Porträt Jens von Brauck (Archivversion) Selfmade-Man

Er ist sicher kein Designer im klassischen Sinn, hat nicht an der Hochschule, sondern das Motorrad studiert. Eine vorgefertigte Design-Philosophie hat er sich nicht aufpfropfen lassen, er macht sein Ding: Motorräder, die nicht nur ihm gefallen sollen.

Vielleicht sind seine Entwürfe ja so was wie eine Gegenreaktion auf die Maschinen der 80er Jahre, der Zeit, als
er, Jahrgang 1970, zum Motorrad kam – vollverschalt bis zum Kragen, in plattes Plastik gepackt. Wie er so darüber räsoniert, zeigt Jens vom Brauck auf ein Foto, das er an die Schiebetür seiner Werkstatt geklebt hat – Kenny Roberts in seiner
typischen schwarz-gelb-weißen Jacke in voller Schräglage auf einem Dirt-Track-Racer. Linkskurve, das Vorderrad rechts eingeschlagen, um das überholende Heck noch einzufangen. Ein monströser Drift.
In dem Bild steckt genau das drin, was Jens von Brauck rüberbringen will. Mit seinem Design, mit seinen Formen: das Brachiale, die Reduktion, das Minimalistische. Und nicht zu vergessen: »Rock ’n’ Roll, der muss rein ins Motorrad, aber nicht der von vorgestern.« Die White Stripes stecken in seinem CD-Stapel, Soundgarden, Queens of the Stone Age, Turbonegro, und den ganzen Tag über wird er beim Arbeiten
angestarrt aus zwei schwarzen Augenhöhlen in einem gehörnten Widderschädel, aus dessen Rachen spitze Zähne ragen. Ein Plakat zum Danzig-Album »Lucifuge«. Derart inspiriert geht er zu Werke. Was durchaus wörtlich zu verstehen ist. Denn das Designbüro JvB, untergebracht auf dem schwer runtergekommenen, gleichwohl charmanten Gelände einer ehemaligen Kölner Farbenfabrik, direkt am Rhein, ist weniger Büro als vielmehr Werkstatt. Kein Computer, dafür ein alter Hazet-Werkzeugwagen, keine schicken Möbel, sondern Inventar vom Sperrmüll, keine Zentralheizung, nur ein Ölradiator, davor ein Heizlüfter, der die »Wärme« durch den Raum pustet, keine feine Auslegware, stattdessen der Boden hellblau gekachelt wie ein Swimming Pool und übersät von braunen Clay-Flecken.
Mit der Modelliermasse brachte er letzthin eine MZ-Studie in Form. Wobei: Eine Form hatte die 1000er-MZ schon vorher, eine mit Ecken und Kanten – sogar im Tank. Weil MZ-Studien momentan außer überzeugen und Aufsehen erregen vor allem eins sollen: wenig kosten nämlich, stand vom Brauck vor der schwierigen Aufgabe, aus einem real existierenden Motorrad ein völlig anderes zu machen. Ohne dabei an wesentlichen Teilen wie Rahmen und Tank Hand anlegen zu können. Er hat’s hingekriegt (MOTORRAD 2/2006).
Wenn vom Brauck von MZ spricht, sagt er »wir«. Es ist das erste Mal, dass er das sagen kann, denn bisher hat er stets nur für sich selbst gearbeitet, eigene Projekte vorangetrieben und sich irgendwie durchs Leben gemogelt. Was er so wollte, von Anfang an. Nicht leben wie die anderen, wie die, die auf Nummer sicher gehen. Die mit 20 schon kalkulieren, wie es
dereinst um ihre Rente steht, und dass
sie spätestens mit 30 ein eigenes Heim in die Landschaft und einen Siebener von BMW in die Garage gesetzt haben wollen.
Seine Lehre zum Industriemechaniker hat er an einer Fachschule zwar noch durchgezogen, beim Abitur aber schon
gedacht: »Komm, leck mich.« Mit seinem Mathe-Lehrer hatte er einen Deal: »Er lässt mich in Ruhe, ich lasse ihn in Ruhe,
und am Ende gibt es halt eine Sechs.«
Das war okay. »Meine Klassenarbeiten
hat er sowieso immer schon an den mund-
gemalten Mopeds erkannt.«
Kaum hatte Jens den Zivildienst im Schwesternwohnheim hinter sich gebracht, kaufte er sich zusammen mit einem Kumpel einen alten Opel Rekord Kombi, riss die hinteren Sitze raus, hängte Vorhänge in den Fond, ging einmal mit der mattschwarzen Farbrolle drüber und juckelte Richtung Spanien. Da gefiel’s ihm, da blieb er, jobbte bei einem Gebrauchtteilehändler oder auch gar nicht. Lebte so lange das Leben, das er wollte, »bis das Postsparbuch Alarm gab«. Um mit der allerletzten Kohle nach Deutschland zurückzufahren.
Was mitunter nicht ganz glatt lief. Weil die Polizei was gegen seinen Fahrstil einzuwenden hatte. In Barcelona schlängelte er sich auf seiner SR 500, großer Tank, aber sehr kleine Spiegel, zwischen den Autos durch, ein weiteres Motorrad ihm dicht auf den Fersen. »Ich habe den zwar gesehen, doch erkennen konnte ich in
den Spiegeln nichts, weil die so vibrierten.« Erkannt, was Sache ist, hat er erst, als der Typ ihn stellte: Guardia Civil. »Und die verstehen ja nicht wirklich Spaß. Er hat mir die letzten Kröten abgenommen, und da stand ich dann da in Barcelona mit
vielleicht noch 20 Mark in der Tasche.« Das Geld für die Heimfahrt hat er sich schicken lassen müssen, und bis es da war, kam
er in einer Backpacker-Absteige namens Kabul unter. Dort war auch eine nette
