Porträt Eiko Kirino, Kawasaki-Chefin Frankreich (Archivversion) La Chef

Sie liebt die französische Küche und Höflichkeit, steht auf Rennsport und entstammt einer Samurai-Familie. Das passt, dachte man sich. Seit Januar ist Eiko Kirino die Chefin von Kawasaki Frankreich.

Als sie 2001 nach Frankreich kam, kannte sie nicht mehr als zwei Wörter – »bonjour und baguette«. Doch das, und nicht nur das, hat sich seitdem gründlich geändert. Seit 1991 arbeitet Eiko Kirino für das Unternehmen aus Akashi, zunächst im Vertrieb, dann wechselte sie zur Presse- und Öffentlichkeitsarbeit und verantwortete weltweit Modell-Präsentationen.
So kam es, dass Maurice de Rochefort, der Pressemann von Kawasaki Frankreich, seiner künftigen Chefin bei der Vorstellung der ZX-9R über den Weg lief. Das war 1997, zu einer Zeit, als eine Frau in dieser Position surrealistisch, wenn nicht gar unmöglich angemutet hätte: eine Frau, äußerst zierlich zudem, an der Spitze einer Motorradmarke, die für ihre virilen Modelle bekannt ist, noch dazu in Frankreich, einem ziemlichen Macho-Land. Jeden, der sich immer noch darüber wundert, weiß de Rochefort zu mäßigen: »Oft klappt das mit ihr flotter, reibungsloser. Sie kommt sofort zu den Fakten, trifft Entscheidungen geradeheraus und fest. Aber das ist ja mehr eine Frage des Charakters als des Geschlechts.«
Auf diesen Charakter angesprochen, bekennt die 39-Jährige unumwunden Farbe: »Ich nehme kein Blatt vor den Mund. In
Japan wird das nicht gerade geschätzt. Man redet dort lieber um den heißen Brei herum.« Kirino eben nicht.
Offen gesteht sie, wie schwierig es für sie war, sich an die
europäischen Gepflogenheiten anzupassen. »Alles unterscheidet sich, die Erziehung, die Manieren, die Art, sich zu kleiden, zu kommunizieren. Nehmen Sie nur das Schlange stehen. In Japan reiht sich jeder ordentlich ein. In Paris schert sich keiner um irgendwas, stellt sich an, wie es ihm passt. Dasselbe im Straßenverkehr. Wenn du wartest, kommst du nie vom Fleck.«
Dennoch findet Kirino es angenehm in Frankreich. »Ich will gerne so lange wie möglich bleiben. Japan fehlt mir nicht, mir reicht es, zwei, drei Mal im Jahr dort zu sein. Man isst in Frankreich gut, so abwechslungsreich. Außerdem hat man hier mehr Platz, sogar in Paris, wo es ja viele Parks gibt. Und«, fügt sie hinzu, »ich mag die Franzosen. Sie sind so gut erzogen, auch wenn sie sich nicht anstellen können.«
An der Schnittstelle zwischen Werk und Vertrieb wirkend, kommentiert die Generaldirektorin mit distinguiertem Lächeln die besondere Problematik ihres Jobs: »Mit den Händlern, ja, da ist
es kompliziert. Nicht etwa, weil ich eine Frau bin. Es ist immer kompliziert. Genauso wie mit dem Werk. Um etwa die Anzahl an
Z 750 zu bekommen, die wir wollten, habe ich geradezu eine Schlacht schlagen müssen.« Daran gewöhnt, mit den Herren
Managern in Japan umzugehen, hat sie sich vom Wunsch nach Bequemlichkeit längst verabschiedet.
Schon die Wahl ihres Studienfachs passt zu dieser Haltung: Persische Kultur. »Es ist die Wiege der menschlichen Kultur.« Drei Mal reiste sie selbst in den Iran, wo insbesondere die Lebens-
umstände der Frauen sie kalt erwischten: »Sie dürfen nirgends, wirklich nirgends alleine hin.« Nicht nur für eine Frau mit Kirinos Selbstverständnis kaum zu akzeptieren.
Bereits mit 19 machte sie, ganz nonkonform, den offenen
japanischen Führerschein für Motorräder mit mehr als 450 cm3. Weil die Prüfungen so drastisch sind, hat der Schein einen Beinamen, der sich in etwa mit »Durchfall-Erlaubnis« übersetzen lässt. Als Kirino das erste Mal auftauchte, ließ der Prüfer sie nicht mal aufs Motorrad, meinte lapidar, sie sei zu klein. Nichts, was sie dauerhaft abgeschreckt hätte. Den Schein in der Tasche, machte sie sich auf, eine Yamaha FZR 400 zu besorgen. Um schließlich eine Kawasaki GPX 250 zu kaufen. »Der Händler hat sie mir reingesungen. Ich mochte sie, ehrlich, aber sie hatte halt keine Leistung.« Nach vier Monaten ist die GPX Geschichte, Kirino Besitzerin einer 750er-Kawasaki.
Dass sie überhaupt zum Motorrad kam, war zunächst Pragmatismus. »Nichts, was ich früher gemacht habe, konnte mich über längere Zeit begeistern. Also habe ich vieles ausprobiert. Motorrad fahren mit dem Hintergedanken, dass es sicher nützlich wäre, das zu können. Und siehe da, ich fand es spannend.« Wie sie auch den Rennsport spannend findet. Früher begleitete sie regelmäßig die Ingenieure zu Rennstrecken-
tests. »Eines Tages wollte ich es selbst
versuchen, wollte eine ZZR ausfahren. Topspeed. Ich wollte, und ich habe.«
Mit einer Mischung aus Charme und Bestimmtheit erzählt sie davon, dass es nicht einfach sei, sich in ihrer Position für den Rennsport zu begeistern: »Es kostet eine Menge Geld, und das will das Werk nicht immer investieren. Ich kann damit nicht übereinstimmen. Rennsport ist eine Investition in die Zukunft. Ein regelmäßiges
Engagement bringt ein starkes Markenimage und Kundenbindung.«
Der Erfolg am Markt gibt ihr Recht. Nicht ohne Stolz unterstreicht sie, dass Kawasaki in Frankreich, verglichen zum Rest
Europas, die stärksten Marktanteile halte. »Alle Zeichen stehen gut, dass wir 2006 ganz an der Spitze stehen, und ich habe darum gebeten, mir dafür die Mittel zu gewähren, zum ersten und zum letzten Mal. Das Werk hat geantwortet, dass es sicher nicht das letzte Mal wäre, dass ich die Chance hätte, in Frankreich die Marktführerschaft zu erlangen.«
Sagt’s und lächelt, unerwartet und unaufdringlich.

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