Porträt Christof Hillebrand (Archivversion) Der verlorene Sohn

Er ist der Welt größter Transporteur von
Getränken. Das hätte Christof Hillebrand nicht geschafft, wenn er sich nicht irgendwann mit seinem Alten verkracht hätte. Der nicht viel wusste von seinem Sohn, dem aber eins nicht passte: dass er Motorrad fuhr.

Als er aufwacht, liegt er auf einem Sofa in einem fremden Zimmer. Er erinnert sich an nichts mehr. Nur noch daran, dass er eigentlich im Flugzeug nach Deutschland hätte sitzen sollen. »Wieso das denn?« fragt ihn der Mann, der ins Zimmer kommt, als Christof gerade die Augen aufgeschlagen hat. »Du hast doch gesagt, dass du für uns arbeiten willst.« Erst da schleicht langsam die Erinnerung
zurück, die Erinnerung an die vergangene Nacht in Chicago. Dass diese durchzechte Nacht sein Leben prägen würde, dämmert ihm im böse verkaterten Schädel nicht, noch nicht.
Ein halbes Jahr vorher kam Christof Hillebrand in New York an, nachdem er mehrere Monate auf einem Frachter der Hapag-Lloyd über den Nordatlantik geschippert war. Für die Heuer hatte er
sich eine 1973er-Triumph Tiger zugelegt, um mit ihr durch die Staaten zu fahren. »1978 war das ein Abenteuer. Da gab
es noch keine geführten Touren.« Als das Geld knapp wurde, hing er eine Weile in
einer Hippie-Kommune in San Francisco rum und füllte Ketchup ab, um sich den Rückweg nach Chicago zu finanzieren. Wo er vor der Wahl stand: »Nehme ich so ein abgefucktes Hotelzimmer, oder mache ich mit dem letzten Geld die Nacht durch?« Keine wirklich schwer zu beantwortende Frage. So geschah es, dass er in einer Kneipe steht, als ihn plötzlich ein Typ anspricht und meint, er habe doch einen
Akzent, wo er denn her sei? »Aus Mainz.« »Ach was, da komme ich gerade her.
Mein Vater hat einen Weinhandel hier
in Chicago, und wir wollen jetzt auch
deutsche Weine importieren.«
Als Hillebrand am Tag danach seine
Erinnerung und auch seine Bewegungsfähigkeit wieder hat, macht er sich auf zu Woolworth, um dort einen billigen Anzug und Nyltest-Hemden zu erstehen. In seiner ranzigen Motorradklamotte hätte er miese Aussichten gehabt, dem Amerikaner Mosel anzudienen, Blue Nun, die auch damals schon berüchtigte Liebfrauenmilch. Doch selbst im dunklen Woolworth-Zwirn verkauft er in der ersten Woche nicht einen Tropfen. Was den Chef auf den Plan ruft. »Der große Tom war eigentlich ganz klein, ein Italiener, der typische Padrone, und der gab mir den entscheidenden Tipp.« Chris solle doch seinen Exotenbonus nutzen
und mit ordentlich Akzent sprechen. Das gefalle den Amis. Tatsächlich verkauft er so viel von der »Suppe«, dass er den Padrone schon kurz darauf in wichtigen Auslandsgeschäften vertreten soll. »Morgen kommt der Chef einer Transportfirma aus Deutschland, der will einen neuen Vertrag aushandeln. Regel du das doch, Chris.«
Also sitzt er tags darauf im riesigen Büro des Padrone auf schwerem Ledergestühl hinterm Schreibtisch und wartet auf den wichtigen Besuch. »Die Sekretärin öffnet die Tür, und es tritt ein – mein Alter. Er: Was machst du denn hier? Ich: Na, wenn du die Transportfirma aus Deutschland bist, dann ist das nicht der Ton, mit
einem potenziellen Kunden zu reden.«
Geredet haben Vater und Sohn dann, erst übers Geschäft – »Ich will nicht, Vater, dass du mir einen Preis nennst, ich will, dass du mir den besten Preis nennst« –, später über sich. Das Gespräch endet
damit, dass Chris seinen Vater morgens um sieben ins Hotel trägt, nachdem er
ihm versprochen hat, für ihn zu arbeiten. Dass die Geschichte ganz und gar kein
Zufall war, steckt ihm Tom, der Padrone, erst später. »Dein Vater gehört zu meinen
besten Geschäftspartnern, und ständig hat
er mir erzählt, was für ein Taugenichts sein Sohn sei. Dass der lieber mit dem Motorrad in der Gegend herumfahre, als was
