Porträt Hasko Weber (Archivversion) Fünf Gänge – fünf Akte

Noch ist Hasko Weber Regisseur am Staatstheater in Stuttgart. Bald wird er dort Intendant sein und also noch mehr Stoff geben. Das hat er drauf, auf den Brettern und auf seiner Buell M2 Cyclone. Wichtig in beiden Fällen: die richtige Übersetzung.

Wenn die Übersetzung nicht stimmt, passt der Anschluss einfach nicht. Wie bei Haskos Buell. »Werktreu ist die einfach zu lang. Da ist man sofort in einem System von Umbau drin.« Hasko Weber sagt tatsächlich »werktreu«, ein Begriff aus der Dramaturgie, so, als hätte das Motorrad etwas mit Theater zu tun. Hat es auch, irgendwie. Ein Stück braucht Tempo, muss in Fahrt kommen, die Kurve kriegen. Was nur gelingt, wenn die Übersetzung stimmt. Weil sonst das Publikum schon in den
ersten beiden Akten den Anschluss verliert, so, wie der Fahrer einer werktreuen M2 zwischen den ersten beiden Gängen. Um die Adaption der Buell hat sich Haskos Händler in Dresden gekümmert, ebenso um den Auspuff, denn auch darauf kommt es an: den richtigen Ton zu treffen.
Peter Fonda und Dennis Hopper haben ihn getroffen, vor 35 Jahren. Ein Ton indes, den in der DDR keiner hören sollte. Deshalb schrieben Hasko und ein Freund
»Budapest« auf Pappe und stellten sich
an die Straße. »Wir sind von Dresden nach Ungarn getrampt, nur um diesen einen Film zu sehen.« Der lief 1983 im Nep-
Stadion. »Es war grandios. Wir kamen
zurück, und dann gleich aufs Moped,
Simson, 50 Kubik.« Haskos elementares Motorraderlebnis. »Wir sind mit 60 km/h über die Landstraße und waren voll drin
im Feeling dieses Films. Diese unerfüll-
bare Sehnsucht, dieses rebellische aus
der Gesellschaft Rausgehen, die Freiheit, Beweglichkeit, das Motorrad als Signet. Das ist so später nie wieder da gewesen.«
Nicht auf der Honda CBX, die er sich nach der Wende zulegte, nicht auf dem Suzuki-Chopper, den er alsbald verkaufte. So kam es, dass er mit dem Auto nach
Italien fuhr, wo er sich fragte: »Verdammt, was mach’ ich hier eigentlich?« Urlaub mit dem Auto! Langweilig, aber mitunter erkenntnisfördernd. Nämlich die, dass ohne Motorrad etwas fehlt. »Es war dann eine Art Suchtkauf mit der Buell, diesem verqueren Ding. Der unmögliche Kraftmotor von einem Chopper und das leichte Handling. Ist schon eine Herausforderung.« Was die Beherrschung seiner Maschine angeht, sei er gewiss nicht in der ersten Reihe zu finden, fahre ja wenig, »nur 8000 bis 9000 Kilometer im Jahr«. Was seine Arbeit am Theater angeht, ist er ohne Zweifel in der ersten Reihe zu finden. Das sagt er nicht selbst. Aber die Zuschauer und Kritiker. Dass er mehr aus Texten heraus- als in
sie hineinlese, dass seine Inszenierungen authentisch seien, seine Übersetzungen passend.
»Den Stoff zu übermitteln ist ein langer Gang.« Dieser Gang beginnt für den 40-jährigen Hasko Weber mit dem Respekt vor dem Stück als einem Kunstwerk, das Form hat, Struktur. Er nimmt es ernst, muss dabei freilich nicht immer ernst sein. Genauso, wie Respekt nicht heiße, »in Ehrfurcht abzuknien«. Denn es gebe, sagt er, so viele Stoffe, die er nicht im ersten
Anlauf verstehe. Das Publikum allerdings hat meist nicht mehr als einen Anlauf, eine Vorstellung, um zu verstehen, was auf der Bühne passiert. »So funktioniert Theater: dass Dinge, für die ich sensibel bin und
die ich erzählen möchte, Sensibilität beim Zuschauer wecken. Das ist ein Übersetzungsvorgang, der Wachheit und Aufmerksamkeit erzeugen soll. Das heißt jedoch nicht, dass das Publikum alles ganz genau so sehen muss wie ich.«
Einmal hat sich Hasko Weber sogar
als Motorradfahrer inszeniert. Anfang der Neunziger tat er sich mit Schauspielkol-
legen in Dresden zum MC Backstage zusammen. Das war keine wirklich ernste
