Porträt Oosawa Harutaka (Archivversion) Schreine und Schräglage

Shinto gilt als japanische Urreligion. Und Shinto bezeichnet den Weg der Götter. Oosawa Harutaka folgt diesem Weg. Als Priester und auf dem Motorrad. Je nach Laune wählt er zwischen seiner Honda XR 250, CB 750 oder Suzuki Hayabusa.

Es kam gleich dreierlei zusammen: »Die Großeltern starben, die Familie hatte deshalb einen Haufen Steuern zu zahlen, und der Nachwuchs musste sich für eine berufliche Laufbahn entscheiden«,
erzählt Oosawa Harutaka, immer wieder vom Englischen ins Französische wechselnd. »Wir verkauften Land. Von dem Geld hat mein Bruder
ein Restaurant in Tokio eröffnet, meine Schwester lernte die Akupunktur, und ich kam gerade frisch von der Universität, wo ich einen Abschluss
in Wirtschaft gemacht hatte, mit dem ich nicht recht was anzufangen wusste. Mein Vater redete etwas von Zukunft und Karriere und was ich machen wolle. Ich antwortete ihm: Paris-Dakar fahren.«
Seit seiner Kindheit hat ihn dieser Wunsch begleitet, der Wunsch, eine Maschine durch die Wüste zu prügeln. Und wenn nicht das, dann zumindest Motorrad fahren. Harutaka fuhr. Auf Honda Dax und Monkey im Garten des Familientempels. »Was sollte ich machen. Ich musste mich an die Regeln halten, und die Regel war, dass japanische Hochschulen
zu dieser Zeit ihren Studenten nicht gestatteten, den Führerschein zu
machen oder eine eigene Maschine zu besitzen.«
Auch Vater Harutaka war von den Rallye-Plänen seines Sohnes nur wenig angetan. Er schlug stattdessen vor, Oosawa solle sein Heil nicht in der Wüste suchen, sondern in der Glaubensform des Shinto oder Shintoismus, der traditionellen japanischen Religion, zu der sich weit über
drei Viertel der Japaner bekennen. Oosawa folgte dem väterlichen Rat, studierte Geschichte, Kultur und Praktiken des Shinto und wurde Priester. Aber wer sagt, dass ein Priester nicht auch Motorradfahrer sein kann?
Der Fahrprüfer. 17 Mal in drei Monaten sagte er es zu Oosawa.
Nein, meinte er, das reicht nicht, nicht bestanden. Erst beim 18. Versuch schaffte es der Geistliche durch die Prüfung für den unbegrenzten Führerschein, in Japan eine wirklich harte Nuss. »Es war irre schwer, die Prüfer gnadenlos. Sie haben mir für die kleinste Verfehlung einen reingewürgt – beim Anhalten zu spät den Fuß rausgestellt, durchgefallen, Schulterblick vergessen, durchgefallen, bremsen mit zwei Fingern statt der ganzen Hand am Hebel, durchgefallen.« Das eigentliche Fahren sei gar nicht das Problem gewesen, aber diese ganzen Regeln und Vorschriften, meint Oosawa, die hätten ihm arg zu schaffen gemacht. »Ich habe sie nur aus einem Buch gelernt, nicht in einem theoretischen Unterricht. Umso glücklicher war ich, als ich schließlich doch bestanden hatte. Es fühlte sich an, als wäre ich Motorrad-Weltmeister geworden.«

War er aber nicht. Priester, das war er, und zwar
für einen Schrein in Tochigi, einer Provinz nördlich von Tokio. »Vier Jahre bin ich jeden Morgen dorthin gefahren, zum religiösen Ritual auf einer Kawasaki ZX-9R, kein schlechter Arbeitsweg, denn er führte durch die Berge von Ohira«, erzählt Oosawa. Trotzdem wurde ihm die Sache irgendwann zu viel, und er nahm sich im Sommer 1999 vier Monate Auszeit, um sich auf einen Trip nach Frankreich zu machen, wo ein Teil seiner Familie lebt.
»Ich kaufte mir eigens für die Reise eine Suzuki SV 650, die Maschine, die mein Onkel in Paris haben wollte, machte die Verschiffung klar und mich auf den Weg. Das war
am 11. August.« An das Datum erinnert er sich ganz genau, denn »wir hatten an diesem Tag eine Sonnenfinsternis, und der spanische Couturier Paco Rabanne hatte angekündigt, es würde der Tag des Weltuntergangs sein«. Doch es war nicht mehr – und nicht weniger – als der Tag, an dem Oosawa sich zu seiner bis dahin größten Motorradreise aufmachte: kreuz und quer durch ganz Frankreich, anschließend eine Runde Italien, die Schweizer Alpen und retour an die Seine. 4000 Kilometer in zwei Wochen.

Am stärksten sind ihm von der Tour indes nicht die Sehenswürdigkeiten von Eiffelturm über Kolosseum bis hin zu Mont Blanc oder Mona Lisa im Gedächtnis haften geblieben. Es sind die Begegnungen, die sich ergaben. »Die Freundlichkeit der Motorradfahrer, die Hilfsbereitschaft ist umwerfend«, findet er. »Einmal, es war in Genua, nein Pisa, da hatte ich mich auf der Suche nach dem Hotel total verhaspelt. Ich fragte nach dem Weg, und der Typ, den ich angesprochen hatte, setzte sich
auf sein Motorrad und brachte mich hin, eine halbe Stunde durch den Stadtverkehr. Ein andermal wählte sich eine Frau quer durchs Telefonbuch, um eine Adresse für mich zu finden, einfach so. Sie machte das gerne. Ich finde das bemerkenswert.«
In der Regel führen Oosawa Harutakas Trips nicht ganz so weit,
klar. »In Kyoto war ich letzthin mal, okay, aber besser war es in Motegi, wo ich meine Hayabusa halt mal richtig laufen lassen konnte, und in Tsukuba.« Dort befindet sich ebenfalls eine Rennstrecke, die den Hayabusa-Fahrer Oosawa interessiert, doch Tsukuba ist auch für den Shinto-Priester Oosawa spannend. »Auf dem gleichnamigen Berg in der Nähe der Stadt gibt es einen Shinto-Schrein in Form einer Kröte. Es ist einer der bekanntesten und wichtigsten Schreine Japans.«
Stellt sich also nur die Frage nach der Reihenfolge: erst Kurs,
dann Kontemplation oder erst Gebet, dann Gas? »Spielt eigentlich keine maßgebliche Rolle, ich wüsste nicht, was an erster Stelle steht. Es passt so gut zusammen. Mein Vater wollte, dass ich Priester werde. Ich wollte Motorrad fahren. Ich mache beides.“

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