Porträt Dr. Christoph Baumgärtner (Archivversion) Der Unzeitgemäße

Seit 21 Jahren trägt Dr. Christoph Baumgärtner dasselbe Brillenmodell. Was aber nicht heißt, dass er die Welt durch die immer gleiche Brille sieht. Wäre als Geschäftsführer von MZ auch hinderlich.

Die Wayfarer von Ray-Ban hat er,
seit er 15 ist. Eigentlich eine Sonnen-
brille, für ihn bestückt mit Korrekturgläsern, zweikommairgendwas. Als er noch für
Bain & Company als Unternehmensberater gearbeitet hat, da kam von Kollegen des
Öfteren der dezente Hinweis, es doch mal mit einem neuen, mit einem moderneren Gestell zu versuchen. »Eigentlich«, sagt er, »bin ich ein konservativer Mensch. Denn das ist schön. Wenn man sich einmal
entschieden hat, hat man Ruhe. Dann
gibt es eine Sache weniger, über die man
nachdenken muss.«
Für die Sehhilfe mag das zutreffen.
Für die Tätigkeit als neuer Geschäfts-
führer von MZ sicher nicht. Da handelt der
36-Jährige nach Ansichten, die so einfach nicht in eine Schublade zu stecken sind und die er selbst immer wieder hinterfragt.
»Ein Politiker, der in die Kamera spricht, sich dabei nachdenklich gibt und meint, dass er im Moment ehrlich keine Antwort auf die Frage geben könne, der ist halt tot«, klagt Baumgärtner. So sei das in Deutschland in der Politik, und genau so sei
das auch im Wirtschaftsleben. Und dennoch traut Baumgärtner sich zu zweifeln und manchmal keine einfachen Antworten parat zu haben. Etwa auf die Frage, wie es denn nun weiter gehe mit MZ.
1996 ging es für ihn, bis dahin an einem Motorenprojekt beteiligt, nicht weiter bei MZ, also ging er, schweren Herzens. Er verrät nicht warum, doch wer die Geschichte von MZ kennt, der weiß, dass damals
dort einer das Sagen hatte, der genau zu wissen glaubte, wo es denn langginge, und
einer, der das gerne laut herausposaunte.
Eine solche Art liegt Baumgärtner nicht, er ist ein Freund der leisen und der Zwischentöne. Bei MZ darf er das auch sein, und er bemerkt, dass die Leute ge-
rade das schätzen. »Es ist für mich sehr angenehm, dass ich mich hier so verhalten, so geben kann, wie es meiner Persönlichkeit entspricht.« Was dieser Persönlichkeit entspricht, zeigt eine Geschichte, die er aus seiner Zeit als Berater in Japan erzählt. Es geht um das Klischee vom Japaner
als Arbeitsroboter, vom »Ameisendiener-
rädchen in perfekter Organisation«. Er habe genau das Gegenteil erlebt. Das totale Chaos nämlich. Was damit zusammen-
hänge, dass ein jeder Japaner glaube, ihm gehöre die Firma und er sei für alles verantwortlich. Das erhöhe die Motivation ganz ungemein. Im Supermarkt habe er zwei Flaschen Wein gekauft, und die
Kassiererin »nimmt unter dem Tisch einen Karton hervor, von dem offensichtlich ist, dass sie selbst ihn geschnitten hat. Den steckt sie zwischen die Flaschen, weil sie nicht will, dass die Etiketten abgeschabt werden. Sie hat den Stolz, dass das, was sie macht, optimal läuft.«
Eben das will Baumgärtner bei und für MZ. Indes, mit einem Stück Pappe ist es dort nicht getan. Wobei seiner Ansicht nach die technischen Probleme, ganz allgemein, die am leichtesten lösbaren sind. Der Mann mit einer Vorliebe für Rollkragen-
pullover ist nicht Ökonom, er ist studierter und promovierter Motoreningenieur.
Bis zur Mitte seines Studiums an der TU München war es alles andere als klar, dass er mal als Jahrgangsbester ein Stipendium in Cambridge bekommen würde. Weil er, und das hatte er bereits in der Schule kräftig geübt, stinkend faul war. Fleißig war er lediglich in den Ferien, denn wenn er Sinn und Zweck erkannte, dann konnte er schon. »Meine Eltern haben mir verboten, Motorrad zu fahren. Den Autoführerschein wollten sie mir nur bezahlen, wenn ich ihnen verspreche, mein Leben lang nie Motorrad zu fahren.« Er finanzierte sich den Führerschein also selbst. Und die 1972er-Honda CB 250, die er in der Folgezeit stets drei Straßen entfernt vor seinen Eltern versteckt hat, ebenfalls. Die Maschine hatte er bei dem Mann entdeckt, bei dem er seinen gebrauchten BMW 2002, weiß, kaufte. Den Wagen fährt er bis heute. Was gut zur Brille passt.
Was gut zu MZ passt, ist, dass er von Chemnitz, wo er wohnt, zum Arbeiten nach Zschopau auf einer 1000 S fährt, seit die Temperaturen – knapp über null – das zulassen. Seit dem 1. Januar teilt sich Baumgärtner die Geschäftsführung mit Rama-
samy Vasuthewan, den nicht nur er »Vasu« nennt. »Vasu ist der beste und ange-
