Porträt Andreas Schneid (Archivversion) Stumpen-Andi

Heiraten wollte er nie. Rauchen auch nicht. Mit 17 glaubte er noch, ein Motorrad sei genug. Es ist alles anders gekommen. Andreas Schneid ist ein bayrisches Original. Er sieht aus wie der Räuber Hotzenplotz und hat für jeden Wochentag eine andere Yamaha XT 500.

Manchmal fällt es schwer, eine einfache Frage zu beantworten. Andreas Schneid schiebt seinen linken Mundwinkel hoch, wühlt mit der linken Hand im Vollbart, presst zwischen seinen Lippen eine dicke Rauchwolke hervor. »26 müssten es sein«, sagt er, »so ungefähr jedenfalls.« Ungefähr. So, so.
Jeder durchschnittliche Motorradfahrer könnte seinen Fuhrpark vermutlich aufzählen, ohne groß nachzudenken. Andreas Schneid aus Itzing bei Monheim, Oberbayern, kann es nicht.
Er sitzt auf einer blau-weiß beflaggten Bierbank vor der Haustür. Im Mundwinkel einen glühenden Zigarrenstumpen, eine Schirmmütze bündelt sein dichtes, schwarzes Haar, seine rechte Wade
versucht den Schaft seines Motocross-Stiefels zu sprengen. Schneid grübelt und rollt dabei die Augen von rechts nach links. »Fünf Traktoren, drei Autos und 26 Motorräder. 13 davon Yamaha-XT-Modelle, um genau zu sein«, sinniert er, »sieben 500er sind permanent im Einsatz.«
Da ist Platz gefragt. Den hat der Nebenerwerbslandwirt,
wie er sich selbst definiert. Sein Hof hat 3500 Quadratmeter, in
der Scheune könnte Pink Floyd ein Konzert geben. Dagegen
fällt die Werkstatt richtig mickerig aus, misst gerade sechs mal 2,40 Meter. »Die Größe war vorgegeben, denn ich hab’ über die Jauchegrube gebaut«, grinst Schneid, »das wirkt im Winter wie eine Fußbodenheizung.«
An Einfällen hat es dem 39-jährigen Enduro- und Cross-Piloten nie gemangelt. Als ihm vor sieben Jahren bei einer Abnahme für ein Offroad-Rennen das Schauglas aus dem Bremszylinder fiel, die Bremsflüssigkeit rauslief, klebte er mit Sekundenkleber einfach einen Pfennig ins Loch. »Der hält heute noch, dichtet perfekt«, erklärt Schneid, »mit dem Zeug kleben sie Rotorblätter vom Hubschrauber zusammen...« Bei solchen Aktionen fühlt sich der gelernte Landmaschinenmechaniker in seinem Element. »Alles, was stinkt, Krach macht, irgendwie lebt und mindestens ein Sechser-Gewinde hat, ist mein Steckenpferd«, sagt der Mann mit Rauschebart, den kaum jemand, den er als Freund oder Bekannten bezeichnet, mit seinem richtigen Namen anspricht. In der Offroad-Szene heißt er Stumpen-Andi, seine alten bayrischen Kumpel rufen ihn Tschasst.
Tschasst? »Klar, das kommt aus dem Englischen. Kennt man doch: just in time.« Eingebayrischtes Englisch also. Einer, der immer auf den letzten Drücker alles hinbekommt, hat schnell
seinen Spitznamen weg. Das mit dem Stumpen allerdings ist eine andere Geschichte. Im Alter von 28 riet ihm ein Arzt, mit dem Rauchen zu beginnen. Er empfahl Inhalieren als Alternative zu den immensen Mengen Schnupftabak, die Andi bis dato
konsumiert hatte und die seiner Gesundheit arg zusetzten. Seitdem dampft Stumpen-Andi. Drei täglich. Mindestens. Wer ihn erlebt, dem stellt sich kaum die Frage, ob sich dieses Laster mit einer sportlichen Laufbahn vereinbaren lässt.
