Porträt Michael Gaedt (Archivversion) Irre sinnig

Mit der Kleinen Tierschau ist Michael Gaedt einer der dienstältesten und besten deutschen Comedians. Aber der Mann hat nicht nur eine Menge Humor, sondern auch eine Menge Motorräder.

MV– ich sammle MV. Und wenn ich genügend zusammenhabe, gebe ich einen MV-Kalender heraus, mit den schönsten Motiven.« Die hängen zum Teil schon in seinem Büro. Zwischen Angela Merkel, Alice Schwarzer, Blacky Fuchsberger und Uschi Glas, alle adrett gerahmt, taucht immer wieder MV auf. Mal mit Krawatte, mal mit einem Glas Rotwein, aber immer mit diesem maskenhaften Grinsen im sonnenbankbraunen Gesicht.
So steht er da, der Ex-Minister, der Ex-VfB-Präsident und kürzlich wieder gewählte erste Mann des deutschen Kickerwesens, der Herr Mayer-Vorfelder, neben den sich Gaedt ins Bild drückt. Eine Obsession?
Ein Hobby eher. Denn wer ist von Mayer-
Vorfelder schon besessen? Seine Frau, vielleicht, und Franz Beckenbauer. Gaedt sicher nicht, von Maschinen ist er besessen, von Motorrädern vor allem. Weil die ihm am meisten sagen. Und was sie ihm sagen, gibt er wieder, mit dem ganzen Körper redend, über seine Triumph BDG 250 etwa: »Das schönste und geilste Motorrad für mich. Es stimmt nicht, dass Motorräder erst ab einem bestimmten Hubraum sinnlich werden. Die Charakteristik von dem Doppelkolben-Zweitakter ist eine Sensation. Nur 10,2 PS, aber Drehmoment.« Dann breitet er die Arme aus, reißt die Augen auf und schreit »woooaaaahhhh!«
Vor seiner Yamaha R5, »die letzte Schlitzgesteuerte«, schwärmt Gaedt von einer »wunderschönen Patina« und einer hübschen Anekdote. »Zur Spontizeit, Anfang der Achtziger, gab’s in Tübingen ein Mädel, Tamara. Die kam in den Knast, weil sie sich in Anarchokreisen bewegt hat.
Wir von der Kleinen Tierschau haben auf
einem Solidaritätskonzert für sie gespielt. Als ich Jahre später meine R5 gekauft habe, stelle ich fest, die hat Tamara gehört. Ich habe die Frau nie kennen gelernt. Aber das war ihr Motorrad.«
Ungefähr zur selben Zeit hat Alfred Biolek die Kleine Tierschau gehört, en passant, und sie von der Straße geholt. Dort gaben Michael Gaedt und seine zwei
Mittäter eine Mixtur aus Kabarett und
Rock ’n’ Roll zum Besten. Seitdem touren sie durch die Republik, 150 Tage im Jahr.
Sogar in den Charts waren sie mal, mit »Lieber doof sein, als Gabi heißen«.
Zurück von einer Tournee, zurück in Stuttgart, hocke er sich gerne vor seine »Motorrädle«. Er sagt tatsächlich Motorrädle, wie er auch sonst schwäbisch schwätzt. Und wenn er dann so da hockt, lässt er sich halt wieder Geschichten erzählen. Geschichten von den Maschinen und Geschichten, die Teil seiner eigenen Geschichte sind. Während er mit den Fingern einen flotten Rhythmus auf den Tank seiner Norton SS 88 klopft, erinnert
er sich: »Als Schüler habe ich beim Wüst
in Heuchlingen geschraubt, damals der Triumph- und Norton-Importeur. Wenn wir eine 850 Commando aus der Kiste geholt haben, kramten wir als Erstes einen Inbusschlüssel und einen Zettel aus dem Bordwerkzeug. Auf dem Zettel stand, wie man den Schlüssel abzusägen hatte, damit er passte. Irre, oder?«
Sägen lassen, das schien damals eine Devise der englischen Motorradindustrie zu sein, auch am eigenen Stuhl. »Unfassbar, das hältste im Kopf nicht aus. Die haben sogar Triumph Tiger geliefert, bei denen der Vergaser-O-Ring nicht benzinfest war.« Was nichts daran ändert, dass Gaedt sich bis heute als Freund englischer Ingenieurskunst versteht. Obwohl er im All-
tag Harley-Davidson E-Glide fährt. »Nicht zum Spaß und erst recht nicht zu albernen Treffen oder sonntags in den Schwarzwald. Aber es macht mir Spaß zu fahren. Weil es irrsinnig Sinn macht. Ich sitze
jeden Tag auf dem Motorrad, fahre damit meine Tochter zur Schule und zur Ballettstunde. Das ist für mich ein Gebrauchs-
gegenstand, aber es ist kein profaner Gegenstand.«
