Porträt Kiyoshi Nishimura (Archivversion) Fliegen ist nicht schöner

In Deutschland hat Kiyoshi Nishimura seine Frau und die Autobahn gefunden. Kurzum: sein Glück.

Es gibt in Japan einen Verein, in den darf nur rein, wer mit seinem Motorrad garantiert 320 km/h schafft. So einer wie Kiyoshi Nishimura eben. Der sich in dem exklusiven Club freilich nicht ganz so exklusiv vorkommt. Weil er und seine Kawasaki ZZR 1400 die 320 nicht in und um Tokio, sondern auf der A 81 knacken. Zwischen Würzburg und Heilbronn, wo einem das nicht mal die Polizei verbieten kann. »In Japan dagegen«, Nishimura sagt’s und schüttelt den Kopf, »sind sogar auf Schnellstraßen nur 100 km/h erlaubt.«
Was nicht nur er überhaupt nicht versteht. »Da bauen die Japaner die stärksten und schnellsten Motorräder – und lassen sie nicht von der Leine.« So will es zu­mindest das Gesetz. An das sich, natürlich, nicht alle halten. »Um diese Leute, die 320-km/h-Szene, hat sich ein regelrechter Kult entwickelt. Sogar Comics, die Mangas, beschäftigen sich mit diesem Thema.« Und notabene auch die Polizei.
Der es hin und wieder sogar gelingt, ­einen dieser neuen Volkshelden zu schnappen. Geldstrafe? Sowieso. Und ein Aufenthalt hinter Gittern folgt obendrein. Ein paar Wochen auf jeden Fall, bei Wiederholungsrasern können es schon mal Monate sein. »Die sitzen ihre Strafe allerdings nicht in normalen Gefängnissen ab, so wie in Deutschland, zusammen mit Räubern und Betrügern. Für Verkehrssünder«, lobt Nishimura das heimatliche Vollzugssystem, »hat der Staat spezielle Anstalten gebaut.« Da lernt man nicht, wie man eine Bank überfällt oder, schlimmer noch, eine gründet, sondern, wie man Motoren schärfer macht.
»Je mehr Druck von oben kommt, desto größer wird die Leidenschaft«, analysiert Nishimura den prohibitionistischen Umgang Japans mit der Geschwindigkeit. »Die Sucht wird stärker, man kann einfach nicht aufhören.« Über 200 km/h sei er gefahren, damals vor 20 Jahren, mit einem Fuß immer schon halb im Knast. »Einmal hätten sie mich fast erwischt.«
Kiyoshi Nishimura kam freilich nicht der Autobahn wegen nach Deutschland. Er tat es aus Liebe. Weil er eine »verloren« hatte, sagt er, und sich fühlte, wie das in solchen Situationen wohl sein muss. Höchste Zeit, den deprimierten Kiyoshi auf andere, auf fröhlichere Gedanken zu bringen, dachte eine besorgte Schwester. Und lud ihn ein auf einen Trip nach Berlin, wo sie Musik studierte. Kaum in Tegel gelandet, wusste Nishimura: »Ich will, nein, ich muss in Europa bleiben.« Die beste Freundin seiner Schwester hatte den Besuch aus Japan am Flughafen begrüßt. Die ist jetzt seine Frau und Mutter einer Tochter.
»Ich hatte überhaupt keine Idee, was ich machen sollte«, erinnert sich Nishimura. »Klar war eigentlich nur, dass ich schnell Deutsch lernen musste.« Weil der Tourist aus Japan kein Visum für Deutschland besaß, zog’s ihn zunächst nach Österreich, nach Wien. Wo Nishimura sich in einen Deutschkurs einschrieb und, als sein ganz spezielles Lehrmittel, eine Suzuki Katana 750 zulegte. »Mit Motorradfahrern kommst du gleich ins Reden, und du verlierst die Hemmungen, dich in einer fremden Sprache auszu­drücken.« Der Treffpunkt als Konversa­tionsübung, die Motorradsaison als Praxissemester.
Fehlte eigentlich nur noch eine Möglichkeit, Geld zu verdienen. Das lag zwar nicht auf den Straßen und Gassen Wiens, flanierte aber gewissermaßen über selbige dahin. In Form japanischer Touristen nämlich. Die zwar leichthin vor die Klimts und Schieles im Belvedere oder die Breugels im Kunsthistorischen Museum kamen, nur selten jedoch an Karten für Oper, Burg­theater oder Musikverein. Dort hieß es meist »ausverkauft«. Bis Nishimura einfiel, dass es doch möglich sein müsste, den Ticketverkauf der Wiener Bühnen und Konzerthäuser mit den Buchungssystemen japanischer Reisebüros zu verbinden. Von da an konnten kulturbeflissene Freunde Wiens sich ihr Entree zu den Kulturtempeln bereits in der Heimat sichern. Nishimura gründete später seine eigene Firma mit nunmehr acht Beschäftigten in Düsseldorf, der Zentrale, und deren vier in Prag, einer florierenden Dependance.
Mit der Technik, die man heute IT nennt, hatte sich Nishimura bereits in Japan beschäftigt. Wenngleich es immer schon die klassischen Ingenieurswissenschaften waren, die ihn faszinierten. Was wiederum seinem Vater, einem wohl­habenden Geschäftsmann, gar nicht behagte. »Ingenieur – das sei ihm zu handwerkerhaft, sagte Vater immer. Er bestand darauf, dass ich Medizin studiere, Arzt werde. Ein Beruf, der nicht nur in Deutschland hohes Ansehen genießt.« Nach einem Semester war dann aber alles vorbei und Nishimura erlöst. Er konnte nämlich partout kein Blut sehen, brauchte, wenn der rote Saft floss, selbst einen Arzt und ergo ein neues Studienfach.
