wenn’s schlammig ist. Dass er bei den Profis mitgefahren ist, kommt nur so nebenbei. Und eigentlich ist er so richtig nicht mitgefahren. Das Training lief prima, ein neunter Platz immerhin, doch das Rennen war schnell vorbei. Startcrash, Kühler platt. Dennoch: »Allein zwischen Jungs wie Everts und Eckenbach zu stehen ist der Hammer.« Bereits das Zuschauen hat was, findet Botsche. Wobei er sich selbst als Zuschauer nicht immer ganz unbeteiligt gibt. Manchmal nämlich kommt es vor, dass Botsche an der Piste steht, und gegen Ende des Rennens öffnet er seine Hose, um sie bis zu den Knien herunterzuziehen. Dreht sich mit dem Rücken zur Strecke und präsentiert seinen entblößten Hintern. »Derjenige, den das angeht, der hat jetzt aufgehört, und damit hat sich das praktisch erledigt.« Bernd Eckenbach. Mit dem hatte er eine Abmachung. Wenn Bernd gut fährt, zieht Botsche blank. Voilà. Ist auch schon schiefgegangen, die Aktion, weil es Streckenposten gab, die von dem Deal nix wussten. Botsche hat ebenfalls schon gewonnen. Den Kittelcup hat er geholt, bereits drei Mal. Der Kittelcup ist so entstanden: Botsche saß mit einigen Jungs zusammen im Fahrerlager, als die Frage kam, an was für einer Serie sie eigentlich teilnähmen. Einer, ziemlich knülle, mühte sich zu artikulieren, man fahre um den »süddeutschen Meistertitel«, brachte aber nur süddeutscher Meisterkittel über die Lippen. Daraufhin besorgte Botsche bei Bosch einen Kittel, den süddeutschen Meisterkittel. Den fahren sie jetzt aus. Und die Bedingungen sind klar: »Sonntags das Rennen, also musst du samstags saufen, und die Reifen haben völlig am Ende zu sein.«Ähnlich einfach sind die Regeln beim Botsche-Cup. Das ist das Fußballturnier, das er stets an seinem Geburtstag veranstaltet. »Wer ein Tor schießt oder sonstwie positiv auffällt, muss sofort raus und ein Bier trinken. Schiedsrichter bin ich.« Da muss er doch sicher nüchtern bleiben? »Selbstverständlich nicht. Ich gehe mit gutem Beispiel voran.“

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