Porträt Bernd Raffelt (Archivversion) Mensch Bernd

Er ist ein Mann, der den Prototypen des unscheinbaren Nachbarn verkörpert. Aber wessen Nachbar schreibt Bücher, hält Vorträge und hat mehr als 250000 Kilometer mit dem Moped abgespult?

Den Autoführerschein? Bernd Raffelt schaut, als hätte man ihn aufgefordert, gleich hier am Tisch die Leber zu spenden. »Nie gemacht«, sagt er und bläst Zigarettenrauch gegen die niedrige Zimmerdecke. »Wozu auch? Mit 16 hab’ ich alles Wichtige per Moped erledigen können, mit 70 werde ich’s ebenfalls tun. Hoffentlich.« Es ist Mittwoch, der 1. November 2006, Allerheiligen. Um das Haus in der Oberlausitz heult eisiger Wind. Es ist ein Haus von insgesamt dreizehn einer Siedlung namens Kottmarhäuser, die postalisch zum Ort Eibau gehört. Draußen riecht es nach Schnee, Weite und brennendem Buchenholz. Drinnen sitzen Bernd Raffelt und seine Katze Minka auf dem Dreier-Ledersofa. Seine Wohnung misst 45 Quadratmeter und ist das Abziehbild
einer Junggesellenbude. Frei nach der Maxime, ein Genie beherrscht das Chaos, verkeilen sich auf engstem Raum zentnerweise Fragmente seines Lebens. Einem ausgefüllten Leben.
Bernd Raffelt wird kurz vor Mitternacht am 21. Juni 1950 während eines starken Gewitters geboren. Sein Vater, ein Molkereibesitzer, nimmt seinen Sohn bereits im Alter von drei Jahren als
Beifahrer auf einer DKW mit. »Die Touren haben nachhaltig geprägt«, meint Raffelt und lächelt schelmisch. Mehrere Male büchst er aus. Bricht per Dreirad auf ins Nachbardorf oder strampelt im Grundschulalter mit dem Fahrrad in die nächste Kreisstadt. In den Sechziger Jahren wird Vaters eigener Betrieb (VEB) umbenannt. Nach der Enteignung arbeitet Bernd zuerst noch einige Jahre für die ehemalige Firma und nimmt anschließend Jobs als Kessel-
heizer und Wäschereiarbeiter an. Eine Passion jedoch trägt er überall hin mit sich. »Mein Kopf ist seit jeher Brutstätte völlig verrückter Ideen. Die hab’ ich schon sehr früh aufgeschrieben«, sagt Raffelt. Auf dem Schulhof liest er seinen Kameraden erfundene Geschichten vor, seit der Pubertät verfasst er Gedichte. »Ich hab’ immer gewusst, dass Schreiben mein Steckenpferd ist«, sagt Raffelt.
Schreiben als Broterwerb? Es gab Leichteres in der ehemaligen DDR. Erstens wurden die knappen Kontingente Druckpapier penibel den bekannten Autoren zugeteilt, zweitens die Schreiber übergründlich durchleuchtet. Raffelts Chancen waren weniger als gering. 1977 nimmt er aus Übermut und Abenteuerlust eine Wette an, will mit einer schrottreifen 1966er-Simson Spatz bis in die Hohe Tatra und zurück fahren. »Zwei-Gang-Handschaltung, überdehnte Kette, eiernde Räder, keine 50 km/h und 1500 Kilometer vor dir«, erzählt Raffelt. »Am Anfang hab’ ich selbst gezweifelt.«
Bernd gewinnt. Die Macht der Straße hat ihn endgültig in
Besitz genommen. Drei Jahre später knattert er mit einer Simson Schwalbe bis zum Balaton, spult die 650 Kilometer Anreise an zwei Tagen ab. »Dann kam der sportliche Gedanke hinzu«, resümiert Raffelt. 1981 schafft er dieselbe Strecke in nur 18 Stunden am Stück. Auch der Schriftsteller in ihm kommt voran. Neben
vielen Gedichten, die er schreibt, verfasst er Hörspiele für den Rundfunk und Sketche für die DDR-Kultsendung »Ein Kessel Buntes«. Von 1982 bis 1987 absolviert er ein Fernstudium am Institut für Literatur in Leipzig, erhält seinen Abschluss in Prosa und
Dramaturgie. Bis zur Wiedervereinigung 1989 reizt das Simson-
Raffelt-Gespann den möglichen Reiseradius Richtung Osten aus.
In der Nacht zum 10. November 1989 wird Bernd auf dem Heimweg von einer Geburtstagsparty angehalten und über den Mauerfall informiert. »Ich fuhr gedankenversunken heim, saß mit einer Flasche Sekt auf dem Bett wie einer, der auf den Sechser
im Lotto wartet, und hörte Radio DDR. Ich dachte: Wenn die das bringen, dann stimmt’s tatsächlich. Die sind die Letzten, die es vermelden würden. In dieser Nacht brachen alle Träume durch, Entschlüsse wurden gefasst.«
Bernd war damals 39. Ein Alter, in dem viele mit Begriffen wie Ratenzahlung, Kindergarten oder Scheidungsrecht jonglieren. Bei ihm dagegen stapeln sich Fernreiseprospekte. Flieger, Züge und Busse stehen bereit für entfernteste Ziele. Doch der 1,60-Meter-Mann mit Wuschelkopf und Bauchansatz sattelt einmal mehr die Simson Schwalbe. 1991 spult er 4500 Kilometer am Stück ab.
