Porträt George Rahn (Archivversion) Sir George

George Rahn, ein Typ wie ein Waldschrat, betreibt mit »Trail’s End« seit über 40 Jahren die sicherlich seltsamste BMW-Niederlassung der Welt. Die nördlichste der USA noch dazu.

George ist eine harte Nuss, nicht leicht zu knacken, noch schwerer zu verdauen. Wer es dennoch versucht, wird
feststellen, dass es sich lohnt. Gnade denjenigen, die vorbei-
kommen und die übliche BMW-Behandlung erwarten. Von wegen
Premium-Hersteller, Premium-Service, mit beschlipsten Verkäufern und einem Tässchen Kaffee im schnieken Show-Room.
Sagen wir einfach, dass George Rahn einen etwas anderen Ansatz pflegt. Eine Kaffeemaschine für die werte Kundschaft besitzt er nicht, und in der Werkstatt sieht es so düster, so gruselig aus, dass wer sich in diesen Raum verirrt, für den Rest seines
Lebens verängstigt zurückbleiben könnte.
»Trail’s End« ist einer von zwei BMW-Motorradhändlern in Alaska und vermutlich der einzige im ganzen Universum, wo das Dickste nicht die Motorräder sind. Es ist die Vegetation. Beim
ersten Treffen kommt George in etwa so attraktiv rüber wie eine schrumpelige, ausgekeimte Kartoffel. Er hasst Small Talk, kann die aktuellen Modelle auf den Tod nicht ausstehen, und seine
sture Einsilbigkeit ist ebenso phänomenal wie seine Unverblümtheit. Das Problem ist nur: Es gibt in relativ weitem Umkreis sonst niemanden, der einem so wie er mit dem Motorrad weiterhelfen könnte. Egal also, wie George einen auch immer anschaut, es geht um die Maschine. Und so unwahrscheinlich es auch wirken mag – George wird sich um diese Maschine kümmern, als wäre
es seine eigene. Garantiert.
Sein Vater war Harley-Davidson-Händler in Pennsylvania. Womit klar war, dass George seine ersten Erfahrungen mit einer
Harley sammelte, bei einem Trip quer über den Kontinent, mit
einer seitengesteuerten, Baujahr 1946. Ein Freund fuhr BMW.
Eines Abends rückten sie aus, um ihren Maschinen mal auf den Zahn zu fühlen, zu sehen, was sie bringen. »Es gab damals kein Tempolimit auf der Autobahn in Pennsylvania. Wir pressten die Mühlen aus bis zum Letzten«, erinnert er sich, »aber nach ein paar Minuten nur musste ich das Gas wegnehmen, denn die Harley hörte sich an, als wäre sie dabei, sich selbst zu fressen. Die BMW hingegen jagte einfach weiter, das hat mich angemacht.«
Kurz danach kam er mit der Armee für eineinhalb Jahre nach Deutschland. Wo er seine erste BMW kaufte, eine R 68 von 1954. »Eine fantastische Maschine.« Als er in die USA zurückkehrte, flammte seine alte Leidenschaft für Alaska wieder auf, und kurz nachdem Alaska 1959 der 49. der Vereinigten Staaten geworden war, packte George seine Habseligkeiten inklusive der geliebten
R 68, die er von Deutschland mitgebracht hatte, auf einem Dodge Pick-up zusammen und zog in die kleine Stadt Fairbanks, rund 300 Kilometer südlich des Polarkreises. »Ich bekam jahrelang nicht einen Strafzettel damals, du konntest einfach alles tun. Heute ist das zwar nicht mehr ganz so locker wie früher, aber immer noch besser als irgendwo sonst.«
