Porträt Kenan Sofuoglu (Archivversion) Alleingang

Motorradsport ist nicht besonders populär in der Türkei – bis vor wenigen Jahren gab es nicht einmal eine nationale Meisterschaft, die diese Bezeichnung verdiente. Schwierige Voraussetzungen, aber Kenan Sofuoglu hatte sich trotzdem eine internationale Rennfahrerkarriere in den Kopf gesetzt. Anfangs war er auf sich allein gestellt. Dann fand er Freunde bei Yamaha in Deutschland.

Neuss, Hansemannstraße, gleich links hinter der großen Halle von Yamaha Motor Deutschland – die Adresse von
Kenan Sofuoglu, zumindest im vergangenen Sommer. Dort parkte sein Camper
immer dann, wenn der junge Mann aus der Türkei nicht für das Yamaha-Deutschland-Team mit seiner YZF-R1 bei einem Rennen um den Superstock-1000-Cup der internationalen Motorradsport-Föderation FIM im Einsatz war. Vor der Tür des Knaus-Wohnmobils Kenans Fuhrpark: ein Mountainbike, das er auch ohne Vorderrad virtuos beherrscht, eine 450er-Supermoto-Yamaha als Freizeit-Sportgerät und ein Scooter für kleinere Ausflüge in die Umgebung.
Der Grünstreifen, der den Parkplatz vom Zaun des Yamaha-Werksgeländes trennt, lässt Vorgarten-Feeling aufkommen – fast ein Idyll. Für Kenan Sofuoglu, den 22-jährigen Mann aus Adapazari, rund
140 Kilometer östlich von Istanbul an der Autobahn Richtung Ankara gelegen, hätte es dabei bleiben können. Aber die Vor-
zeichen haben sich geändert. Yamaha Deutschland beendet alle selbst finanzierten Sportaktivitäten und hätte Sofuoglu nur eine Zukunft bieten können, wenn es gelungen wäre, rund eine viertel Million Euro an Sponsorgeldern für eine Teilnahme an der Superbike-WM 2006 aufzutreiben.
Die Euphorie im Vorfeld des ersten
Motorrad-GP der Türkei im Oktober letzten Jahres hatte darauf hoffen lassen, dass sich in Sofuoglus Heimat Geldquellen auftun. Doch der Grand Prix wurde ein Flop, weniger als 15000 Fans konnten sich zu einem Besuch der Rennen aufraffen. »Wären 100000 gekommen, so wie bei der Formel 1«, weiß Kenan, »hätte mir der türkische Präsident geholfen.« So aber verflüchtigte sich mit der GP-Begeisterung auch jegliches Interesse potenzieller Investoren. Ein Zeitpunkt, Schluss zu machen mit dem Rennsport? Sofuoglu hatte bereits begonnen, darüber nachzudenken.
Es wäre das vorzeitige Ende einer bemerkenswerten Laufbahn gewesen, die mit dem Gewinn des Vizetitels im FIM-Stocksport-1000-Cup 2005 ihren vorläufigen Höhepunkt gefunden hat. Das Team von Yamaha Motor Deutschland schwankte zwischen himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt, als in der Zielkurve des letzten Meisterschaftslaufs die Entscheidung fiel. Mit einem verzweifelten Manöver auf der Kampflinie versuchte Sofuoglu, seine Führung zu verteidigen, ratterte dabei aber über die Curbs und konnte nichts dagegen tun, dass Didier van Keymeulen vorbeifuhr und sich Sieg und Titel holte. Ausgerechnet sein Teamkamerad.
Das Thema hat Sofuoglu abgehakt. »Didi war nie stärker als ich, er hat
nur mehr Glück gehabt«, sagt er selbst-
bewusst, »das weiß jeder, der sich meine Zeiten und meine Trainingsergebnisse anschaut.« Aufgeben ist nicht sein Ding. Nicht, solange es noch Hoffnung gibt.
Zum Beginn seiner internationalen
Karriere war er allerdings mehr als einmal in Situationen geraten, die zunächst aussichtslos erschienen. Nach zwei erfolg-
reichen Jahren in der türkischen Supersport-Meisterschaft beschloss Kenan, den Sprung in die europäische Szene zu wagen. Seine schon recht gebrauchte Honda CBR 600 wurde mit den nötigsten Utensilien in einen Transporter gepackt und Kurs auf Le Mans in Frankreich gesetzt,
3100 Kilometer entfernt von Adapazari. In Le Mans regnete es, und Sofuoglu stürzte gleich im ersten Training. »Die Kollegen
haben gefragt, warum ich mit Slicks rausgefahren sei – aber ich wusste nicht, dass es Regenreifen gibt«, erinnert er sich. Die neu erworbene Erkenntnis half jedoch nicht weiter, weil kein Geld da war, um
Regenreifen zu kaufen. Sofuoglu hakte das Kapitel internationale Laufbahn ab.
Die Heimreise führte ihn zu einem Freund nach Braunschweig. Der zeigte kein Verständnis dafür, dass Kenans Talent im anatolischen Nirgendwo verschwinden sollte, stöberte im Internet und stieß auf den Yamaha-R6-Cup. Eine namhafte Rennserie, kostengünstig, mit Perspektive – für die Saison 2002 aber schon ausgebucht. Lange Telefonate mit Cup-Organisator Thomas Kohler brachten nichts, bis einer der Teilnehmer zurückzog. Die Talentprobe, die Kohler verlangte, konnte Sofuoglu beim Frühjahrstraining abliefern. Mit Yamaha-Händler Helmut Voiges aus Uetze wurde ein Gönner gefunden, der den Einstandspreis vorstreckte. Doch das, musste Sofuoglu lernen, reichte nicht.
