Porträt: Chris Vermeulen (Archivversion) Ausgleichssport: Grob-Motorik

Er fährt 2007 erst seine zweite MotoGP-Saison – doch Chris Vermeulen gehört längst zu den Stars der Szene. Dennoch
hat er sich Bodenhaftung bewahrt. Besonders deutlich wird das, wenn er zu Hause in Australien bei seiner Familie ist, vom Hightech-Sport MotoGP abschaltet und an grobschlächtigen US-Oldtimer-Motoren schlossert.

Der Spruch ist typisch für einen Australier: »No worries« – nur keine Sorge. Chris Vermeulen verwendet ihn andauernd, das ist fast schon wie ein Markenzeichen. Der Typ ist einfach, offen und immer vergnügt. Ohne Starallüren bewegt er sich seit einem Jahr im MotoGP-Zirkus, in dem Einbildung oftmals schneller sprießt, als sich echte Karrieren entwickeln. Für die Leute im Suzuki-Werksteam muss es eine höchst angenehme Erfahrung sein, mit Chris
Vermeulen zu arbeiten – vom Manager bis zum Mechaniker.
Der 24-Jährige hat einen sehr untypischen Weg ins MotoGP-Fahrerlager hinter sich. Im Gegensatz zu anderen Rookies seiner Generation kommt er nicht aus
der 125er- oder 250er-Straßen-Weltmeisterschaft, sondern aus der Supersport- und Superbike-WM. 2003 gewinnt Vermeulen den Supersport-WM-Titel, auf einer Honda des holländischen Ten-Kate-Teams, der Honda-Werksmannschaft. 2005 wird er hinter Altmeister und Suzuki-Werksfahrer Troy Corser Vizeweltmeister – immer noch als Ten-Kate-Honda-Pilot.
Ein rasanter Aufstieg, der Vermeulen dazu ermutigt, seine Nase in die MotoGP-Szene zu stecken – wo niemand auf ihn wartet. Eigentlich fühlt er sich Honda verpflichtet, zumal ihm die Japaner am Ende seiner erfolgreichen Superbike-Saison 2005 zwei MotoGP-Starts als Ersatzfahrer ermöglichten. Vermeulen beendete die Rennen in Australien und der Türkei jeweils
als Elfter. Trotzdem will ihm der weltgrößte Motorradhersteller für 2006 in der Königsklasse keinen Platz anbieten. Deshalb unterschreibt er bei Suzuki – als Kollege des ein Jahr jüngeren John Hopkins, der allerdings in Sachen Grand-Prix-Erfahrung über einen deutlichen Vorsprung verfügt. Der Amerikaner fuhr seinen ersten GP – damals noch auf einem 500er-Zweitakter – bereits 2002 in Japan.
Die Suzuki-GSV-R-MotoGP-Werksmaschinen tun sich Anfang 2006 weder durch übermäßige Leistung noch durch besondere Zuverlässigkeit hervor, schon deshalb hätte damals niemand im MotoGP-Fahrerlager auch nur einen australischen Dollar auf Vermeulen, den einzigen Zugang aus der Superbike-WM in jenem Jahr, gewettet. Ein Fehler, der zeigt, dass der junge
Australier sowohl als Mensch wie auch als Rennfahrer falsch eingeschätzt wird. Als Mensch ist er ruhig, gelassen, aufmerksam und ein harter Arbeiter. Als Fahrer begabt, voller Hingabe, schnell und so sicher, dass ihm nur selten Fehler unterlaufen.
Bereits bei seinem fünften MotoGP-Rennen fuhr er im Qualifying in der Türkei auf die Pole Position. »Im Nassen«, spotteten Nörgler, die Fahrer aus der Superbike-WM grundsätzlich für zweitklassig halten. Doch in Laguna Seca wiederholt Vermeulen diesen Coup, hängt auf trockener Piste
sogar die Amerikaner Colin Edwards und Kenny Roberts jr. auf deren Heimstrecke ab, die als eine der schwierigsten im Kalender gilt. 16 der 32 Runden führt Vermeulen, bis seine Benzinpumpe Probleme macht und ihn auf Platz fünf zurückwirft. Dass
er seinen Platz unter den Besten verdient hat, beweist er schließlich bei seinem Heimrennen in Phillip Island, wo er den zweiten Platz auf dem Siegerpodest erobert – direkt vor Superstar Valentino Rossi.
Zwei Jahre zuvor hatte Vermeulen noch nie ein Motorrad mit Karbonbremsen und profillosen Slickreifen gesteuert. Doch er liebt Herausforderungen, stellt sich ihnen. Um 4.30 Uhr morgens steht er auf, um
an einem der sagenhaften Strände der Sunshine Coast, nur einige Kilometer von seiner Ranch im australischen Queens-
land entfernt, zu trainieren. Vier Mal in der Woche trifft er sich dort mit Rob Crick,
seinem Coach, der unter anderem die