Denn der Berg von einem Mann, wohlwollend selbst geschätzte 110 Kilogramm, mit Waden vom Durchmesser eines 190er-Schlappens, wirkt auf der einen Seite zwar besonnen. Auf der anderen jedoch wie ein hyperaktives Kind. Erst neulich hat
er seinen hart für den Triathlon trainierenden Freund bergauf mit einem alten Sechsgang-Rad minutenlang schwatzend begleitet und ist dann einfach auf und davon geradelt. Wenn Stumpen-Andi in ruhigem, staubtrockenem Bayrisch über seine unzähligen Starts in diversen Enduro- und Motocross-Rennen philosophiert, die Muskelpakete sich um den massiven Knochenbau kräuseln und seine kindlich-unbeschwerten Augen zu leuchten beginnen, dann hat man schnell einen heimlichen Wunsch.
Nämlich zum Freundeskreis dieses Unikums zu zählen. Kaum jemand verkörpert den großen Bruder perfekter als er.
Jemand, der für technische Probleme stets ein offenes Ohr hat, dir das Gefühl von Zeit ohne Ende vermittelt, Schwierigkeiten ausradiert, noch ehe sie entstehen, und dir deine Enduro in einer tief ausgefahrenen Schlammrille einfach hinterherträgt, falls dir das Fahren zu anstrengend wird. Nach nur zwei Minuten in Schneid’scher Aura wird selbst Zweirad-Unbefleckten klar: Hier steht jemand, für den ist Motorradfahren so elementar und selbstverständlich wie atmen und essen.
Das war es immer schon. Als Andi im tiefsten Winter an seinem 16. Geburtstag mit der neuen Kreidler RS 50 auf die Landstraße ausrückt, liegen bereits Zigtausend schwarz gefahrene Kilometer auf einer DKW Hummel und Zündapp ZR 25 hinter ihm. Seine Großmutter offeriert ihm 300 Mark – das Zweifache seines Monatslohns als Lehrling –, wenn er mit der Kreidler nicht zum Elefantentreffen aufbricht. Andi fährt. Und friert sich, eingewickelt in Überlebensfolie, einen Panzerkombi und zwei über-einander gezogene Sommerschlafsäcke, den Allerwertesten ab. »Ohne den Glühwein von der Paderborner XT-Truppe wär’ ich bestimmt erfroren.« Zwei Jahre später dieselbe Offerte: 300 Mark, wenn der Bub den Kradführerschein nicht macht.
Andi lässt sich nicht davon abbringen, hält für den Tag X, versteckt im Holzschober, seine erste XT 500 parat. Bereits im ersten Motorradjahr nimmt ihm ein Autofahrer die Vorfahrt, rammt seine Oberklasselimousine in Andis rechte Seite. »Bein und Fuß hatten 17 oder 18 Frakturen. Da waren sich die Ärzte nicht ganz einig.« Der Unfallverursacher begeht Fahrerflucht. »Den haben sie aber schnell geschnappt. Sein Nummernschild steckte in meiner Wade.« Zwölf Monate später ist das Malheur fast vergessen. In den folgenden Jahren verbringt er mehr
Stunden im Motorradsattel als manch einer bei der Arbeit. Spult zu seinen Bestzeiten fast 50000 Kilometer im Jahr ab. Seine Reisen, ob nach Afrika oder Attendorn, haben nicht immer
kulturelle Hintergründe. Als er 1986 an einem Sonntag mit seinem besten Kumpel im Kino den Streifen »Highlander« anschaut, fassen die beiden blitzartig den Entschluss, dem Iron Donning Castle einen Besuch abzustatten. »Einmal dort stehen, wo der Highlander mit seiner Frau gelebt hat«, erinnert sich Andi, »das war der Traum. Dienstags sind wir dann aufgebrochen. Den Montag haben wir gebraucht, um den Urlaub rauszuhandeln.« Die schottische Isle of Sky empfängt die beiden landestypisch. »Wir hatten die drei Wochen zwar keinen richtigen Regen, aber mehr als Nebel war das schon.« In den Folgejahren wächst seine Motorradsammlung. Und das teils auf obskure Weise.