Es brachte allerdings so einige Schwierigkeiten, dort, wo die Winter lang und hart sind, ein Motorrad zu besitzen, das niemand kannte. Der einzige Motorradladen in Fairbanks war ein Honda-Händler, der sich ausschließlich um Kleinzeugs kümmerte. Selbst Harley hatte keine Niederlassung. Und so gab es niemanden, an den George sich hätte wenden können, wenn Zündspule oder Unterbrecherkontakt streikten. Weshalb er 1963 eine Entscheidung traf: Er selbst würde derjenige werden, den er am meisten brauchte – derjenige, der sich um den Service für sein Motorrad kümmerte. »Keiner verkaufte irgendwelche Teile, ergo beschloss ich, selbst eine Vertretung zu eröffnen.« Zu dieser Zeit reichte
es, sich dafür zwei neue Motorräder anzuschaffen, einen Haufen Werkzeug und ein paar Ersatzteile.
»In den Sechzigern habe ich nie mehr als sechs oder sieben Maschinen pro Jahr verkauft. Ich hatte einen kleinen Show-Room, da, wo jetzt der ganze Krempel rumliegt.« George zeigt auf einen Raum zur Linken, wo sich Teile über Teile stapeln, die Balance
jedes Haufens so fragil, dass sie schon anfangen zu schwanken, wenn sich jemand über den Dielenboden des Lagers bewegt. Richtig los ging das Geschäft in den frühen Siebzigern. Die Wirtschaft boomte, eine Pipeline wurde in der Gegend gebaut, plötzlich wurden die Leute auf BMW aufmerksam. Speziell auf die /5, »hinter der die jungen Typen tierisch her waren«.
Er hängt dem Gedanken einen Moment lang nach, dann steht er auf, zieht seine Gummihandschuhe über, rückt die schwere
Lederschürze zurecht und begibt sich wortlos in seine Werkstatt. Wo er, daraus macht er gar keinen Hehl, am liebsten allein ist.
Wer dennoch einen Blick dort hineinwerfen will, bekommt allenfalls ein mürrisches »hm« entgegen geworfen. »Aber fass bloß nix an«, schiebt George, 70 Jahre alt, noch nach und geht mit zwei riesigen Reifenhebern und zähen, von dicken Adern überzogenen Armen an die Arbeit.
Doch der Reifen sträubt sich, übers Felgenhorn zu rutschen. »Das passiert«, grantelt er, die Reifenheber schwingend, »wenn
jemand zuguckt.« Als er die eine Seite des Reifens schließlich auf der Felge hat, klappt der Rest der Angelegenheit wie geschmiert: mit Hilfe eines permanent in Wasser eingeweichten Stücks Seife. »Sollte eigentlich jede Werkstatt haben.«
Das Auswuchten erfolgt – natürlich – ebenfalls von Hand.
Dabei verändert sich Georges Ausdruck, nicht mehr ganz so
einschüchternd wirkt er. Irgendwas tut sich: Außer dem drehenden Rad scheint alles um ihn herum verschwunden zu sein. Den
Blick über den Brillenrand auf der Felge klebend, platziert er die Gewichte, bis das Rad völlig ruhig dreht.
Anschließend ist er tatsächlich nicht länger dieser sture Griesgram. Er benimmt sich zwar so raubauzig wie vorher, aber er lässt durchblicken, dass er unter seinem Panzer eigentlich ein ganz zahmes Wesen versteckt. Als hätte die Beschäftigung mit dem Motorrad ihn gleichsam auch für dessen Besitzer aufgeschlossen. Was nichts daran ändert, dass er hin und wieder einen Kunden, der sich durch den Wald zu ihm verirrt hat, vom Hof scheucht: »Was willst du heute? Ich habe genug zu tun. Komm morgen wieder.«
Kaum verwunderlich, wenn er, grinsend freilich, erzählt, dass BMW nicht so ganz glücklich mit ihm sei. »Sie wissen, dass ich früher oder später entweder sterbe oder verkaufe. Sie würden mich gerne aufgeben sehen, weil sie wollen, dass die großen Händler wachsen und die kleinen verschwinden.«
Wenn George tatsächlich aufgäbe, und so manches deutet darauf hin, bliebe nur noch eine BMW-Vertretung für Alaska, in Anchorage, über 500 Kilometer entfernt. Es wäre also weit mehr als nur das Verschwinden eines Motorradladens.

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