Liefert sich in Italien Rennen mit den Vespafahrern, lotet in der überfluteten Provence die Wattiefe seiner Schwalbe aus, und als das Moped kurz vor dem Col de la Bonette seinen Dienst ver-
weigert, schiebt er es bis zur Passhöhe. »Das war und ist mein
Lebensmotto: Niemals denselben Weg zurück.« Auf dem Col de la Bonette, in 2715 Meter Höhe, fasst er den Entschluss, die längste Straße der Welt zu bereisen. »Alaska–Feuerland. Das war das große Ziel. Ein gigantischer Traum.«
Ein Jahr später steht er mit seiner völlig überladenen Simson SR 50 auf amerikanischem Boden und ist völlig erstaunt. Motor-
räder sind auf dem Kontinent der unbegrenzten Möglichkeiten keine Seltenheit. Mopeds anscheinend schon. »Die Amis hielten alle sofort an und packten ihre Videokamera aus. Neben Braun-
bären waren ich und meine Simson in freier Wildbahn ihre Urlaubsattraktion.« Als selbst ein Polizist seine Neugier nicht
verheimlichen kann und Raffelts Reise zwecks Überprüfung des Fahrzeugs stoppt, hält dieser ihm einen Englisch-Deutsch-Langenscheidt unter die Nase und meint trocken: »Was sie mir sagen möchten, können Sie hiermit übersetzen.«
Sicherlich ist es von Vorteil, die jeweilige Landessprache
zu beherrschen. Doch Bernd setzt auf pantomimische wie laut-malerische Fähigkeiten. Leider werden seine Wünsche nicht
immer exakt erfüllt. Kurz vor Salt Lake City kippt ihm ein
Mechaniker drei Liter Getriebeöl statt nur einem Drittel Liter in den Füllstutzen des Mopeds. Und als er in Mexiko zwei Polizisten nach dem Weg zum Postamt fragt, dabei mit der Faust in die
flache Hand schlägt und mit den Worten »Bum, bum« die Tätigkeit des Abstempelns beschreibt, schicken sie ihn schnurstracks
ins Bordell. »Irgendwie gehört immer ein Schuss Unbedarftheit dazu, um in ein Abenteuer zu starten«, meint Bernd. Und fügt mit einem verschmitzten Lächeln hinzu: »Wichtig ist nur, dass man für alle Fälle vorgesorgt hat.« Seine Travellerschecks transportierte der Abenteurer in Amerika beispielsweise regen- und schweiß-
sicher im Plastikbeutel an der Wade – mit dicker Mullbinde um-
wickelt und täglich mit einem kräftigen Schuss Tomatensaft
getränkt. »Da müssen selbst die ausgebufftesten Schlitzohren
erst Mal draufkommen.«
Nach 29 Tagen und über 9000 Kilometern zerbricht Raffelts Panamerika-Traum in Mexiko. Die Simson schleppt sich nur noch mühsam voran, und der südamerikanische Bürokratismus-Sumpf ist teilweise viel zu tief, als dass ihn ein Ahnungsloser durchwaten könnte. Doch Raffelt verlässt der Mut nicht. Ein Jahr später
umrundet er Australien auf einer Simson SR 70. Spult an nur
33 Tagen 13323 Kilometer ab, findet nebenbei noch die Zeit,
Auswanderern aus der Lausitz Down Under einen Besuch abzustatten und als Botschafter der alten Heimat zu fungieren. Wieder
daheim, schreibt er seine Erlebnisse in Büchern nieder, ist Autor und Herausgeber der Heimatzeitung »Oberlausitzer Originale«, moderiert für den Kabelkanal Sachsen die Reisesendung »Abenteuerstammtisch« und jobbt sich in der Eigenschaft als (Über-)
Lebenskünstler mit Diavorträgen und Lesungen durch den Alltag. Als dieser im August 2005 wieder zu trist wird, bricht der Globetrotter erneut auf: 12500 Kilometer, 18 Länder, 39 Tage. In Georgien hält ihm ein betrunkener Soldat eine entsicherte Pistole
an die Stirn, in Tunesien verweigert man ihm die Einreise wegen eines iranischen Visums, und als er dem Papst unangemeldet
einen Besuch abstatten will, wirft man ihn aus dem Vatikan –
genug abenteuerliches Material für ein drittes Reisebuch.
An diesem eisigen Tag im November steht Bernd gedankenverloren am Fenster. Gleich hinter dem Haus entspringt die Spree, gegenüber ist die Halbe noch für zwei Euro zu haben. Vor sechs Wochen hat man ihm beide Mopeds gestohlen, der erste große Diebstahl in der Geschichte der Kottmarhäuser. Raffelts Pläne
hat das nicht umgeworfen. 2008 will er mit dem Moped in die Mongolei fahren. »Das ist keineswegs verrückt«, sagt der 56-Jährige und rollt dabei das »r« dialektbedingt wie ein Texaner. »Wenn einer gar nichts macht, dann empfindet das jeder als normal. Doch, mal ehrlich, ist das noch leben?“

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