Porträt Christian Pfeiffer (Archivversion)

Auf Droge Erfolg

Er ist Stuntriding-Weltmeister, der beste Motorrad-Akrobat der Welt. Christian Pfeiffer, ein waschechter Allgäuer, eine Mischung aus Sonnyboy und Schweizer Uhrwerk, hat alles erreicht. Und doch noch so viel vor.

Es war im April 1999, seinem schwarzen Jahr, wie er es nennt. Drei Unfälle, sechs Operationen, eine Hiobsbotschaft. Der Dienst habende Arzt erklärt Christian Pfeiffer, der letzte Sturz bedeute das Ende seiner Karriere. Jochbein, Handgelenk, Kniescheibe, ein gerader, zwei Splitterbrüche. Weiterhin Sport zu treiben sei unmöglich. Dicke Tränen prasseln, doch Pfeiffer fängt sich, ignoriert die Prognose wie schlechtes Wetter. »Ich hatte nur eine Chance«, sinniert er, und seine Stirn formt ein Sorgenrelief, »ich musste einen anderen Arzt auftreiben. Jemand, der mir Hoffnung gibt.« Pfeiffer findet ihn, strafft Körper und Geist in der Reha-Klinik
Bad Wiessee, fährt sechs Monate später schon wieder Motorrad. Er gewinnt das Erzbergrennen 2000, einen Offroad-Extrem-Event, deklassiert die weltbesten Endurofahrer. »Pfiff«, wie ihn alle nennen, ist zurück im Leben.
»Du musst niemals zucken, wenn’s brenzlig wird, sondern immer noch einen draufpacken«, sagt er, und seine Augen bekommen diesen 100-Meilen-Blick. Es klingt wie die Anweisung eines Yogalehrers, der seinem Schüler Grundbewegungen übers Telefon erklärt. Seine Hände liegen im Schoß, spielen mit dem Saum seines Kapuzenpullis, die Beine hat er übereinander geschlagen, eingewickelt
in trendiger Hose. Sein rechter Fuß
wippt im Rhythmus einer nicht hörbaren
Musik. »Wenn ich kein Stuntfahrer geworden wäre, wäre ich Musiker«, lächelt der 33-Jährige. In seinem Wohnzimmer stapeln sich CDs, zirka 1,5 m3, 500 Stück. Café del Mar, Pennywise, Metallica... Zu spät. Er ist amtierender Weltmeister der Motorradakrobaten.
Christian ist Einzelkind, wächst auf in Halblech, Allgäu, zehn Kilometer nördlich von Füssen. Vater Richard, ein Motor-
radnarr, und Mutter Marianne betreiben
ein Sägewerk, idyllisch umrahmt. Schloss Neuschwanstein nur zehn Kilometer entfernt. Alpenpanorama. Zum Greifen nahe: der Skilift zum Görgeleck, 1429 Meter. Mit vier Jahren steht Christian auf Skiern, überfliegt per Schanze eine kleine Straße und beendet die Abfahrten direkt vor
Mutters Küchentür. Für die Eltern ist klar: Er wird Skiprofi. »Ich war hyperaktiv«, sagt Pfiff heute, und erneut wippt der Fuß. »Jede Art von Bewegung war und ist wie ein Glücksgefühl.« Im Alter von fünf sitzt er zum ersten Mal auf einem Zweirad, einer 100er-Sachs, stürzt sich durch den Irrgarten des elterlichen Sägewerks. Mit sieben pilotiert er eine 200er-Zündapp mit Beiwagen. Vater Richard
erkennt das Talent, freut sich spitzbübisch über den Enthusiasmus, den sein Sohn Zweirädern gegenüber offenbart. Zwei Jahre später wagt Christian erste Trialversuche auf einer abgespeckten
Suzuki TS 50 ER, überklettert mit drei PS massige, rutschige Baumstämme. Auch die Musik kommt nicht zu kurz. Er lernt Flöte, Klarinette, Akkordeon. Klasse, aber irgendwie ohne Action.
Pfiff stellt sich der Herausforderung Trial, fährt 1980 mit zehn Jahren sein
erstes Rennen, kassiert bis 1990 zirka 300 Pokale. OMK-Pokalsieger, Fünfter der Deutschen Meisterschaft, WM-Läufe. »Das Trialtraining war super, die Wettkämpfe weniger. Da hast du 40 bis 60 Sektionen, viel Stress und wenig Spaß«, sinniert der Zweiradakrobat und malträtiert gelassen einen alten Kaugummi. »Wenn ich an einer
Sache keinen Spaß habe, bin ich erfolglos.« 1992 wird er vom Supermoto-Virus befallen. Knallt kopf- und auspufflos durch Halblech und weckt den Zorn der Mutter. Entweder aus-ziehen oder aufhören, bestimmt sie. Der Sohn macht
beides. Beginnt ein Sport- und Biologiestudium in München, lernt seine Frau
Renate, eine Sportstudentin, kennen und zieht gemeinsam mit ihr ins 20 Kilometer entfernte Bernbeuren. Den Umzug realisiert er mit einem italienischen, dreirädrigen Kleintransporter namens Ape. Er fährt zwanzig Mal.
»München war klasse. Aber ich war auf Entzug, versuchte, meinen Bewegungsdrang durch alles Mögliche zu kompensieren. Mountainbike, Downhill, Paragliding.« Es nützt nichts. Pfeiffer nimmt sein Trialmotorrad mit, akrobatikt abends auf Münchner Parkplätzen. Seine Kunststücke kommen an, schon bald verkauft er sich und seine Show deutschlandweit, finanziert damit sein Studium. Nebenbei eröffnet Pfiff
