Porträt Paula und Norbert Pirone (Archivversion) Ruinöse Geschäfte

Wer sich im Weserbergland müde gefahren hat, findet seit über 30 Jahren beim Ehepaar Pirone eine exklusive Bleibe: Mehrere Sanierungsfälle verwandelten Paula und Norbert in stilvolle Gasthäuser für Motorradfahrer.

Erhöhte Lage, mächtiger Turm – seit fast 700 Jahren thront die Tonenburg überm Weserbogen bei Höxter-Albaxen. Beherrschend, wie Burgen das zu tun pflegen. Wurden ja nicht gebaut, damit unser-
eins »Oh, wie romantisch« juchzen kann. Sondern um abzuwehren. Doch wer heute von der nahen B 64 auf den Hof fährt, muss die einsame Kanone neben dem Haupthaus nicht fürchten, den empfängt aufgeräumte Gastlichkeit. Die Rezeption ist im Turm, Eingang durch die wappengeschmückte Doppeltür. Welche, wie Burgfrau Paula Pirone zu berichten weiß, erst in die meterdicken Wände gekloppt wurde, als die Burg ihren eigentlichen Zweck verlor, nämlich Vorposten fürs reiche Kloster Corvey zu spielen. »Um Angriffe zu erschweren, musste man anfangs über Leitern in den Turm klettern.«
Der Lauf der Zeit: Zuerst in kirch-
lichem, dann adeligem Besitz, dient die Tonenburg heute bürgerlichem Plaisir. Aber nicht First-Class-Wellness, Schickimicki und Trallala erfüllen das exquisite Anwesen, sondern Benzingespräche, Mehrbettzimmer, rustikale Küche. Auf dem Parkplatz bunt gemischt Honda, Ducati, Harley, Yamaha, BMW. Die Tonenburg ist ein Gasthaus für Motorradfahrer. »Und deshalb haben wir sie auch gekauft«, wehrt sich Norbert Pirone gegen jeden Verdacht, als Burgherr womöglich eigene Eitelkeiten pflegen zu wollen. »Motorradfahrer sind nun mal ein wenig romantisch, das hier« – Pirones Arm beschreibt einen Bogen von der alten Brennerei über Scheuer, Ackerhaus und Turm bis hin zur Campingwiese – »spricht sie an. Und leicht zu finden ist es auch.« Stimmt: Im Kurvenrevier links und rechts der Weser, den Nordlichtern so heilig wie den Süddeutschen ihr Schwarzwald, weist ungefähr jedes zweite Wegschild nach Höxter.
Da endet manche Sonntagstour auf dem Parkplatz der Burg, viele Ruhrpottler verbringen ganze Wochenenden hier, unter Skandinaviern genießt sie einen Ruf wie Donnerhall. Der hoch verehrte Dänenkönig Harald war schon vor über 1000 Jahren
da. Per Schiff. Seine Motorrad fahrenden Nachfahren nutzen – wie viele Holländer auch – die Tonenburg als Zwischenstopp auf dem langen Weg nach Süden. »Für Wochenenden auf Wochen ausgebucht«, konstatierten die Pirones zufrieden. Das Gefühl kennen sie: Schon ihre Erstgründungen gerieten zum Heerlager fürs fahrende Volk. Villa Löwenherz in Lauenförde, nur 20 Kilometer entfernt, 1978 Deutschlands erstes Gasthaus exklusiv für Motorradfahrer. Und davor die Motorrad-Ranch Brilon, eröffnet 1975.
Zu Zeiten also, da Lederträger abends bei der Hotelsuche trotz voller Schlüsselbords oft mit einem »Ausgebucht« empfangen wurden. »Und das«, erzählt Paula Pirone, noch immer lebhaft bewegt, »hat einen Freund von uns so aufgeregt.« Der gute Mann entwickelte missionarischen Eifer und empfahl, ein Hotel eigens für Motorradfahrer zu gründen. In Brilon, Hochsauerland. Sein guter Rat ereilte die Pirones just, als die erste Ölkrise schlagartig ihr Geschäft mit Swimmingpools austrocknete. Eigentlich beide gelernte Kaufleute, stand Norbert längst auf Selfmade-Karrieren, Paula erinnerte sich ihrer Ausbildung in einer Großküche, die Produktionshalle war frei. Warum nicht probieren? Die Motorrad-Ranch war geboren, der Freund – ein leibhaftiger Studienrat – assistierte beim Aufsetzen der beinahe poetischen MOTORRAD-Annonce.
Welche früher erschien, als Pirones dachten. »Norbert war gerade aus dem Krankenhaus entlassen, wir saßen in der Stube, als sie plötzlich vor unserem Fens-
ter auftauchten.« Nichts war fertig, aber dieses Nichts war den Motorradfahrern lieber als jedes Sternehotel. »Die haben uns spontan bestätigt und mit Tipps versorgt.« Ein Matratzenlager sei für den Anfang
angemessen, haben sie gemeint. Paula