nehmste Partner, mit dem ich je zusam-
mengearbeitet habe. Und das ist ein Grund, wieso ich mich hier so glücklich fühle.«
Auch in dieser Beziehung hat sich bei
MZ viel verändert. Gleichwohl noch nicht genug. Baumgärtner findet es wichtig,
dabei eine Balance zwischen Chaos und Ordnung aufzubauen, wobei Chaos eher bedeutet, dass er nicht jeden Bereich bis zum Letzten komplett durchplanen will. Weil man das gar nicht müsse. Mit einer Belegschaft, die so qualifiziert sei, dass zum Beispiel in der Produktion jeder fast alles machen könne. Baumgärtner sieht sich auch nicht als Chef eines Unternehmens, das der Utopie einer Massenproduktion hinterherjagt, diese Zeiten sind für MZ längst Geschichte.
Was nicht Geschichte ist, das ist die Verbundenheit der verbliebenen Mitarbeiter, rund 180, mit der Firma. »Es gibt schon eine Vorstellung, glaube ich, dass man
MZ die Treue halten muss.« Dass Baumgärtner das nicht gemacht habe, 1996, als er Zschopau den Rücken kehrte und wieder nach Cambridge ging, um dort seinen Doktor zu machen, halten ihm manche
seiner Kollegen heute noch vor. Obwohl
er, sagt er, der Firma immer zugetan war, jährlich vorbeischaute, sich sicher war, dass er zurückkommen würde. In England fuhr er sogar Rennen auf MZ Skorpion. Das nicht vorrangig für Ruhm und Ehre, weil dafür, das weiß Baumgärtner, seine fahrerischen Talente nicht hinreichen.
Fast ließe sich seine Motivation, Rennen zu fahren, als therapeutisch bezeichnen. »Es geht darum, dass ich mich be-
weisen muss. Rennen ist für mich eine echte Schule. Denn ich gehöre nicht zu den Typen, die forsch reinhauen. Ich bin eher einer, der abwartet, bis die anderen sich geklopft haben.« Beim Rennen gelten andere Regeln, als die, nach denen er
erzogen wurde, etwa, dass der Klügere nachgebe, man sich nicht streiten solle und auf die Dauer miteinander auskommen müsse. Das, meint Baumgärtner, seien
die Regeln einer bäuerlichen, einer in sich geschlossenen Gemeinschaft, die in der modernen Gesellschaft und der Wirtschaft nicht sonderlich hilfreich seien. Dort gelten eher die Regeln, die Baumgärtner auf der Rennstrecke lernt: »sofort handeln, nicht grübeln, sich ins Getümmel stürzen, nicht anderen den Vortritt lassen«.
Wie man solche Regeln anwendet, wie man sie im Unternehmen umsetzt, ist freilich eine Sache des persönlichen Stils, mithin eine von Werten und Überzeugungen. Von Gefühlen sogar. Wenn auch solcherlei im modernen Wirtschaftswesen eher als Unwesen gilt, gibt Christoph Baumgärtner unumwunden zu, dass er Versagensängste sehr wohl kenne.
Die gehören zu einem Druck, unter den er sich selbst setzt, ein Druck, der unter anderem dazu führt, dass er auch seine Wochenenden häufig im Betrieb zubringt. Da bleibt wenig Gelegenheit für den Zeitvertreib, den man einem mit so dicker Brille sofort zutraut: die Lektüre klassischer
Literatur, insbesondere der Russen, und hier lieber Dostojewski als Tolstoi. »Tolstoi schreibt, weil er belehren möchte; Dostojewski, weil er nicht anders kann, weil er sonst verrückt würde.«
Baumgärtner sagt, er würde verrückt, wenn er bei MZ nichts verrücken könnte, wenn er nicht den Erfolg hätte, den er
sich vorstellt und den MZ braucht. Damit will er nicht den Teufel an die Wand malen, damit drückt er seine Sympathie für die Firma aus, und damit setzt er, natürlich, sich selbst unter Druck. Unter den Druck, mit einigen Veränderungen, die er zu verantworten hat, gegen die Gesetze der Wirtschaft zu handeln.
Zu denen gehört etwa, »dass der Teufel immer auf den selben Haufen scheißt«. Will heißen: Wo schon viel ist, kommt noch mehr hin. Und bei MZ ist momentan relativ wenig. Gerade das jedoch, meint Baumgärtner, muss kein Nachteil sein. Dann nicht, wenn MZ seine Zukunft als »Motorradmanufaktur« begreife, spontan und
flexibel reagiere, sich schnell auf Kundenwünsche einstellen könne, sich auch von Stolz und Enthusiasmus leiten ließe.
Das wäre so wünschenswert wie unzeitgemäß, denn es käme einer Rückkehr des Idealismus und auch einer Ethik in
die Wirtschaft gleich, beschwörte einen Geist, der allzu viele Branchen längst verlassen hat. Und dass Baumgärtner von
allen guten Geistern verlassen wäre, lässt sich ihm selbst bei schlechtestem Willen nicht nachsagen.
Genauso wenig, wie sich voraussagen lässt, ob aus dem neuen Gesicht bei MZ ein neues Image von MZ erwächst.

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