Während einer Enduro-Veranstaltung des Karpatencup beispielsweise macht er ein Tauschgeschäft: gelber Opel Ascona, Zweiliter-Motor, 180000 Kilometer und 90 PS, gegen eine 420er-CZ-Werksmaschine, Cross-Ausführung, Zweitakter, 55 PS. Andi war mit dem Ascona angereist, die CZ musste in Teile zerlegt und auf Freunde verteilt außer Landes geschafft werden. Ein
andermal kam ein Kumpel vorbei, der seine Triumph Trident verkaufen wollte. Andi soll auf einer Probefahrt checken, ob sie technisch in Ordnung ist. War sie ohne Frage. Andi fährt von Nord nach Süd, landet letztlich in Garmisch und drückt seinem Kumpel die Kaufsumme in die Hand. »Ein Motorrad, das so
klaglos läuft, sollte man bunkern.«
Stumpen-Andi lernt seine zukünftige Frau während der
aktiven Rennfahrerzeit kennen. Als sie ernsthaftes Interesse bekundet, warnt er sie: »Also, eigentlich hab’ ich gar keine Zeit. Tagsüber schaff ich, und abends... Montags muss ich’s Motorrad waschen. Dienstags wird’s zerlegt, mittwochs muss ich Teile bestellen, donnerstags holen und einbauen. Freitag ist Probefahrt angesagt, und Samstag/Sonntag fahre ich Rennen.« Sie nimmt ihn trotzdem. Die beiden haben zwei Söhne im Alter von sieben und drei Jahren. Das Rennfieber ist etwas abgeklungen.
Was die Offroad-Szene mit einem lachenden wie weinenden Auge registriert. Weil Andi, der noch nie in seinem Leben mit dem Flugzeug gereist ist, immer schon den Schelm im Nacken hatte. Als er einmal spät abends auf einem Rennen ankam und man ihm nur einen Zeltplatz neben einer von vier verstreut aufgestellten Toiletten zuwies, pappte er ein Defekt-Schild an die Tür. »Dann hast du deine Ruhe.« Tags drauf zeigte der technische Kommissar auf den separaten Ölausgleichsbehälter seiner Heidmann-
XT 550, ein viereckiges, 25 mal 25 Zentimeter großes, selbst geschweißtes Stahlkästchen, das Andi anstelle des Schein-
werfers montiert hatte, und wollte dessen Bestimmung wissen. »Ein Babbalupp-Käschtle«, erklärte ihm Andi. »Wenn man’s abbaut und in den See wirft, macht’s babalupp, babalupp...«
Itzing in Oberbayern ist ein Ort ohne Bäcker und Metzger. Ein Ort mit 295 Einwohnern und mehr als fünf Mal so viel Kühen. Im Umkreis von 50 Kilometern gibt es kaum jemanden, der noch nie von Tschasst oder Stumpen-Andi gehört hat. Andi ist nicht stolz darauf. Er ist ein Typ, dem man mit einer dicken Zange Informationen aus der Nase ziehen muss. Dass er mittlerweile eine dreiviertel Million Motorradkilometer abgespult hat, ist für ihn ebenso selbstverständlich, wie Brot mit Butter statt Margarine zu bestreichen. Er ist ein Mann, der zurückschauend nichts anders machen würde, praktisch stündlich einen großen Schluck aus dem Kelch des Lebens nimmt und ihn sofort an die Umstehenden weiterreicht. Ein Mann, der von seinen 26 Motorrädern auch in den kommenden Wintern noch mindestes fünf angemeldet haben wird. Ein paar davon werden immer 500er-XTs sein.

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