Vater hatte ihm auch untersagt, sich für so unfeine Dinge zu begeistern, wie Motorräder es nun mal sind in besseren Kreisen. Vergebens. »Die Lust, die Freude an der Dynamik, der Geschwindigkeit waren einfach zu groß.« Als Schüler stellte er seine 50er heimlich bei Freunden unter, als Student fuhr er dann nicht nur an der Uni, sondern sogar zu Hause auf Honda CB 750 vor. »Ich war volljährig, da konnte mir Vater das Motorrad nicht mehr nehmen.«
Seine Frau, Pianistin an der renommierten Staatsoper in Stuttgart, hat das gar nicht erst versucht. »Um den Preis«, erzählt Nishimura, »dass sie lange Zeit nicht schlafen konnte.« Was er nur zu genau wusste. Nachts, frühmorgens auf der Autobahn. Was er ebenso genau wusste: Dass er schlicht nicht anders kann, dass er süchtig ist, süchtig nach Speed. Und er sein schlech­tes Gewissen eben deshalb ver­drän­gen muss. Zumindest vor und während der Jagd auf die 320 km/h. Weil seine Frau sonst noch mehr Grund hätte, wach zu liegen.
»Man kann das Risiko nicht ausschließen, aber es lässt sich minimieren«, philosophiert Nishimura. Indem er zunächst seine Maschine penibel kontrolliert – Luftdruck, Kette, »die muss bei diesem Tempo immer ausreichend Öl haben« – und alsdann, noch wichtiger, sich selbst. »Wenn ich nicht gut drauf bin, nicht fit bin, starte ich gar nicht erst.« Und falls ihn solche negative Stimmungen unterwegs überkommen, bricht er sofort ab. Konsequent. Sobald Nishimura auf den Reiz zu sprechen kommt, den Thrill, der ihn packt bei 320 km/h, schnellt sein oft fantasievolles, von Metaphern und ins Deutsche übertragenen japanischen Redewendungen geprägtes Sprechen ins karg Lapidare. »Es ist das Gefühl zu fliegen«, sagt er. »Und um das zu empfinden, braucht man bestimmte Geschwindigkeiten.« 300 km/h reichen da nicht aus. »Da kann ich noch die Musik aus meinem iPod hören.« Japanischen Pop.
Er ist sich sicher, die stärkste ZZR 1400 in Deutschland zu besitzen, mit einem speziellen Mapping des DZT Tuning Centers und den daraus resultierenden 191 PS. Wenn er dann noch den Subcomputer zur Optimierung des Benzin/Luft-Gemischs aktiviere, seien 200 PS garantiert im mechanisch unveränderten Vierzylinder drin.
An der A 63 hat er unlängst zufällig Yuji Horiuchi getroffen, der dort ebenfalls heftig an der Kurbel zog. Aus beruflichen Gründen. Horiuchi arbeitet als Chefentwickler für Kawasaki, hat ZX-6R, ZX-10R, Z 1000, ZZR 1400 und 1400 GTR maßgeblich bestimmt. »Ich hatte mit der ZZR 1400 immer wieder das Erlebnis, legal auf einer öffentlichen Straße 300 km/h zu fahren. Wie sehr ich die deutschen Fahrer doch um dieses optimale Umfeld beneide!« geriet Horiuchi ins Schwärmen. Während eines Japan­besuchs hat Nishimura den Ingenieur in Akashi, dem Sitz des Kawasaki-Konzerns, besucht. Welche Zielgruppe die ZZR 1400 denn ansprechen solle, wollte Nishimura wissen. »Da gehe ich von mir aus«, ant­wortete Horiuchi, »und stelle mir einen Mann über 40 vor, der morgens früh aufsteht, um eine kurze Tour über die Autobahn zu machen, ohne Frau und Kinder zu wecken, und dann pünktlich zum Familienfrühstück wieder zu Hause ist.« Ein Motorrad, wie von Horiuchi speziell für Nishimura gemacht. Der seine ZZR tatsächlich ausschließlich auf der Autobahn, der A 81 bewegt.
Für andere Strecken nutzt der Unternehmer andere Motorräder. Anlässlich sporadischer Exkursionen in die Alpen oder ins schwäbische Umland fasst er Kawasakis GTR 1000, 1400 GTR oder GPZ 900 aus. Für den Klassiker hat er sich vor Jahren schon einen zweiten Motor besorgt. Was die schöne Konsequenz hat, dass er jederzeit an einem schrauben kann. Eigentlich sei er gar kein Raser, sagt Nishi­mura. »Null Punkte in Flensburg.« Da gebe es diese Obsession, zugegeben, aber das sei eben nur ein Aspekt seines Motorrad­lebens.
Das findet größtenteils in der Garage statt. Wo ein Mann, der nicht Ingenieur, nicht Maschinenbauer werden durfte, die neue, die digitale Technik, die er erfolgreich managt, für ein paar Stunden vergisst. Nebenbei arbeitet Nishimura als Journalist. Für japanische Tageszeitungen berichtet er regelmäßig über den deutschen IT-Markt. Seit kurzem schreibt er auch für »Motor­cyclist«, das traditionsreichste japanische Motorradmagazin. In seinem ersten Artikel geht es, versteht sich, um die Autobahn.

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