einen Gas-Gas-Shop, fährt härteste Enduro-Rennen, beendet das Gilles Lalay Classic, gewinnt die Offroad-Challenge und besiegt den Erzberg unglaubliche drei Mal. Er gefällt sich als Underdog.
»Es war einfach toll, als Gas-Gas-Outlaw
aufzutreten«, erklärt er und schmunzelt. »Du musst dir vorstellen, Erzberg, Österreich, 1000 Starter, 800 davon auf
KTM, ein Meer aus Orange. Alle voll drauf, motiviert bis in die Haarwurzeln, Werksmaschinen, Staraufgebot. Und du kommst da an mit deiner Frau,
einem Freund, einem Spritkanister und verbläst sie alle. Das ist cool.«
Die Worte überklettern seine Lippen nicht ansatzweise überheblich, sondern so, als würde er Mineralwasser ordern. »Wer weiß«, sagt er, lehnt sich zurück und ordnet seine Stirnfalten, »vielleicht war der schlimme Sturz doch eine positive Wende in meinem Leben.«
Zenithalle München, 17. April 1999. Guinness-Show der Rekorde. 180 Meter Raum für eine Sensation: Beschleunigung auf 75 km/h, Sprung ohne Rampe über 35 Personen, Landung, der Auslauf begrenzt durch eine Betonmauer. Pfeiffer springt, das Publikum johlt, die Bremse versagt. Mit 50 km/h knallt er gegen die Wand. Sein Bike, drei Stunden alt, Totalschaden. Er für 13 Monate außer Gefecht. »Während der Reha, als alle dachten, ich würde nie wieder fahren, habe ich mir alle Videos von AC Farias reingezogen.« Inspiriert vom Können des brasilianischen Stuntprofis, trainiert Pfeiffer seine Tricks mit Straßenmotorrädern. Mehr aus Gag fährt er am 28. Juni 2003 ins tschechische Bechyne, deklassiert 44 Teilnehmer, darunter die Weltelite, und wird auf einer Ducati Monster 1000 Stuntriding-Weltmeister.
»Das hätte ich nie für möglich gehalten«, lächelt Pfiff und lehnt neben einer verloren wirkenden Espressomaschine in seiner rustikalen Küche. Kiefernmöbel, Holzofen, Gas-Gas-Sticker auf dem Kühlschrank, ein runder Tisch, 1,20 Meter, daran zwei Stühle, zwei Kindersitze. Seine beiden Töchter Pia, 3, und Amelie, 1, sind bei der Oma, seine Frau Renate auf der Baustelle des neuen Pfeiffer’schen Heims. Das Handy klingelt. »Kreise auf dem Hinterrad? ... der Asphalt muss griffig sein ... Vier mal vier Meter Minimum ... Preis ... gebongt.« 84 Showtage waren es 2002, fast 70 sind es 2003. Seit 1996 ist er mit Sponsor Red Bull liiert und Teil einer gigantischen Werbemaschinerie. Amerika, Asien, Naher Osten – Sport am Limit. Im Namen des österreichischen Energie-Drinks. Er pilotiert Kaffeetassen mit schlafwandlerischer Eleganz an den Tisch. Sein Gang ist
federnd, geschmeidig, gleicht dem einer Katze. Ein Mann, der stets auf die Füße fällt. Was ist das Geheimnis seines Erfolges?
»Ehrgeiz, Extrovertiertheit. Und Anspannung – sonst komme ich nicht auf Touren«, resümiert er. Man merkt es ihm an. Hinter der personifizierten Coolness verbergen sich Unmengen Energien,
Willenskraft, Durchsetzungsvermögen. Er bringt es auf den Punkt: »Ich sehe das
Leben als Chance.« Diese Worte sind nicht einstudiert, wie so viele MTV-Floskeln pseudocooler Wichtigtuer.
Die Tür schnalzt auf, Renate, Pia und Amelie platzen herein. Eine heimelige Atmosphäre, die Liebe zu seiner Familie ist fast physisch präsent. Seine Pläne
für die Zukunft? »Erst einmal ein
Video über mich produzieren. Danach kann ich mir alles vorstellen. Für den Film zu arbeiten beispielsweise oder Rennstrecken-Luft zu schnuppern, unbedingt aber noch mal Stunt-Weltmeister zu werden.«
Wieder klingt es nach Spaziergang. Pfiff greift einen Zahnstocher, zerkaut ihn penibel, schiebt ihn hin und her, jongliert ihn zwischen seinem eingemeißelt erscheinenden Lächeln. Sein Fuß wippt
unruhig. »Du warst schon immer hippelig«, sagt Renate.
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Pfeiffer, Christian: Porträt (Archivversion)

Neuer Weltrekord: 110-Grad-Wheelie. 12. November 2003, Sonnenschein, fünf Grad, Raureif, weißer Nebel aus Mund und Nase. Christian Pfeiffer dehnt seine Muskeln, im Hintergrund tuckert die Ducati Monster 1000. Für diesen Stunt hat er monatelang trainiert, hat den Heckrahmen Millimeter für Millimeter verkürzt. Die Ducati soll weit hinter dem Kipppunkt beim Wheeliefahren mit dem Heck aufsetzen. Per Hinterradbremse will er sie wieder nach vorn holen – physikalischer Grenzbereich. Anspannung, vier Versuche, der fünfte klappt. Ein Eintrag im Guinness-Buch ist sicher

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