Anständiges zu machen. Aber eine Familie muss doch zusammenhalten.«
Müsste sie, hat sie indes nicht. Gerade 17 war Christof Hillebrand, als er sich vom Vater nicht länger bevormunden lassen wollte. Und das Motorrad spielte bei den Streitigkeiten eine entscheidende Rolle. Der Alte hatte es ihm verboten, und der Junge wollte es sich nicht verbieten
lassen. Nicht von einem Vater, der ohnehin
die meiste Zeit unterwegs war und der
seinen Sohn »Sohn« nannte, wenn ein Hühnchen zu rupfen war. »Von mir hat der im Grunde nichts mitbekommen, außer dem, was meine Mutter ihm erzählt hat.« Meist Glanztaten: »Von Fünfern in Latein oder vom Motorrad fahren ohne Versicherung und Führerschein.«
Ohne Goggo wäre es vermutlich bei den Fünfern in Latein geblieben. Aber Goggo, »so eine Art größerer Bruder für mich«, nahm Christof auf seiner Honda SS 50 mit, und Goggo, der unter Dennis Hopper
und Peter Fonda schlief, brachte ihm auf
seinem Moped das Fahren bei, obwohl der junge Christof mit seinen zehn Jahren die Füße noch nicht auf den Boden kriegte. Im Gymnasium dann lungerte er bei den Großen in der Mopedecke vom Schulhof rum. »Einer der Abiturienten hatte eine BMW R 25/2. Und die wurde mein Traummotorrad.«
Wo jedoch sollte ein 13-Jähriger eine
R 25/2 herbekommen? Von Onkel Charlie, wem sonst. Der nämlich hatte eine Autovertretung für Alfa Romeo und eine Motorradwerkstatt für BMW. Dort hilft Christof aus, fegt, sortiert Werkzeug, geht den
Gesellen zur Hand. Und beim Entrümpeln der Werkstatt entdeckt er sie dann in der hintersten Ecke, eine R 25/2, defekt und
in ziemlich jämmerlichem Zustand.
Der junge Hillebrand entwickelt daraufhin erste Anflüge von Schlitzohrigkeit und strategischem Denken. Er geht zur Oma und eröffnet ihr sein gerade erwachtes Interesse für Physik und Mechanik, erklärt ihr, dass sich ein Motorrad als Studienobjekt doch hervorragend eigne, zumal
er beim Onkel gerade eines entdeckt
habe, das nicht mehr funktioniere. Oma
zeigt Verständnis, Onkel Charlie nicht. Er
kassiere mehr Geld für die Maschine, wenn er sie in Teilen verkaufe.
Der Ärger auf Onkel Charlie ist noch längst nicht verraucht, als vier Wochen später Christofs Konfirmation ansteht. Und vor der Kirche Oma neben einer R 25/2 wartet, in der Hand einen Brief von Onkel Charlie. Das Motorrad, steht drin, schenke er ihm.
»Es hat ein Donnerwetter gegeben, der Alte ist explodiert. Doch Charlie, der älter war als mein Vater, hat bloß gesagt, was willst du denn, du Jungspund, du hast doch genauso Mist gebaut.« Der Alte nämlich war selbst mal Motorrad gefahren, eine NSU, und mit der hatte er sich auf
die Schnauze gepackt, und zwar richtig. Weswegen sich der Familienrat gezwungen sah, ihm das Motorradfahren zu verbieten. Und dass der Sohn sich erdreistet zu tun, was dem Vater verwehrt worden war, ist weniger ein Problem in der Sache, als vielmehr ein prinzipielles. Was dadurch besondere Brisanz gewann, dass der Vater, obwohl fast nie gegenwärtig, allgegenwärtig war, und das Motorrad der Versuch, sich dieser Präsenz zu entziehen.
Doch das allein reichte nicht. Als
Christof mit 17 mal wieder den Klassiker von »deine Schuhe unter meinem Tisch«
zu hören bekam, stand er auf und ging.
Zur Schule, um sich abzumelden, und zur Konkurrenz in die Pfalz, um da eine Lehre als Speditionskaufmann zu beginnen. Was er nicht wusste: Dort wurde er aus einem speziellen Grund eingestellt. Sein neuer Chef und sein Vater konnten sich überhaupt nicht leiden, bekämpften sich im Verband der Spediteure. Worunter Christof, der getriezt wurde, wo es nur ging,
zu leiden hatte. Zunächst. Denn alsbald, nach der mit Auszeichnung bestandenen Prüfung, setzte er sich nach Amerika ab, von wo er, versöhnt mit dem Vater, nach Mainz zurückkehrte.
