Porträt Blue Knights (Archivversion) Mal richtig Blau machen

Nach Feierabend laufen die Blue Knights zu großer Form auf, dann werden sie echt ritterlich. Dabei hätten sie das von Berufs wegen gar nicht nötig.

Stau, Stau, Umleitung, Dauerregen. Endlich angekommen. Etwas Warmes braucht der Mensch. »Habt ihr ’n Kaffee?« Stille. »Das is’ ’n Bikertreffen hier.« Die Bemerkung kommt samt Fähnlein von schräg hinten angeweht. Ein bierseliges Ritual, das hier oder sonst wo jeden trifft, der fragt. Noch dazu, wenn er nicht die richtige Weste trägt. Sondern gar keine. »Und jetzt in den Festsaal«, nickt der bewestete Typ am Zapfhahn, »da gibt’s Kaffee.«
Einmal zahlen, mehrmals nachfüllen. Kommt gut. Finden – wie immer – auch einige mit Weste. Blau ist die, mal wettergegerbt ins Graue abdriftend, mal jungfräulich strahlend. Immer mit Logo auf dem Rücken­-teil: Ein Ritter mit Lanze bändigt sein steigendes Ross. Blue Knights steht oben drüber. Unten drunter eine grobe Ortsangabe. Also zum Beispiel Germany XX – Niedersachsen.
Damit laufen hier einige rum, im tiefen Tann des Bückebergs oberhalb von Bückeburg. Sie feiern sich, denn ihre Ritterschaft besteht nun fünf Jahre. Grund genug, Träger anderer, aber stets blauer Westen einzuladen. Auf denen steht dann Germany IX oder Polonia I oder England V. Aber die größte Fraktion, und das ist ja auch richtig so, kommt aus Germany XX. Die Frau hinter der Kaffeemaschine zum Beispiel, der Zapfer von vorhin.
Auch der Typ auf der Bierbank nebenan hat die XX hinten drauf. Steckt mit einem anderen die Köpfe zusammen. Sie sprechen übers Mitführen von Maschinenpistolen. Eigentlich eher ein Thema fürs Hinterzimmer. Aber trotzdem: kein Problem. Is’ doch ’n Bikertreffen. Frau XX schenkt noch mal nach. »Willst auch ’n Kuchen? Selbst gebacken.« Die Freude am Gelingen des Backwerks strahlt ihr aus dem Gesicht, mit ausladendem Schwung zeigt sie auf Käsetorte, Marmor- und Streuselkuchen. »Halt, den da.« Apfelkuchen, locker, luftig, aromatisch. »Mit Sahne.« In freundlicher Fürsorge unterschlägt sie das Fragezeichen, Widerstand wäre zwecklos. »Ja, bitte.«
Der Brauch verlangt, sich beim Gastgeber anzumelden. »Hallo, ich bin Nobby«, sagt der Gastgeber. Auf seiner blauen Weste sind sogar vorne jede Menge Schilder. President, steht auf einem. »Komm, wir gehen raus, eine rauchen.« Das wird Zeit, denn langsam muss unter einen Hut, was in Gestalt zweier Vorurteile gegeneinander anrennt: Hier sind mindestens 100 (pardon) Bullen auf einem Haufen und ziehen eine Bikerfete ab. Dürfen die das?
Nobby schafft Vertrauen. Erstens hat er nichts gegen Kaffeetrinker, zweitens ist er die Ruhe selbst. Und so erzählt er auch. Wie ihn als Spät­einsteiger ins Motorradfahren der Wunsch umtrieb, sein neues Hobby mit anderen zu teilen. Dass er da von einer Organisation gelesen hatte, in der motorradbegeisterte Polizisten miteinander auf Tour gingen. Eines Nachtdiensts, das Böse schlief tief und fest, telefonierte er einen Kölner Kollegen an, ob der was wisse. Der Kollege wusste nicht wirklich, stellte aber auf dem kleinen Dienstweg zu einem Blue Knight nach Wuppertal durch, und dort wurde Nobby beschieden, das nächste Chapter sei in Bremen.
