Porträt: Bike-Builder Marcus Walz (Archivversion) Der Tod steht ihm gut

Der Totenkopf – das Firmenlabel von Marcus Walz, Deutschlands bekanntestem Customizer. Seine Firma Walz Hardcore Cycles ist weltberühmt. Doch wer steckt hinter der Fassade des coolen Freaks aus Hockenheim?

Als er nach 1000 Kilometern Autobahn beim Interview vom „Verzurr-Drama“ berichtet, ruhig, gelassen, die Hände in den viel zu weiten Hosentaschen, die Kapuze weit über seine Schirmmütze gestülpt, klingt das eher wie eine nette Anekdote. Der 42-Jährige ist eine ambivalente Erscheinung. So lässig wie er sich gibt, die gesetzte Ruhe, die er ausstrahlt, glaubt man kaum, dass er sich aufregen kann. Marcus Walz scheint angekommen zu sein. Beide Beine fest am Boden, alles erreicht. Der Erfolg ist ihm nicht zu Kopf gestiegen. Er ist seinem Gespür gefolgt, seinen Weg gegangen. Und der war, so sagt er rückblickend, ab-solut richtig. Absolut.

Marcus Walz wird im Juli 1967 in Heidelberg geboren. Seine Mutter, eine Kassiererin fährt eine 150er-Vespa. Der Vater ist Schlosser und hat mit Zweirädern nichts am Hut. „Wir hatten drei Zimmer“, sagt Walz, „eine 72-Quadratmeter-Wohnung, die in meiner Jugend stets mit Spielzeugautos vollgestopft war. Ich besaß fast alle Matchbox-Modelle, die es damals gab.“ Heile Welt? Walz blickt zielsicher durch die dünnen Gläser seines dicken Brillengestells, das sowohl Radprofis beim Rennen, wie auch Designer als Gesichtsschmuck tragen könnten. „Keine Frage“, seufzt er, „bessere Eltern kann man sich nicht wünschen.“ Das Einschulungs-Foto zeigt einen adrett angezogenen, kurzhaarigen Bub mit blauen Kniestrümpfen, orangem Schulranzen und einem ansteckenden Lächeln. Es sollte ihm bald vergehen.

Markus ist das, was Lehrer als leicht ablenkbar und sehr eigensinnig bezeichnen. Ein Einzelgänger. Aber auch ein Fighter. Er beendet die Realschule mit Abschluss und sagt heute: „Sicher war ich nicht der Beste. Aber in Mathe und Sport hatte ich stets eine Eins.“ Teenager Walz macht eine Lehre als Schlosser. Er trägt einen gebauschten, blondierten Vokuhila-Haarschnitt, fährt Motocross und einen aufgemotzten Opel C-Kadett Coupé, schraubt in seiner Freizeit an Autos und Motorrädern. Etwas, wofür er sich total begeistern kann. Es ist seine Passion, das spürt er. Marcus hängt seinen Tagträumen nach, konstruiert zuerst in Gedanken Fußrastenanlagen für Bikes. Und stellt sie nach Feierabend auf den Maschinen seines Arbeitgebers her.

Zu Beginn der 90er-Jahre zwingt ihm das Schicksal einen neuen Weg auf: Er stürzt beim Motocross, verliert 20 Zähne, sein Kiefer wird zerschmettert. Kaum wieder gesund, verliert er seinen Job. „Schaut her, der faule Walz. Aus dem wird nie was, haben meine Arbeitskollegen damals gespottet. Doch ich hatte meine Pläne“, sagt Marcus. Schon längst modelt er nebenbei und schraubt im Pferdestall seiner Freundin an Motorrädern. Sein erster Harley-Umbau schafft es auf den Titel von Bikers live. „Ich hatte einen Traum, wusste genau, wie ich Motorräder bauen wollte.“ Mit 40000 Mark als Abfindung von seinem Arbeitgeber und dem Heft unterm Arm geht er zur Bank und fragt nach Kredit. Walz ist langhaarig, 1,86 groß, durchtrainiert und wirkt energie-geladen, vital, wild. Er erweckt bei den Bankangestellten den Eindruck, dass er alles schaffen kann, wenn er nur will. Und Walz will. Er bekommt den Kredit.