Allerdings war das so eine Sache mit der Versöhnung, denn die Konflikte zwischen Vater und Sohn zogen sich durch Christofs gesamtes Engagement für die Firma Hillebrand. Bis zu dem Punkt, als der Sohn den Vater, der auch im Unternehmen nichts aus der Hand geben wollte, vor die Entscheidung stellte: Entweder du ziehst dich aus der Firma zurück, oder ich gehe.
Christof ging nicht, baute zusammen mit Partner Paul Ebert das, wie er es nennt, »weltgrößte Reisebüro für Ge-
tränke« auf, rund 1000 Beschäftigte, Weltmarktanteil 22 Prozent, 260000 Containerladungen à 12000 Flaschen pro Jahr. Hillebrand expediert die 30000 Euro werte
Einzelflasche 1871er-Chateau Lafite zu Sotheby’s, ebenso wie Containerladungen Rumkonzentrat von der Karibik nach Hamburg. Mehr als 80 Prozent der deutschen Weine reisen mit Hillebrand in alle Welt, die Hälfte aller kalifornischen und die Hälfte
aller französischen.
Im Burgund hat er lange schon einen zweiten Wohnsitz, wo er neben anderen Maschinen die R 25/2 von Onkel Charlie untergebracht hat, wo er Mitglied der eher anarchischen »Federation motocyclistes en colère« ist und wo er seine umgebaute Sportster zugelassen hat. »Jean-François von VD-Classic ist ein guter Freund von mir, und wir haben mal rumgesponnen, wie wir uns eine Traum-Harley vorstellen. In Deutschland wäre die nie durch den TÜV gekommen.« (Foto Seite 120)
In Deutschland aber steht sie, in der Garage seiner Mutter, neben BMW R 90/S, BMW R 50, BMW R 68 von 1953, Harley-Davidson Wide Glide, Moto Guzzi California. Eine zweite R 68, die TT-Version, hat er bei einem Freund untergebracht, mit einem anderen Teil seiner Sammlung: Ducati Scrambler, MV Agusta 350, Honda CB 750, Kawasaki Z 900, Triumph Bonneville, BMW R 69/S-Gespann. Weitere Maschinen besitzt Christof in den USA, wo er
mit einem Partner in San Francisco die älteste Motorrad-Vermietung in den Staaten, »Dubbelju-Motorcycle Rentals«, betreibt. Die Zeit für die Motorräder hat er mittlerweile, weil er sie sich nahm, nach und nach seine Anteile am Unternehmen veräußerte, sich aus dem operativen Geschäft zurückzog, mit der Rolle des Aufsichtsratsvorsitzenden und der Betreuung von Großkunden wie Bacardi begnügt.
»Manager, die behaupten, dass sie keine Zeit haben, verstehen ihren Job nicht richtig«, sagt Christof und dreht sich im Viertelstundentakt eine weitere Filterlose aus halbschwarzem Tabak. »Ich wollte spätestens mit 50 mehr vom Leben haben.« Er hat es bereits mit 44 geschafft, weil er den Mut hat, sagt er, den Leuten zu vertrauen und die entscheiden zu lassen, die am meisten von einer Sache verstehen. Und das ist
oft genug nicht der Chef. Dessen Hauptjob, meint Hillebrand, bestehe darin, seine
Mitarbeiter zu motivieren, deren Ideen zu akzeptieren, davon zu profitieren.
Das mag so nicht Usus sein in vielen Betrieben, nicht den üblichen Verhältnissen entsprechen, doch mit denen hat er
eh seine Probleme. Vor allem damit, dass, auch im Politischen, die meisten schlicht schlucken, was von oben verordnet wird. Als die EU den Motorradfahrern genormte Kombis und Airbags vorschreiben will,
engagiert er sich im Bundesverband der Motorradfahrer (BVDM), macht von 1996 bis 2001 Lobbyarbeit in Brüssel und ist maßgeblich an der Vereinigung zweier konkurrierender Motorradfahrer-Dachverbände beteiligt. Sein Hauptbüro hat der BVDM übrigens bis heute im Verwaltungsgebäude der JF Hillebrand Group. Wo sich der Chef an einer selbstironischeren und humorvolleren Darstellung der Motorradszene, als der BVDM sie pflegt, versucht: an einem Comic mit dem Titel »Chris und Marty«. Wobei die Ähnlichkeit von Chris und Christof nur schwer zu übersehen ist.
Es gibt allerdings einen entscheidenden Unterschied zwischen den beiden.
Die Abenteuer, die sich Christof für Chris
ausgedacht hat, reichen in ihrem Unterhaltungswert an Christofs eigene Lebensgeschichte längst nicht heran.

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