Porträt Marco Melandri (Archivversion) Marco-Kosmos

Die große Welt von Marco Melandri hat viele Facetten: Kicken und Crossen, den Diskjockey machen, als Italiener in England leben. 2006 ergänzt ein neuer Mosaikstein sein Bild: Er gilt als härtester Herausforderer von MotoGP-Superstar Valentino Rossi.

Ausgerechnet »Maciò« nennen sie ihn in Italien. Dabei ist der MotoGP-
Pilot Marco Melandri ein liebenswürdiger
Twen ohne jegliche Starallüren und ganz
bestimmt kein Macho-Typ. »Der Spitz-
name stammt aus der Kindheit«, erklärt
er lachend. In der Mietskaserne an der
Peripherie von Ravenna, wo er aufwuchs,
wollte er immer mit den Größeren spielen. »Deshalb haben die mich ,maciolino’ ge-
rufen, also kleiner Macho. Und das ist
mir einfach geblieben.«
Bis heute staunt der 23-Jährige aufrichtig über seine steile Grand-Prix-Kar-
riere. »Motorrad fahren war für mich als Kind das höchste Vergnügen. Ich hätte nie gedacht, dass ich damit mal Geld ver-
dienen kann.« Und zwar nicht zu knapp, 2006 dürfte Melandri rund vier Millionen Dollar einstreichen. Dabei lief es nach seinem Aufstieg in die Königsklasse im Jahr 2003 zunächst nicht gut. Yamaha hatte ihn engagiert, doch Stürze und Verletzungen ließen Melandri im hinteren Mittelfeld verharren. Die italienische Presse sparte nicht mit Kritik, riet zur Rückkehr in die 250er-Klasse. »Ich war am Boden zerstört und fuhr immer schlechter.”
Nach der Saison 2004 setzte er alles auf eine Karte: auf Honda. »Die RC 211 V lässt sich meiner Meinung nach am besten beherrschen«, begründet er seinen Entschluss. »Gerade für einen jungen Piloten wie mich ist das wichtig.« Angebote von Yamaha und Ducati schlug der Italiener
aus und wäre mit dieser riskanten Strategie
beinahe ohne Engagement geblieben, denn Honda wollte eigentlich den Spanier Daniel Pedrosa. Erst als der absagte, bekam Melandri einen Platz im Team von Fausto Gresini. »Das waren Tage und Nächte
zwischen Hoffen und Bangen«, erinnert er sich schaudernd. Doch es ging gut.
Das neue Team baute ihn langsam auf, und es gelang Melandri endlich, den selbst auferlegten Erfolgszwang etwas abzu-
bauen. »Früher war ich regelrecht panisch, nicht hinterherzukommen. Dann habe ich Fehler gemacht und bin abgeflogen.« Zwar kommen spektakuläre Stürze wie beim Regenrennen in Donington noch vor, inzwischen überwiegen indessen die Erfolge. Nach seinem Triumph bei den beiden letzten Rennen 2005 beförderten ihn die italienischen Medien flugs zum »Rossi-Schreck«. »Alles Quatsch«, winkt Melandri grinsend ab. »Klar gilt es, ihn zu schlagen. Aber wegen zwei Rennen wird er sich jetzt nicht gleich vor einem Nachwuchsmann fürchten, der erste Erfolge feiert.«
Wie viele seiner Kollegen stammt Melandri aus einfachen Verhältnissen. Seine Mutter starb, als er gerade vier war, sein Vater, selbst ein eher mäßig erfolgreicher 125er-Pilot, erwartete viel vom Sprössling und setzte ihn bereits als Vierjährigen
auf einen Mini-Crosser. Mit zehn gewann er die italienische Mini-Motorrad-Meisterschaft, danach war Schicht: »Wir hatten absolut kein Geld, um das Ganze professionell voranzutreiben.« Das klappte erst, als ihn der Ex-Rennfahrer Loris Reggiani förderte. »Sonst wäre ich nie Rennfah-
rer geworden.« Sondern? »Ehrlich gesagt:
keine Ahnung. Alles ging so schnell, ich bin gar nicht zum Überlegen gekommen. Ich war ja schon mit 14 Jahren im Grand-Prix-Zirkus.«
An den Start geht Melandri stets mit der Nummer 33. »Wenn man die um 90 Grad nach links dreht, entsteht ein dop-
peltes M – meine Initialen.« Als moralische Stütze begleitet ihn sein Sandkasten-Freund Eddy zu allen Rennen. Oder auch zum Cross-Training bei Porcentico, unweit von Ravenna. Dort stürzt sich Melandri
an manchen Wochenenden auf eine anspruchsvolle Piste mit zahlreichen Sprunghügeln und Steilstücken. »Krafttraining ist gut und schön, aber Cross ist besser«, meint er. »Denn da trainiert man nicht nur den Körper, sondern auch die Reaktionen.« Oft reicht die Zeit allerdings nicht
für solche Ausflüge nach Italien. Seinen Wohnsitz hat das Ausnahme-Talent nämlich in England. »Ich wollte besser Englisch lernen, weil ich ja immer mit Japanern
arbeite«, sagt er. Nach zwei Jahren London lebt er nun in Derby nahe der Rennstrecke Donington. »Englisch kann ich jetzt ganz gut, und Crossen gehe ich dort auch.«
Dennoch fehlen ihm Ravenna, seine
ältere Schwester Maura und seine italienischen Freunde. Und besonders die Freundinnen. »Eigentlich fahre ich nur wegen
der Frauen so schnell. Die würden mich
doch sonst glatt übersehen«, feixt der 1,66 Meter kleine Italiener. »Aber zwei gewonnene Rennen machen mich gleich deutlich größer und schöner, oder?“

Artikel teilen

Aktuelle Gebrauchtangebote