Porträt Karsten Schmidt (Archivversion) Hundert+Zehn Jahre

Schmitti ist heiß: auf seine GSX-R 1000, die Tourist Trophy und eine ganz besondere Geburtstagsparty, die in Douglas steigt. Das Porträt eines deutschen Isle-of-Man-Fahrers.

Es ist so weit. Mit leisem Surren laufen die Turbinen warm, schwerfällig beginnen sich die Rotorblätter der Hubschrauber zu drehen, werden schneller, kommen auf Touren. Jetzt beginnt auch Schmittis Herz zu rasen. Eigentlich ist der 43-jäh-
rige Niedersachse eine ausgeglichene Frohnatur, ein breites Grinsen steht ständig in seinem Gesicht. Wenn sich aber der martialische Helisound über
die kleine Insel Man in der Irischen See legt, wird sein Blick plötzlich starr, das Grinsen friert ein, wird
zur Maske, verschwindet hinter dem verspiegelten Visier. Nun ist es gewiss: Der Start steht kurz bevor.
Schmitti ist einer der Verrückten. Einer, den der Virus gepackt hat. 2003 war er zum
ersten Mal dabei und auf Anhieb zweitbester Newcomer. Seitdem gibt es für ihn im Mai jedes Jahres nur ein Ziel: die Fähre zu entern, überzusetzen und seine Suzuki GSX-R 1000 in Douglas an den Start zu schieben. Schmitti gehört zu den wenigen Deutschen, die bei der Tourist Trophy mitfahren.
Die Aufregung hat sich bei ihm kaum gelegt, wird es vermutlich auch nie ganz tun auf dem anspruchsvollen Straßenkurs von 60 Kilometern Länge. Etwas gelassener ist er freilich schon geworden. Sogar vor dem Start.
Der ist übrigens extrem wetterabhängig. Während unten in Douglas klare Sicht herrscht, kann die Strecke oben in den Bergen in den Wolken verschwinden. Dann haben die Offiziellen ein Problem. Die vier Rettungshubschrauber müssen nach Vorschrift binnen fünf Minuten an jedem Unfallort auf dem Kurs sein und den gestürzten Fahrer an Bord nehmen können. Bei tief hängenden Wolken ist das nicht möglich. Also wird der Start verschoben. Die alten Hasen wissen das und werden erst aktiv, wenn sie die Rotoren hören. Denn das Geräusch ist
verlässlicher als jede auf dem Papier festgesetzte Startzeit.
Wenn Schmitti seine Story erzählt, dann steht man plötzlich in einem Pub mitten in Douglas, schmeckt das schwere Ale und riecht die Burnouts, mit denen Horden von Motorradsportbegeisterten die Party zur TT feiern. 2006 ist Schmitti im Senior Rennen (»Grande Finale«) auf Platz 30 gelandet. Wer nur
in WM-Punkten und im Hunderdstelsekunden-Takt denkt, schaut jetzt geringschätzig zur Seite. Doch auf der Insel Man ticken die Stoppuhren anders. Ein
reiner Straßenkurs ohne Sturzräume stellt andere Anforderungen, Risikominimierung ist ein Fremdwort. Und wenn es nach den Fans geht, soll das auch in den kommenden 100 Jahren so bleiben. Hier wird noch der Mythos vom Motorradrennsport genährt, der ansonsten weltweit im Zuge von Sicherheitsdenken und wirtschaftlichen Interessen ausgestorben ist.
Neben der TT gibt es in Europa allerhöchstens noch den Ulster Grand Prix und die Northwest 200, beide in Nordirland ausgetragen, die ein ähnliches Flair
bieten. Die hat Schmitti übrigens auch ausprobiert. Dann kam die TT, und alles wurde anders: »Die TT zu fahren ist wie einen
Orgasmus zu bekommen.« Er schaut sich um, wo
Simone, seine attraktive Frau, steht. Außerhalb der Hörweite. »Nur der hier, der dauert viel, viel länger.« Dann grinst er wieder breit, und seine Zähne blitzen auf.
An der richtigen Taktik feilt Schmitti noch: »Manchmal mache ich immer noch das Gas zu früh zu, so dass die GSX-R wie ein besoffenes Kaninchen über die Strecke hoppelt. Im nächsten Augenblick fliegt dann dein Verfolger an
dir vorbei. Mit stehendem Gas. Und der fliegt dann wirklich.« Stehendes Gas, auf der 1000er-Suzuki, auf einer Landstraße? »Klar, Mann, auf bestimmten Abschnitten kommst du anders nicht weiter. Wenn du das nicht machst, wirst du gnadenlos durchgereicht. Und schlecht wird dir auch noch.«
Schmitti heißt übrigens im bürgerlichen Leben Karsten Schmidt, ist ein anständiger Kfz-Sachverständiger und betreibt eine Rennsport-Motorradwerkstatt. Doch die Man-Manie hat sich tief in sein Leben eingeprägt. Das Wappen der Isle of Man ziert seine Visitenkarte, die Buchstaben in seinem Spitznamen sind typografisch wie das TT der Tourist Trophy gesetzt. Das Doppel-T hat er sich nicht getraut. Wahrscheinlich müsste er dann horrende Lizenzgebühren zahlen. »Irgendwann will ich nur noch das Doppel-i auf meiner Karte stehen haben. Und alle wissen: Das ist Schmitti, der Verrückte, der die TT fährt.«
Auf der Man ist er bekannt wie ein bunter Hund. Irgendwann kam ein englisches Fernsehteam auf ihn zu und hat ihn gleich auf einem Video verewigt: »Die hätten auch den besten Deutschen nehmen können. Aber der muss wohl ein ziemlich miserables Englisch gesprochen haben.« Und vermutlich hatte er nicht das breite Grinsen von Schmitti drauf. Das kommt an. Wenn er mit allem durch ist, will er ein Buch schreiben. Ein paar Rennen, rechnet der angehende Autor, müssen jedoch noch sein, um die Kapitel zu füllen.
Einziger Wermutstropfen: Sohn Konstantin, genannt Konna (»es kann nur
einen geben«), hat Ende Mai Geburtstag. Genau dann, wenn der Papa zum
Rennen auf die Insel muss. Bislang war es dann im-
mer Simones Aufgabe, dem Kleinen im heimischen Wathlingen nahe Celle eine tolle Geburtstagsfeier zu bieten. Und sich inmitten der wild tobenden
Kinderschar, zwischen Topfschlagen und Tortenschlacht nichts anmerken lassen, die Ängste über Schmittis Fahrt zu verdrängen, denn sie weiß um die Gefahren der Man-Fahrer. Aber in diesem Jahr steigt die Party endlich in Douglas. Was sind schon hundert Jahre TT? Die Schmidts feiern den zehnten Geburtstag von Filius Konstantin. Wenn allerdings die Rotoren aufheulen, wird Schmitti sein Grinsen einfrieren, den Helm aufsetzen und sein Motorrad nach vorne schieben. Wie in jedem Jahr.

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