Engländerin bezimmert. Der kam er dann nahe und alsdann mit nach Brighton. »In England hatte ich meinen ersten richtig
guten Job, nicht einen Scheiß-Job, um nur schnell Geld zu verdienen.« Für einen Entwickler, der auch für Ford arbeitete, prä-
parierte er Motoren für den Prüfstand. Das allerdings nur ein halbes Jahr lang, was Rückschlüsse auf das Klima der deutsch-englischen Beziehungen zulässt.
Er ist also wieder weg, war wieder unterwegs, ging mit seiner umgebauten SR auf Reisen, von denen heute teils unscharfe, teils skurrile, teils amüsante Fotos zurückbleiben, alles Fotos, die eine Geschichte erzählen. Und zwar nicht Geschichten, wie das Wetter war am Urlaubsort oder
die Vollpension im Hotel. Da gibt es ein Bild mit dem Vorderreifen der SR »vor den ersten zarten Marihuana-Pflänzchen im marokkanischen Riff-Gebirge«. Auf einem anderen brät er den Strand entlang, die Stollenreifen eine gerade Spur im Sand ziehend, ein Hund rennt aufgeregt nebenher. Ein weiteres zeigt vor tiefwinterlicher Kulisse – »ich hatte mir mit dem Nachhausefahren wohl zu lang Zeit gelassen« – die vollgepackte SR: Tankrucksack, Packrollen und höchst sonderbare Alukoffer
an der Seite. »Das waren mal Abfall-
behälter in Zugabteilen. Die Rückwand
habe ich rausgeschnitten und dann zwei zusammengeschweißt, Halterungen konstruiert, fertig. Hat fast nix gekostet, jedoch perfekt funktioniert.«
Diese Art zu arbeiten, dieser Ein-
fallsreichtum beschränkt sich seit einiger Zeit nicht mehr allein auf Accessoires und Details, sondern prägt auch komplette
Motorräder. Motorräder, die man so noch nie gesehen hat, die aber Ausdruck dessen sind, was man sich stets vorstellen wollte. Und erst wenn man einer dieser Maschinen gegenübersteht, merkt man, dass einem genau das bislang gefehlt hat. In etwa so wie bei einem Buch, in dem man etwas liest, das man immer schon so gedacht hat, freilich nie hat formulieren, noch hat wirklich fassen können.
Sie sind nicht retro, sind keine billigen Kopien des schon Dagewesenen, sind gleichwohl klassische Formen im Sinne von Urbildern des Motorrads. »Wenn du
zu viel reinpackst, ist das wie bei einem Braten. Irgendwann schmeckst du wegen der ganzen Gewürze das Fleisch nicht mehr.« Zur Beschreibung dieses Gestaltungsprinzips wird sonst gern die Floskel von der Reduktion aufs Wesentliche bemüht. Bei Jens vom Brauck trifft sie sicher zu. Weil er weiß, worin die besondere Schwierigkeit dieser Reduktion besteht: dass der gute Koch Gewürze nur benutzt, um den Eigengeschmack der Zutaten, die von erlesener Qualität sein müssen, hervorzuheben. Dass der Designer Details so gestaltet und platziert, dass sie das Wesentliche nicht verstellen, davon ablenken, sondern es unterstützen, verdeutlichen.
Letztlich ein elitärer Ansatz, wie sich beim Designwettbewerb von Ducati zeigte. Das Modell, das vom Brauck ablieferte, landete in der Gunst des per Internet abstimmenden Publikums nur unter ferner liefen, weil er die gängigen Vorstellungen davon, wie eine Ducati auszusehen habe, eben nicht bediente. Über die Erwartungen der Expertenjury jedoch weit hinausging. Also traf. Denn die wollten Inspirationen
für etwas völlig Neues und nicht die Fortschreibung des Istzustands. Erster Preis, eine Monster. »Die habe ich verkauft«, sagt Jens vom Brauck, »um mir Zeit zu kaufen.« Zeit, das Modell realiter zu bauen (Fahrbericht in MOTORRAD 3/2006). Er baute es so, wie er schon seinen Einzylinder (Fahrbericht in MOTORRAD 2/2005) auf die Beine stellte: selbst. Zwar werkelte er nicht mehr in der Garage seines Heimatorts Iserlohn, musste nicht mehr zwischen Nacht und Tag Pakete sortieren, um sich seinen Unterhalt zu finanzieren, das Prinzip indes blieb dasselbe. »Es kommt aufs Moped an, der Rest, der Weg dahin, ist mir eigentlich egal.« Wobei gerade der interessant scheint. Weil vom Brauck über das Wagen, das Improvisieren, das Fehler-
machen, das Lernen fortschreitet. So hat er sich das Schweißen selbst angeeignet,
hat über das Tun, das Machen erste Fertigkeiten im Dengeln und Treiben von Alu erworben, hat an der Drehbank Lehrgeld bezahlt. Und genau das geschafft, was
er schon immer wollte: Motorräder nach seinen Vorstellungen nicht nur zu entwerfen, sondern tatsächlich zu bauen.
Was auch MZ zugute kommen könnte, wenn die Firma Jens vom Brauck nicht
nur, wie geschehen, lediglich Retuschen ausführen – vom Brauck hat den 125ern farblich ein neues Outfit verpasst – oder mit einer bestehenden Maschine formal experimentieren ließe. Denn klar ist: MZ braucht, um überleben zu können, neue Modelle, braucht außerdem ein neues Image, und Jens vom Brauck könnte beides liefern.

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