australische Handball-Olympiamannschaft trainierte. Aufwärmen, laufen, Krafttraining, Erholung, Ausdauertraining – die beiden scheuen keine Qualen, um Chris die
Kondition eines Hochleistungssportlers an-
zutrainieren, die er als Grand-Prix-Pilot braucht. Um 6.30 Uhr ist das Programm beendet, Zeit für ein ausgewogenes Frühstück mit Obst und Vollkornkost.
Eine Stunde später fängt der Tag richtig an. Chris’ Vater und Shane Bow, der
Mechaniker der Ranch, treffen ihn im Schuppen neben dem Wohnhaus. Chris hat das Anwesen von seiner Prämie für den Gewinn der Supersport-WM 2003
gekauft. Seine Eltern Peter und Julie sowie seine beiden jüngeren Schwestern Jessica und Rénita leben hier. Es ist ein schöner Hof, mit Vieh auf den umzäunten Weiden, einem kleinen Motocross-Gelände und viel Platz für Chris große Leidenschaft: Oldtimer-Autos, die er zu Hot Rods veredelt. Sein erstes Werk war ein Ford F100 von 1954, den er komplett selbst restauriert und nach seinen Vorstellungen hergerichtet hat. Derzeit arbeitet er in jeder freien Minute zusammen mit seinem Vater und Shane an einem Hupmobil von 1982 mit
einem Chrysler-Mopar-Motor mit 400 PS – ein ultrakurzes, tiefergelegtes Monster. Gleich dahinter wartet die aufgebockte Karosserie eines Buick Special von 1957, den er im vergangenen September aus Kalifornien mitgebracht hat, auf seinen Nailhead-V8-Motor mit Dynaflow-Zweiganggetriebe.
Es ist leicht zu erkennen – der Motorbazillus hat Chris Vermeulen schon in
frühester Jugend infiziert. Wie viele Piloten
im MotoGP-Fahrerlager haben wohl noch regelmäßig Schmieröl unter den Fingernägeln? Ob Kolben, Kolbenringe, Getriebe, Wellen oder Pleuel – mit Mechanik kennt sich die Familie Vermeulen gut aus. Für Chris ist das allerdings kein Grund, seinem Technikerstab im Suzuki-Team Vorträge halten zu wollen. Er respektiert gute Arbeit und weiß, dass er im GP-Geschäft selbst noch viel lernen muss.
Am Hauptträger des Schuppens ist eine alte Grand-Prix-Yamaha aufgehängt, ohne Motor. Wie ein Talisman schwebt
sie über Chris’ Mechaniker-Reich. Weiter hinten stehen seine Cross-Maschinen und Enduros, 100er, 125er und 250er, wobei Suzuki-Gelb dominiert. Nicht weit davon hängt eine sehr alte, zerrissene Lederkombi auf einem Bügel. Auf dem Rückenteil ist noch die Aufschrift »Doohan« zu erkennen. Sie hat die ersten Stunden der Karriere des außergewöhnlichen Mick Doohan erlebt, als der noch irgendein unbekannter Fahrer in der australischen Superbike-Meisterschaft war.
Chris hat großen Respekt vor seinen Kollegen, vielleicht auch deshalb, weil ihn ein gewisser Barry Sheene zu Beginn seiner Laufbahn unterstützte. Der ehemalige britische 500-cm³-Weltmeister hatte Vermeulen entdeckt, während er als Rennkommentator für einen australischen Fernsehsender arbeitete. Als Chris Vermeulens Rennfahrerambitionen fast gescheitert wären, weil die finanziellen Mittel seiner Familie zur Neige gingen, half Sheene aus. Seither fährt Chris die Startnummer 71, im Andenken an die berühmte 7 von Barry Sheene.
Mitten im Durcheinander des Schuppens wartet eine Gas-Gas-Trialmaschine auf ihren Einsatz in den Tropenwäldern. Feuchtigkeit und Hitze haben sich in der Luft breit gemacht. Im Haus serviert Julie eiskalten Tee. Chris’ Mutter ist sein größter Fan, sie sammelt alles, was mit der Karriere ihres Sohnes zu tun hat, in einer Vitrine: Uhren, Brillen, Fahrerlager-Tickets, Bücher, Widmungen und natürlich die Trophäen und Pokale.
Chris Vermeulen ist ein Siegertyp, das ist in seiner Nähe fast greifbar zu spüren. Immerhin verfügen nicht viele Fahrer über die Erfahrung, die der Gewinn einer
Weltmeisterschaft mit sich bringt. Schon möglich, dass das Suzuki-Werksteam von John Hopkins in diesem Jahr einige Top-
ergebnisse zu erwarten hat. Doch die Männer hinter der neuen, robusteren GSV-R 800 setzen mehr oder weniger offen darauf, dass auch Vermeulen im Titelkampf ein Wörtchen mitreden wird. Darauf ange-
sprochen, bleibt Chris völlig entspannt: »No worries, mate« – keine Sorge, Mann.

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