»Beim ersten Rennen stellte sich heraus, dass ich die Reifen, die ich brauchte, bezahlen musste – aber von welchem Geld? Ich hatte ja keinen Job«, blickt
der 22-Jährige zurück. Wieder gab es eine
Entscheidung: das Rennwochenende mitzunehmen, alles zu verkaufen, die Schulden zu bezahlen und ab nach Hause. Doch dann wurde, eine kleine Sensation, »der Türke« nach dem Rennen höflichst aufs Siegerpodest gebeten. Kenan war Dritter geworden – und Adapazari plötzlich viel mehr als 3000 Kilometer weit weg.
Kenan Sofuoglu verbindet viel mit Adapazari. Er ist dort geboren, dort gründete Vater Basri, heute 51 Jahre alt, den kleinen Motorradladen, der von Kenans älterem Bruder Sinan, 23, geführt wird und vom Verkauf billiger chinesischer Kleinmotorräder der Marke Jinlun ganz gut existieren kann. »Sinan fährt noch schneller Motorrad als ich«, sagt Kenan, »aber seit mein
ältester Bruder Bahattin bei einem Unfall
ums Leben kam, kümmert er sich um den Laden, statt einer internationalen Rennkarriere nachzujagen.« Mit Mutter Nurhayat, 48, die inzwischen eine umfangreiche Videosammlung mit Aufnahmen ihres Sohnes besitzt, und der 17-jährigen Schwester Nilufer lebt die ganze Familie in einer 135-Quadratmeter-Wohnung drei Stockwerke über dem Geschäft an der Einfallstraße nach Adapazari. Dort hat Kenan ein Zimmer, für die rennfreie Zeit des Jahres, die er bei der Familie verbringt. Zwei Betten, ein Nachttisch, Schrank, Sessel, Kleiderständer – sachlicher geht’s nicht. Kein Fernsehgerät, kein PC, kein CD-Player – Unterhaltungselektronik gibt’s in der zentral gelegenen Küche. Die Moschee, die Kenan als gläubiger Moslem regelmäßig zum Gebet aufsucht – »fünfmal täglich«, beteuert er mit einem Lausbubengrinsen, »wenn es sich einrichten lässt« – steht
direkt an der Straßenecke.
Noch 1999 lag das Domizil der Fami-
lie Sofuoglu im Zentrum von Adapazari,
bis die 350000-Einwohner-Stadt am 17. August von einem Erdbeben der Stärke sieben praktisch komplett zerstört wurde. Das Wohnhaus der Sofuoglus stürzte ebenfalls einfach ein, wie viele der bis zu fünf Stockwerken hohen Gebäude, deren Fundament aus nicht mehr als einer dickeren Betonplatte bestand. Adapazari, das bedeutet: Markt auf einer Insel, um den sich die Stadt entwickelte – auf dem losen Grund eines ausgetrockneten Sees. 70000 Wohnungen wurden 1999 vernichtet, es gab rund 3000 Tote, die Verwaltung erwog, die Stadt
aufzugeben. Nun sie steht wieder, obwohl
es dort jederzeit ein neues Erdbeben geben kann. »Sie bauen wieder fünfstöckige Häuser«, bemerkt Kenan Sofuoglu kopfschüttelnd, »obwohl sie es besser wissen müssten.« Einer der wenigen kritischen Sätze über die Menschen in seiner Heimat.
Vorschriften haben in der Türkei oft den Charakter guter Ratschläge, sie nicht zu befolgen zeitigt unterschiedliche Konsequenzen. Als es den Ordnungshütern in Adapazari einmal zu bunt wurde, Kenans Bruder Sinan im Stadtverkehr mit seinem Motorrad ständig nur auf dem Hinterrad herumbrausen zu sehen, passten sie den Übeltäter ab. Sie eskortierten ihn zu einem Parkplatz außerhalb der Stadt, wo er vor den Augen der Beamten eine Stunde
lang Wheelies machen musste, bevor er als scheinbar geheilt entlassen wurde.
Obwohl auch in Kenan diese Mentalität lebendig ist, nach der über die Gültigkeit von Regeln erst im ultimativen Moment entschieden wird – was er bei einer Rundfahrt durch Adapazari eindrucksvoll unter Beweis stellte –, gelang es ihm prächtig, sich in die Ordnung zu fügen, die ihm in Deutschland auferlegt wurde. Das Motorrad für die Supersport-Saison 2003 sollte er erst bekommen, wenn er eine Fremdsprache gelernt hätte. Kenan büffelte in einer Woche 500 Worte Englisch, hatte die Maschine und war am Ende des Jahres Vizemeister. Die Beziehung zu Yamaha Deutschland, allen voran Sportchef Theo Hoffmann, bekam familiäre Züge: »Kenan schaffte es in seiner freundlichen Art, die Vorbehalte gegen Ausländer in der gesamten Belegschaft abzubauen – vom Präsidenten bis zum Hausmeister«, sagt Hoffmann. Und das nicht nur deshalb, weil Sofuoglu, an Wettbewerbs-Wochenenden fest angestellter Rennfahrer bei Yamaha Motor Deutschland, zwischen den Rennen Mitarbeiter zur besonderen Verwendung, sich für keinen Job zu schade war. O-Ringe sortieren, im Versand mit anpacken, Botengänge erledigen oder die Werkstatt ausfegen – ein Anruf genügte. Vom Camper hinter der Yamaha-Halle bis zum Einsatzort waren es ja immer nur ein paar Meter.
Vorbei, die Akte Sofuoglu/Yamaha Deutschland wurde im Zeichen gegenseitiger Beileidsbekundungen geschlossen. Kenans neue Anschrift wird in Holland sein. In der Saison 2006 startet er für
Ten-Kate-Honda in der Supersport-WM. Auch keine schlechte Adresse.

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