Porträt Claus Lessmann (Archivversion) Das gute Herz

Früher glaubte Claus Lessmann nur an eines: Bonfire, seine Band. Dann kam die Krise und mit ihr der Herr. Der Herr Gott. Deshalb fährt Jesus immer mit, wenn der Sänger auf seiner Harley cruist – niemals ohne Taschenbibel.

Die Honda war praktischer. Die hatte nämlich ein Staufach unterm Sitz, und da hinein passte sie genau, die Taschenbibel von Claus Lessmann. Obwohl da eigentlich das Werkzeug rein gehörte. Das der Claus in einer Lederrolle vorne am Chopper verschnürt hatte. Eine elegante Lösung. Wenn’s hält. Bei Claus hat’s nicht gehalten. Die Rolle rutschte die Gabel runter, blockierte das Rad, schlagartig. Woraufhin es Claus von der Maschine beförderte, überschlagartig. Auf diese Abreibung – Claus hatte kurze Hosen an – folgte die Erleuchtung: Bibel in Packtaschen, Werkzeug da, wo’s hingehört. Und statt Honda künftig Harley. Wobei er auf die letzte Konsequenz, die Harley, erst in Amerika kam. Beim Bonfire-Produzenten Michael Wagener hintendrauf. »Ich war infiziert, konnte mir eine Harley aber nicht leisten.« Von wegen Rockstar und Millionen. Da musste er’s halt anders versuchen. »Wenn die Scheibe Gold wird, Michael, dann schickst du mir deine Harley rüber.« Gold brachte die Platte zwar nicht, jedoch genügend Moos für eine Softail. Inklusive alternativer Auspuffrohre. Weil geiler Sound dem Claus Not tut. Und inklusive voll genieteter Satteltaschen. Die sein müssen, nicht nur der Bibel wegen. Denn Claus erfreut sich nicht nur an Gottes Wort, sondern auch an Gottes Gaben. Scampi, Spargel, Filetspitzen, bloß kein Dosenfraß. »Es gibt doch nichts Schöneres, als den Tag über Staub zu schlucken und dann am Abend das Zeug vom Markt auf dem Gaskocher in ein Fünf-Gänge-Menü zu verwandeln.« Sonst braucht’s wenig Luxus unterwegs. Zelt, Schlafsack, ein paar Kumpels und Sonne. Nach einem Horrortrip zu einem Bonfire-Gig will Claus im Regen einfach nicht mehr fahren.Deshalb gerne Italien, die Riviera. Am Ende eines harten Ritts kamen Claus und seine Freunde nach La Spezia, wo der Campingplatz am späten Abend schon belegt war. Nicht so eine Parkbank, auf der die drei sich niederließen, um sich an Schinken, Käse, Oliven, Rotwein und zwei Flaschen Jack Daniel’s gütlich zu tun. »Bevor wir einschliefen, mussten wir übel kotzen. Am nächsten Morgen haben wir uns schier totgelacht. Da haben elegante Damen ihre Schoßhündchen ausgeführt, und die haben dann unser Erbrochenes aufgegessen. War ja nicht verdaut.« Dieses Anekdötchen fehlt noch im Bonfire-Repertoire. Dort nämlich beschwört Claus, der fast alle Texte schreibt, statt Kotzen im Park lieber die Freiheit auf stählernem Ross:ChorusI’ll be riding freeon a horse out of steelthat’s where I’ll be.Heyo – I’m doing alright –rolling down the highway at the speed of light.Als es ZZ Top nach Bonfire verlangte, platzierte Claus gerade einen Volley-Stop. Advantage Lessmann. Das Match konnte er trotzdem vergessen, genau wie sein Studium – Geografie, Botanik, Geologie. »Mein Bassist kam zum Tennisplatz und sagte: Pack’ zusammen, wir sind die nächsten drei Monate on Tour.