Porträt Lutz Ackermann (Archivversion) Heavy Metal

Lutz arbeitet mit Schrott. Schrott, den er in Form bringt. Den er verkauft, als Kunst am Bau. Oder rumstehen lässt. In seinem Skulpturenpark. Dass dieses grandiose Gesamtkunstwerk einst mit Bikerpartys begann, versteht sich fast von selbst. Oder?

Damals, als es uncool war, Motorrad zu fahren, in den Sechzigern, saß
an den Stammtischen fast immer ein ver-
welktes Alterchen rum, das aufblühte über seinem Trollinger, wenn da einer kam
wie der Lutz. Einer, der sich interessierte für die alten Geschichten von den alten
Motorrädern, die sie, die gestandenen Fahrensmänner, zu erzählen wussten. Von
Horex, NSU, Wanderer, BMW. Und einmal schwärmte einer sogar von Neumann-
Neander. Nicht glauben wollte der, dass ein Jungspund ein so altes Motorrad kennt, bot Lutz darob eine Wette an. Worauf der zum Kugelschreiber griff und die Neander dermaßen akkurat zu Serviette brachte, dass ihm der Alte nicht nur das Bier, sondern die Neander schenkte. Auf dass zu neuem Leben er sie erwecke.
Was Lutz dann auch treulich tat. Nicht nur mit diesem raren Stück. »An die 40 Maschinen werden’s wohl gewesen sein. Wenn ich eine zum Laufen gebracht hatte, fuhr ich sie eine Weile, dann wurde
sie verkloppt.« Die Neander freilich – »ein wahres Schmuckstück« –, die hielt Lutz sich länger. Lutz, der in den Sechzigern seinen Lebensunterhalt hauptsächlich damit verdiente, dass er vertrackte tech-
nische Zeichnungen anfertigte, auch für die Motorradindustrie, für Maico, Kreidler, BMW und »Das MOTORRAD«.
Verkauft hat er die Neander, die er sich mit diesem Talent erstrichelte, schließlich doch. »Für ein Nasenwasser. Könnte mich heute noch in den Hintern beißen.« Damals, 1968, brauchte er das Geld. Dringend. Für eine Harley, die hier so gut wie keiner fuhr. »Im Großraum Stuttgart waren wir zu dritt.« Zuerst kam eine Seitengesteuerte in Gelb, dann E-Glide in Blau. Die besaß Lutz noch, als er, 1972 war’s, auf
einem stillen Örtchen saß und das örtliche Anzeigenblatt las. »Bahnwärterhäuschen bei Herrenberg, als Wohnsitz oder Wochenendhaus geeignet, 30000 Mark.« Als Undine, seine Frau, von ihrem Dienst im Krankenhaus zurückkam und ihn fragte, was es denn so Neues gebe, hat er gesagt. »Ab heute haben wir ein Häusle.« »Du machst Witze.« »Nein.« »Ich kann’s nicht glauben, aber wenn ich’s denn glauben wollte: Wie sieht es dann aus?« »Weiß nicht, ich habe es noch nicht gesehen.«

Lutz hatte blind geordert, sehenden Auges am Telefon. Nach der Entscheidung für Undine war es wohl die wichtigste seines Lebens. Und eine, die nicht nur in die Kunstgeschichte des Landes Baden-Württemberg eingehen dürfte, selbst wenn das Land davon noch nichts weiß.
Denn rings um das Bahnwärterhäuschen an der Fernstrecke von Stuttgart nach Zürich hat der 63-Jährige ein grandioses Gesamtkunstwerk geschaffen. Weil es schon immer sein Traum war, mit einem Lkw ins Atelier zu fahren und dort per
Kran sein Material, seinen Schrott abzu-
laden, hat er sich ein ebenso illustres
wie geräumiges Gebäude hingestellt. Aus Ziegelsteinen, Glas und, natürlich, Schrott. Historischem Schrott, Schrott aus Industriearchitektur der Gründerzeit. »Gründerzeit ist Eisenzeit«, sagt Lutz. In dieser Epoche und der ihr nachfolgenden wilhelminischen Protz- und Prunkära, von 1875 bis 1914, baute man Bahnhöfe, die an
Kathedralen erinnerten, und Fabriken, die an Burgen denken ließen mit ihren Türmchen, Zinnen, verschnörkelten Eisenfens-
tern und sonstigem Firlefanz im Stil von Spätgotik, Renaissance oder gar Barock.