Marcus lehnt sich satt zurück. Während des Interviews hat der Vegetarier einen Salat verspeist. Sein Shirt gibt eine Tätowierung am Hals frei: „Dream, as you’ll live forever. Live, as if you’ll die tomorrow“. Ein Zitat von James Dean, den er sehr verehrt. „James ist konsequent seinen Weg gegangen. Der hat sich einen Dreck um das geschert, was in Hollywood über ihn geredet wurde“, sagt Marcus und in seiner Stimme schwingen Energie und Stolz mit. Nicht ohne Grund. Denn zwischen Walz und Dean gibt es Parallelen: Rebellion.

Marcus Walz gründet seine Firma Walz Hardcore Cycles – WHC. Auf dem Katalog mit dem Titel „Ab 18“ sitzt der langhaarige, tätowierte Firmenboss rückwärts auf einer Harley. Seine Zunge tänzelt über die eines leicht bekleideten Models, das die Beine spreizt. „Ab 18“ landet auf dem Index der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien. Walz provoziert weiter. Mit markigen T-Shirt-Aufdrucken. Mit seiner ganz eigenen Art, Harleys ein reißerisches Outfit zu verpassen. Zu einer Zeit, in der es die Custom-Szene schrill und bunt liebt, setzt WHC auf Mattschwarz. 1998 konstruiert er seinen Drag-Style-Rahmen, der recht sportliche Custom-Bikes trotz extremer Radstände ermöglicht. Damit gelingt ihm der internationale Durchbruch. Seine Messestände sind umlagert, seine Bikes gefragt, trotz Preisen zwischen 80000 und 120000 Euro.

Formel-1-Star Gerhard Berger ist der erste Promi, dem Walz ein Motorrad baut. Die Meldung geistert durch die Medien und lockt weitere Prominente an: Axel Schulz, David Coulthard, Kimi Raikkönen, Hollywoodstars wie Brad Pitt oder George Clooney. Der bestellt einen Walz-Bausatz und lässt ihn in Los Angeles zusammenstecken, Keanu Reeves ordert blind, ohne jemals auf einem WHC-Bike gesessen zu haben. „In Daytona Beach sprang plötzlich ein tätowierter Glatzkopf auf meinen Stand und schrie auf mich ein“, erinnert sich Walz. „Ich dachte, der will mir gleich eine reinhauen.“ Der Typ entpuppt sich als Evan Seinfeld, Leadsänger der Punkband Biohazard. Ein Mann, der auch privat laute Töne bevorzugt. Er kauft ebenso wie James Hetfield, Kopf von Metallica, ein WHC-Bike. „Hetfield war beratungsresistent“, meint Marcus. „Der wollte unbedingt Chrom und Flammen. Das entsprach überhaupt nicht meiner Philosophie. Aber ich mag seine Musik...“ Keanu Reeves lässt ihn einen Vertrag unterzeichnen, dick wie das Heidelberger Telefonbuch: Werbung mit seiner Person verboten. Angelina Jolie lässt Walz stundenlang in Prag bei eisiger Kälte vor dem Hotel warten. Gibt es etwas, das man solchen Publikumslieblingen abschlägt? Ja: „Bei Tierfellen für die Sitzbank ist bei mir Schluss. Wir verwenden ausschließlich Alcantara-Kunstleder“, brummt Tierfreund Walz und knetet sich die Hände.

Es sind Hände, die überraschen, wenn man sie zur Begrüßung schüttelt. Denn Sonnyboy Walz, der sich meist in selbst entworfenen Klamotten präsentiert, wie sie auch 20-Jährige gern tragen – das Model Walz sozusagen – hat schwielige, harte Schlosserhände. Zwar beschäftigt WHC sieben Mitarbeiter, doch der Boss packt immer noch selbst an. „Dazu habe ich mir den Traum von einer Firma, in der ich von der Idee bis zur Auslieferung wirklich alles selbst mache, kürzlich erfüllt“, sagt er. Unter dem Label Walz-Werk-Racing entstehen seit 2008 sportliche Bikes, die Walz im Alleingang fertigt. Was also will der Mann mehr? Am Gipfel der Customszene angelangt, die letzten Träume erfüllt, sogar ein Buch ist über ihn erschienen (Huber Verlag). „Es war mein Plan, mit 40 einfach aufzuhören“, sagt Marcus, der sich auf Ibiza ein kleines 60-Quadratmeter-Appartement gegönnt hat. „Doch irgendwie ist mein Kopf noch voller Ideen...“ Stille. Egal, Walz braucht nichts mehr zu sagen. Es ist völlig klar, dass ein Mann mit so immenser Energie immer weiter arbeiten wird.

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