ist das Staunen noch heute anzumerken. Aber im sicheren Gefühl, diesen braven Ledergestalten einen Gefallen zu tun, hat sie dann doch Annoncen geschaltet. Matratzen gesucht.
Alles ein Spaß? Was für den Übergang? Auf jeden Fall, das geben sie mittlerweile zu, haben die Pirones noch geraume Zeit unterschätzt, wie ernst es den Motorradfahrern mit »ihrem« Gasthaus war. »Die kamen und kamen.« Im Oktober wollten 70 Leute ihre erste Fete in der Ranch feiern. Order an Norbert: »Nur Fassbier.« Kein Problem, Gläser waren reichlich vorhanden, jedoch: Nach 30 Minuten hatte der ungeübte Zapfer 100 Gläser vor sich. »Voll Schaum, ich war der Verzweiflung nahe. Bis einer der Gäste Erbarmen zeigte.« Was dann bald zum üblichen Miteinander gehörte. »Unsere Stammgäste haben immer mit angepackt. Und wenn ich ins Bett wollte, konnte ich denen ohne Sorge die Theke überlassen.« Vertrauensvorschuss nennen Pirones dieses Prinzip – und sind damit stets gut gefahren.
Nach einer unverschuldeten, jedoch kostspieligen Bauchlandung mit einem anderen Objekt kauften Paula und Nor-
bert 1977 die Villa Löwenherz. Schwierige Finanzierung, hoher Sanierungsbedarf, drückende Zinslast. »Vor allem im Winter.« Aber treue Kunden. »Freunde und Familie haben uns für verrückt erklärt«, erinnert sich Paula, »und erst recht unseren Trotz geweckt. Wir wussten doch jetzt, wie es gehen könnte.« Vertrauensvorschuss, persönliche Betreuung, friedliche Geselligkeit, preiswerte Nachtlager. »Und große Portionen«, lacht Paula, die in der Villa endgültig vom Zweiflammenherd auf Profi-Küche umstellte. Ihr Spießbraten erlangte Berühmtheit, ihre Motorradkenntnisse werden wohl nie berühmt: Für ein unfallfreies Hayabusa muss sie dreimal Anlauf nehmen, ihr letzter aktiver Kontakt mit einem Kraftrad datiert aus den frühen Sechzigern. Da hat sie im elterlichen Kfz-Handel noch Maico verkauft.
Weshalb umso glaubwürdiger scheint, dass sie ihre Gäste mag. Keine von uns, aber voll auf unserer Seite, so schätzen alle die hellwache 71-Jährige. Stets ein »Hallo« oder »Na, schmeckt’s?« auf den Lippen und nebenher die gute Fee der
Tonenburg. Ganz beseelt ist Paula Pirone von der Geschichte ihres Wohnsitzes, den Schicksalen seiner einstigen Bewohner.
Im Keller gibt’s ein kleines Museum, wer nett anfragt, kriegt einen stimmungsvollen Exkurs von der frühen Neuzeit bis heute und zurück.
Wer bei Norbert nett anfragt, kriegt Straßen. Die schönsten. Seine 72 Lenze hindern ihn nicht, die Gäste mit den Schönheiten seiner Heimat vertraut zu machen. Vorneweg auf der R 1150 R. Umsonst? »Na klar. Wann immer es meine Zeit erlaubt.« Das, findet Norbert, gehört sich so, wenn man von Motorradfahrern lebt.
So, und jetzt noch mal: 71 und 72 sind die beiden. Haben mit der Villa Löwenherz etwas auf die Beine gestellt. 1998 an zwei ihrer vier Kinder weitergegeben. Könnten ein bequemes Rentnerdasein führen, Enkelkinder betüddeln. Warum 1995 eine verfallene Burg kaufen? »Unser Leben war immer voller Pläne«, sagt er. Und sie: »Jedes Frühjahr gönnen wir uns drei Wochen Kanarische Inseln.« Na klasse. Eine echte Erklärung fällt Paula und Norbert nicht wirklich ein. Aber der Tag liefert sie. Ein Tag auf der Tonenburg, ihrer Burg: Die
beiden haben einfach Spaß. An der viel-
fältigen Arbeit, an der Selbstbestimmtheit, an den Gästen, an ihrem alten Gemäuer. Norbert baut gerade den Pferdestall zum schmucken Restaurant um. »Der ist ja nicht zu bremsen«, sagt sie, »mein Baumeister.« Er schaut sie an: »Aber ich brauche immer einen, der mich anschiebt.«
Die schönsten und kühnsten Pläne entwickelt Norbert auf der Rückseite von Bierdeckeln. Jetzt hat er seine eigenen. Tonenburg Bräu. Dabei trinken beide kaum Alkohol. Mittendrin sein, heißt ihr eigentliches Lebenselixier. »Ich hab’ immer gesagt: Mit 75 höre ich auf.« Norbert dreht einen Bierdeckel um. »Doch das sind ja nur noch gut zwei Jahre.« Paula lächelt.

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