Wenn wieder mal eines dieser Gebäude die Ewigkeit, für die sie
gedacht waren, verfehlt hatte, war Lutz
zur Stelle. Um Teile für seinen Arbeitsplatz
zu ersteigern, sein Atelier, das so filigran anmutet, dass es Herkunft und Schwere seiner Bestandteile vergessen lässt.
Eine Wendeltreppe aus Stahl führt in das Obergeschoss und zum Lieblingsplatz von Lutz, einer Kemenate mit einem Drehsessel drin und einer Aussicht sondergleichen. Am Horizont der Schönbuch, ein hügeliges Waldgebiet südlich des Industriegürtels um Stuttgart, links die alte, einst verhutzelte Unterkunft des Bahnwärters, die Lutz in ein Traumhaus verwandelt hat. Von einem Anbau – aus Glas und Metall, versteht sich – führt der Weg in einen
auf ein Podest gestellten Schienenbus, in dem sich Bad, Sauna und ein Arbeitsraum verbergen. Zwischen diesem stillgelegten Gefährt mit Fußbodenheizung und dem Atelier erhebt sich eine Riesenskulptur auf Basis eines, so sieht es aus, Förderturms, an dem sich mannigfache Teile bewegen. Die produzieren Strom, und die Solarzellen sowieso. Lutz nennt das Ensemble »Kunst-Kraft-Werk«. Rechts des Ausgucks hat der Meister eine Drehscheibe für Lokomotiven aus der Horizontalen in die Vertikale gestemmt, und dort, wo sein Gelände zu Ende geht, steht ein brillant verzwirbelter Bogen aus Metall, an dem eine Glocke hängt – im Zwielicht des Sonnenuntergangs eine geradezu Caspar-David-Fried-
richsche Komposition.
Um alle Skulpturen, alle Finessen der Konstruktion von Atelier und gewesenem Bahnwärterhaus zu zeigen und zu beschreiben, bräuchte es einen umfang-
reichen Katalog. 200 Seiten müsste der haben, unbedingt. Und darin müsste auch zu lesen sein, nach welchen Prinzipien Lutz mit seinem Schrott umgeht. Mit seinen Röhren zum Beispiel. Die sägt er ab, schief, mit Zacken dran, stellt sie auf einen Sockel, und fertig ist sie, die postmoderne Säule im klassizistischen Palladio-Look.
Bildhauerei hat Lutz nicht auf der
Akademie in Stuttgart gelernt. Dort hat er es nur drei Tage ausgehalten. »Was in der Meisterklasse abging, kam mir dilettantisch vor.« Denn eigentlich, sagt er, »war ich schon Bildhauer, bevor ich auf die
Akademie ging«. Karosseriebauer nämlich. Diesen Beruf hat er gelernt, beim Daimler in Sindelfingen. Dort haben sie ihn gleich
in den Versuch gesteckt. Wo er Karossen für Prototypen dengelte. Nach der Lehre debütierte er in der »Stilistik«, heute heißt das Design. Zwei Jahre hielt er durch, »mit sechs Uhr aufstehen, geregeltem Tages-
ablauf. Obwohl ich verdammt viel gelernt habe, die ganze Formensprache, die Techniken der Bildhauerei«, schmiss er hin. »Der Gedanke, den Job noch jahrelang zu machen, erschien mir unerträglich.«
Da auch die Akademie nicht sein Ding war, klopfte er bei Siegfried Werner an. »Der war der berühmteste Zeichner im Auto- und Motorradbereich.« Lutz legte ihm einige seiner Arbeiten vor, war sofort engagiert. Und nach dem Erwerb des Bahnwärterhäuschens konnte er endlich an die großen Dinger ran. »Doch angefangen hat es eigentlich mit Motorradpartys«, lacht Undine. »Weißt du noch, wie damals alle Freunde am Wochenende zu uns raus-
gefahren sind aufs Land.« Bevor es richtig viel Bier gab und Lagerfeuer, packten sie alle mit an.
Dass der Lutz schafft wie ein Ver-
rückter, hat sogar den Einheimischen,
den Schwaben imponiert. Man respektiert sich, mittlerweile. Schüttelt aber immer noch den Kopf über den versponnenen
Alten, der bis auf den heutigen Tag die Landschaft verschandelt, meinen sie, und penetrant Motorrad fährt. Das wiederum, eine gechoppte Suzuki LS 650, sein
»Altersvehikel«, hat er mit einem Grätenfisch geziert, um all die Pietisten um sich herum, die den Christenfisch spazieren fahren, ein klein wenig zu ärgern.

Unlängst hat Lutz eine Stiftung gegründet. Damit die ganze Anlage so bleibt, wie sie ist. Wenn er einmal nicht mehr ist. Und dass jetzt schon junge Künstler zusammen mit ihm auf dem Gelände arbeiten können. Unter 50000 Euro Kapital geht bei einer solchen Stiftung nichts. Und 50000 Euro besitzt der Lutz natürlich nicht, weil er fast alles, was er bei seinen Aufträgen für Gemeinden oder die Industrie, für Kunst am Bau eben, verdient, in seinen Park investiert. Da rief er in seiner Not einen Biker-Kumpel an, einen wohl-
betuchten Menschen, den Christoph Hille-
brand, der mit Weinlogistik richtig Geld verdient. »Der hat sofort geholfen.« Was den Pavillon angeht, in dem die Gastkünstler wohnen sollen, hilft Lutz sich wieder mal selbst. Einen Plan hat er nämlich schon. www.lutz-ackermann.de

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