Sache, diese Clubgründung, mehr ein Witz mit Theatermasken auf der Kutte. Manche haben die Inszenierung nicht verstanden. Was sie zum Ausdruck brachten, auf ihre Art, unmissverständlich. Damals wütetete nämlich ein Rockerkrieg in Dresden, und da kam es schon vor, dass einer vom
Motorrad geholt wurde, mit Baseballschläger oder Knarre. »Man hatte zu der Zeit ein bisschen vorsichtig zu sein.«
Heute ist er so gut wie nur allein unterwegs, was allerdings weniger mit maro-
dierenden Rockergruppen zu tun hat, die
ihren Aggressionen den freien Lauf lassen, der ihnen gerne nachgesagt wird. Es liegt eher daran, dass er mit dieser Clubmen-
talität nichts mehr anfangen kann. Lieber bestimmt er selbst, wo er hin will und wie er dahin kommt. Mit dem Motorrad geht das, am Theater ebenfalls, wenngleich nicht derart problemlos. »Zur Straße gibt es einen Plan, für die Bühne muss ich
den selbst machen. Ich kann ja, wenn ich ein festes Ziel habe, verschiedene Wege fahren und trotzdem ankommen.«
Eines von Haskos wesentlichen Zielen ist es, »ein Stück Welt verständlich zu machen«. In Stuttgart hat er »Brand« inszeniert, ein selten gespieltes Stück des
norwegischen Dichters Henrik Ibsen. Und das Drama eines religiösen Fanatikers, der die Welt nach seinen starren Vorstellungen verbessern will. »Er isoliert sich und scheitert grandios. So jemand ist keine echte Identifikationsfigur.«
Dennoch hatte Hasko Weber mit seiner Inszenierung großen Erfolg. Gerade im pietistischen Stuttgart, wo Kunst verdammt ernst, verdammt wichtig genommen wird, nicht als Dekor, als ästhetisches Aperçu sondern als Bestandteil des eigenen Lebens. In keiner anderen deutschen Stadt sind die Theater voller. Stuttgart bietet
einen großen künstlerischen Freiraum, in dem man sich durchaus gegen den Mainstream stellen darf und auf der Bühne den gesellschaftlichen Konsens brechen kann.« Das sollte man freilich nicht mit der Brechstange tun. Als Claus Peymann, einer von Haskos Vorgängern als Intendant, aufrief, Geld zu spenden, um den RAF-Gefangenen im Stammheimer Hochsicherheitstrakt den Zahnersatz zu finanzieren, da musste er seinen Hut nehmen. Hasko nahm lieber eine Schablone und sprühte einen Anarchistenstern auf den Luftfilterkasten seines American Motorcycle.
Was soll das? Motorradfahren als rebel-
lischer Akt? Das war einmal, mit der Simson. Aber: Eine Lebenseinstellung transportiert das Motorrad immer noch. »Es
hat nichts mit Luxus zu tun, ein Gerät
zu haben, mit dem man alles hinter sich
lassen kann, sich Freude, ein Stück Glück holt. Das mag ein kurzes Glück sein, doch
welches Glück geht nicht schnell vorbei?«
Motorrad wäre Hasko Weber also auf jeden Fall gefahren. Weil es seiner Überzeugung entspricht. Zum Theater kam er eher zufällig. Weil seine Freundin in Leipzig wohnte und die dortige Schauspielschule noch Plätze frei hatte. »Ich bekam Urlaub von der Armee, habe den Test gemacht, die Prüfung bestanden. Und jetzt sitze ich hier, werde nächstes Jahr Intendant des Staatstheaters Stuttgart, eines der wich-
tigsten und derzeit bestgeführten Häuser Deutschlands. Keine leichte Aufgabe.«
Stimmt. Vergangenen Sommer kurvte er mit Frau und Zelt durch die Alpen. Gewagte Inszenierung. Zwei Leute auf der Buell, das komplette Camping-Equipment im Rucksack und Tankrucksack; das entspricht in etwa zwei Stühlen auf der Bühne mit zwei nackten Schauspielern darauf. »Jetzt wird es interessant«, sagt Hasko, meint das aber nicht als Regisseur, son-
dern, natürlich, als Motorradfahrer: »Je mehr man an Ausrüstung mitnimmt, umso mehr Stress hat man doch.« Er wäre ein schlechter Requisiteur geworden.

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