« Die texanischen Bartrocker hatten die melodiösen Hardrocker aus Ingolstadt als Support Act, vulgo Vorgruppe, für ihre Konzert-reise durch Europa engagiert. Just als die Amis Gaddhafis Zeltstadt bombardierten, startete Bonfires Profikarriere, in Stockholm: »Wir warten in der Garderobe, da fliegt die Tür auf. Polizei! Geht das schon wieder los, Drogen. Aber nein, die suchten Sprengstoff.« Und weshalb? »Wir hatten diesen Song SDI gegen das amerikanische Raketenabwehrsystem im Programm.« Was den aufrechten Patrioten von ZZ Top plötzlich verdächtig vorkam und sie die schwedische Polis holten. Sprengstoff aber hat die ebenso wenig gefunden wie Drogen. »Drogen – weniger. Alkohol – ja, schon.« Wie sich’s gehört für einen bayerischen Rocker. Der den Klischees in anderen Punkten gar nicht so entsprechen wollte oder konnte. Schlagen Rockstars nicht gern Hotelzimmer kurz und klein, um dann mit willigen Groupies schmutzigen Sex zu haben? »Das passierte nur ganz selten. Mit dem Hotelzimmer.« Und die Mädels? »Als es ’89 so richtig losgeht, taucht dieses Aids-Dings auf. Kosmische Bestrafung, nicht ganz fair, nachdem Generationen von Musikern vor uns das Vergnügen hatten.« Das machte das Rockstar-Leben noch mal härter. Bis zu 2,5 Kilo verliert Claus an einem einzigen Abend, egal, ob vor 200 Leuten in einem kleinen Club oder vor 40000 auf ’nem Open Air. Er hängt sich rein. So wie bei der letzten England-Tour, bei der er streng genommen ins Bett gehörte und nicht auf die Bühne. Da hat er sich vor jedem Konzert fit spritzen lassen, um seine Jungs nicht hängen zu lassen. Früher schon hatten seine Freunde ihm einen Beinamen gegeben, »das gute Herz«. Weil er sich nie rausredet, nie den bequemsten Weg geht, nie die Schuld bei anderen sucht. Und weil Claus einer ist, den es ankotzt, wenn alles nur an Erfolg und Geld gemessen wird und Freundschaft nicht mehr bedeutet als ein Wort.ChorusDay after dayyour heart’s in dangeryou’ve gotta fightto keep your love alivethrough all the painthrough all the changes.Anfang der Neunziger brach zusammen, woran Claus bis dahin geglaubt hatte: die Band. »Für mich hatte alles den Anschein der Wertlosigkeit, des Betrugs. Keiner hat Vertrauen.« An einem grauen Novembertag klingelten sie an der Haustür. Die Zeugen Jehovas. Mit denen hat Claus, »bis dahin fand Glaube nur als Anhängsel an die Feiertage statt«, dann die Bibel studiert. Freilich nicht lange. Ihm fehlte bei den Zeugen Wesentliches, die Liebe. Also las er sein Buch der Bücher allein. »Ich fand in der Religion meinen persönlichen Halt.« Das hat sich auch nicht geändert, nachdem er sich mit Gitarrist Hans Ziller, dem zweiten Kopf der Band, ausgesöhnt hatte: »Als wir uns wieder trafen, kam ich mit gebrauchtem Escort, Hans mit fettem Benz. Was ich da abgedrückt habe. Ein bitterer Lacher.« Aber der Beginn einer neuen Freundschaft. Und so lebt er also weiter, der melodische Hardrock von Bonfire aus Ingolstadt. Gott sei Dank.ChorusNo – I can’t stop rockin’ no – I just can’t stop to roll as long as I’m alive – I’ll keep on truckin’ I swear to God that I love Rock ’n’ Roll.Bonfire rocken dieses Jahr als »very special guest« der Whitesnake-Tour: 27.5. Köln, 28.5. Hannover, 31.5. Stuttgart (weitere Tourdaten: www.bonfire.de). Am 10.10. treten sie im Rahmenprogramm des Supermoto-Laufs in Aalen auf.

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