Das war das Motorrad auch damals nicht, als er, Teenager noch, stets zusammen mit seinem Bruder loszog, um die Maschinen aus Scheunen, Schuppen und von Schrottplätzen zu ziehen. »Die Kisten wieder flott zu kriegen war so ein Initialisierungsritus, das hat dich reingebracht in den erlauchten Kreis der Wissenden.«
Doch wer kann schon alles wissen. Als Gaedt – im Alter von 21 – endlich seine Mittlere Reife hatte, haute er ab nach Kanada. Dort hat er auf dem Fischmarkt gejobbt. Morgens um vier haben sie ihm den Kabeljau vor die Füße gekippt. »Du bist da gestanden und machst dem Fisch den Kopf ab und den Bauch auf.« Weil das nicht der Auftritt ist, von dem jemand träumt, der bereits Bühne und Show im Kopf hat, ist er die Ostküste entlang-
gereist bis runter nach Florida, wo er in Palm Beach auf Privatyachten angeheuert hat. »Ein Kuhkaff mit sechs Rolls-Royce-Händlern, den Kennedys, den Vanderbilts und Sly Stallone. Leben kannst du da nicht. Weil es eine künstliche Welt ist.«
Also zurück nach Schwaben, was Richtiges gelernt. Steinmetz. Keine Kunst – »habe ich anderen überlassen« –, nur Grabsteine. Drei Jahre lang Grabsteine. Und Kleine Tierschau, um das Lehrlingssalär aufzubessern. Weil ja die Motorräder, sogar wenn man selbst schraubt, nicht umsonst zu haben sind. »Neue Maschinen hatte ich nie. Basteln gehörte immer dazu.« Das ist sein Ding, auch bei der
Tierschau. Für deren Auftritte er die abstrusesten Gerätschaften sich erdenkt
und baut. Momentan schafft er an einer
Schubkarre mit 400er-Honda-Zweizylinder. Die wird demnächst Dragster-Qualitäten beweisen müssen, wenn sie antritt gegen einen Rasenmäher und einen Staubsauger, natürlich ebenfalls schwer modifiziert. Wie die Kettensäge mit Zweimeterblatt. »Das muss die Länge haben, unbedingt, sonst könnten wir nicht g’scheit Limbo drunter durch tanzen.«
So irre diese Bühnenattraktionen anmuten – man stelle sich das vor: ein
Autoscooter mit V6-Motor –, so akkurat sind sie konstruiert und bis ins Detail
ausgeführt. Alle im besten Zustand und
zu Demonstrationszwecken – »komm, setz dich mal auf die Turbanwickelmaschine« – sofort einsatzbereit. Genau wie seine 18 Motorräder und Roller, von der 50er-Vespa bis zum Norton Café Racer. Zum großen Teil hat er die im ersten Stock eines Hinterhauses im Stuttgarter Süden stehen.
Wobei stehen nicht ganz stimmt. Er
hat sie inszeniert. An den Wänden hängen unzählige Heiligenbilder in güldenen Kitschrahmen aus echtem Plastik, wobei sich Gaedt den Scherz erlaubt, ein holzge-
rahmtes Original aus dem 19. Jahrhundert dazwischenzuschmuggeln. Die Fenster gesäumt von pinkfarbenen Gazegardinen, der Fliesenboden belegt mit Orient-
teppichen aus der Fabrik, das Mobiliar ein Potpourri aus Bierbänken, barocken Sofas sowie geblümten und blumigen Polstersesseln. Bunt wie Bollywood, das Ganze, Bollywood – das indische Hollywood. »Die wichtigste Inspirationsquelle für unsere Show ‚Import-Export’«, sagt Gaedt. »Wir haben einen indischen MTV-Clip gesehen. Die engagieren lieber 500 Statisten, die real eine Choreographie tanzen, keinen Programmierer.«
Eine Arbeitsweise, die Gaedt imponiert. Und die er ebenfalls an seinen Motor-
rädern ablesen kann. »Am Schutzblech der Triumph Boss siehst du, dass das Ding durch 50 Hände gegangen ist. Da ist ein Rundstahl am Eck eingerollt, um die Kante zu verstärken, da sind Feilstriche dran, die siehst du an keiner aktuellen Maschine mehr.« So liest er aus der Ästhetik von Konstruktion und Verarbeitung etwas wie einen Geist der Zeit, einen Geist, der ihn anregt, dem er nachgeht, dem er indes nicht nachtrauert. »Ein Bic-Kugelschreiber ist ebenso reizvoll wie ein Montblanc-Meisterstück, und würde ich in Bollywood arbeiten, würde ich sagen, ist doch auch schön, dieser kalte Maschinenstahl der Fireblade.« Oder hätte er lieber sagen
sollen: der MV?

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