Chapter heißen die Unterabteilungen jeder motorradfahrenden Bruderschaft, von den Bandidos bis zu den Blue Knights. Warum sich die Bandidos mal gegründet haben, verliert sich im Dunkeln. Warum die Blue Knights das Licht der Motorradwelt erblickten, ist ziemlich klar: Raser und Rocker bestimmten das öffentliche Bild vom Biker, und das ging einigen Cops im US-Bundesstaat Maine ziemlich auf die Uniformschuh-Senkel. Also beschlossen sie anno 1974, ein Gegenmodell aufzuziehen. Mit Kutte. Das sind die Westen, und die trägt jeder Member, also Mitglied, sobald es ritterliche Missionen erfüllt. Das wollen sie nämlich, die Blue Knights, die blauen Ritter. Laut Satzung sollen sie die Freundschaft untereinander und überhaupt sowie das Edelmütige und Soziale pflegen. Außerdem gesellige Touren. Damit das alles hinhaut, hat jedes Chapter einen Verant­wortlichen, das ist der Presi. Nobby also. Ach ja, die Pferde heißen Bikes.
Teil eins der Satzung wird bereits buchstabengetreu umgesetzt, trotz miesen Wetters zeigen Polonia I und Germany XVI gerade ihr sonnigstes Lächeln. XIII erkundigt sich nach den Kindern von XX, während XIV (weiblich) und XIX (männlich), alle Germany, einander zur Begrüßung herzlich umarmen. Derweil lässt sich Germany XXIII von England V schrullige Witze erzählen. Die Disco spielt Reggae, Kiffermusik, egal, Hauptsache cool. Alle trinken Bier und Kurze, gleich wird gegrillt. Is’ nämlich ’ne Bikerfete hier.
Teil zwei des edlen Auftrags wird am kommenden Tag erfüllt: In geruhsamer Kolonnenfahrt – das haben die Jungs und Mädels ja oft genug geübt – geht’s nach Bückeburg. Parken zum Gebet. Vor dem Mausoleum derer zu Schaumburg-Lippe reihen sich die Motorräder, aber wer eine Ansammlung behördennaher Fabrikate erwartet hätte, sieht sich positiv enttäuscht. Bandit, Fazer, hier ’ne Pan European, da ’ne XJ 900. Zwei, drei Sportler, eine alte R 80 G/S, und dann doch: Eine Z 1000 protzt im kalifornischen Polizei-Ornat. Voll echt, uralt, heiß geliebt und stets umsorgt. Nobby fährt V-Strom, da steht er zu. Und außerdem, das verrät er später, verdient ein Polizeihauptkommissar nicht so viel, dass mal eben eine R 1200 RT drin wäre.
Der Pfarrer, natürlich ein Polizeiseelsorger, natürlich ein Biker, hat Petrus bestochen, bei bestem Wetter lauschen die Ritter seinen Worten. Und erfahren so nebenher, dass Kumpel aus dem Lateinischen kommt, wörtlich übersetzt von Brotgenosse. Also einer, mit dem man alles teilt. Wegen des Teilens sind sie hier, Abfahrt zum Schloss.

Frank Weidemann ist Nobbys Vize. Trotzdem darf er ebenfalls V-Strom fahren. Und Kommissar sein und vorneweg den motorisierten Lindwurm durch den Schlosspark leiten. Als er noch nicht Kommissar war, hieß sein Dienstort Neustadt am Rübenberge, und um das Verkehrsverhalten auf den dortigen Fahrradwegen zu verbessern, gab es sommers ein Dienstkrad. Vor dessen Nutzung die Vorgesetzten einige Übungsstunden gesetzt hatten. »Da ist der Funke wieder übergesprungen.« Wie ein Häufchen anderer war auch Frank begeistert von der Idee, das zurück­gewonnene Hobby mit Kollegen zu teilen. Und zwar im südöstlichen Niedersachsen, nicht in Bremen. Chapter XX wurde gegründet, das war, klar, 2002, und mittlerweile sind aus der Handvoll rund 50 Kollegen geworden. Oder Kumpel.
Kinder in Not, so heißt eine lokale Initiative, die sich des Elends der Kleinen in Bulgarien annimmt. Ihr Schirmherr – oder Kumpel? – ist Alexander Fürst zu Schaumburg-Lippe. Der wohnt im Schloss zu Bückeburg, kann auf einen Stammbaum bis in die Ritterzeit zurückblicken, kommt schon mal in einschlägigen Klatsch-blättern vor, erweckt aber ansonsten einen ebenso modernen wie offenen Eindruck. Auf jeden Fall plaudert er munter drauflos, so von Fürst zu Presi, und weiß dann in seiner Rede auch den Rest der Ritterschaft einzunehmen. Was nicht ihm, aber den Kindern mit einem 3000-Euro-Scheck gelohnt wird. Teil zwei der Satzung, überreichlich erfüllt von den XXern.
Der Fürst revanchiert sich mit Freikarten für den Schlossbesuch, und er unterfüttert diese Einladung blaublütig-distinguiert: »Es gibt Motorrad­vereine, die man weniger gerne ins Schloss lässt.« Sein Urteil scheint beim Volk bereits Anklang zu finden, denn als die Knights nach interessiert absolvierter Besichtigung von Schlosskirche, Festsaal, Raucherzimmer und Damensalon wieder auf den Hof treten, sind sie selbst Gegenstand der Schaulust. Vorwiegend ältere Herrschaften erkundigen sich – mit rührender Treffsicherheit für heiße Themen – nach Gewicht einer Gold Wing oder Preis einer BMW. Dann wird’s pikant, weil sich ein Ehepaar über einen Radikalchopper lehnt. Der Besitzer: ein ganz Cooler mit scharf anrasierten Schläfen und Bomberjacke. Und er macht endgültig klar, wie sympathisch diese Blue Knights auftreten. Gibt’s das denn, dass eine Dame in gedeckt farbigem Übergangsmantel und mit Blümchen-Stockschirm einen Hardcore-Biker danach fragen kann, ob sein – sie sagt es wirklich – Krad, von dem sie nicht recht wisse, wie sie es nun finden solle, noch gebaut werde. Worauf ihr Gatte entgegnet: »Ach Mutter, das ist doch ein Old­timer.« Und der Besitzer lacht fröhlich.
Heinz hat ein unbestimmbares Alter. Zwischen vielen Falten lachen zwei junge Augen. Er macht Patches, also die Schilder auf den Westen. Unter anderem für 20000 Blue Knights in aller Welt: Von den USA schwappte die Bewegung bis nach Australien, allein Deutschland hat mittlerweile 30 Chapter. Heinz wohnt in Kanada. Dahin ist er mal ausgewandert, aber kein Cop geworden. Nein, er trägt wegen seiner schönen Patches eine blaue Weste, quasi ehrenhalber. Jedes fünfte Mitglied bei den Knights darf einer sein, der nicht zum direkten Dunstkreis der Polizei zählt.
Auf einem seiner beliebtesten Patches steht: 99 %. Das ist eine An­spielung auf die One-Percenter. Anfang der 50er Jahre, nach den wüsten Ausschreitungen meist kalifornischer Rocker, hatten sich die eher biederen US-Motorradfahrerverbände distanziert und geäußert, das sei höchstens ein Prozent der gesamten Fahrerschaft. Daraufhin liefen die Rocker alle mit dem One-Percent-Patch rum. Solche Leute kennt Heinz nur vom Hören­-sagen. Und jetzt freut er sich auf die Fete heut Abend. Mit Livemusik, Klönen, Spaß. Heinz hat recht: 99er zu sein ist herrlich normal.

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