Porträt Ralf Mackel (Archivversion) SCHWARZ FAHRER

Der Mann gehört zu den Menschen, die es einfach nicht blicken. Deshalb kriegt er laufend was auf die Ohren. Und so weiß er
dann auch, wo’s langgeht. Ralf Mackel ist blind. Von Geburt an.

Blind zu sein heißt nicht, kein Auge für die Frauen zu haben. Und dass es nicht schadet, motorisiert zu sein, um bei den Frauen einen Schlag zu haben, war Ralf Mackel schon mit elf klar. Da griff er sich die Honda Dax seiner Mutter – »Grün war sie, die Dax natürlich« – sagt der Mann, der nicht sehen kann, und fuhr von Usingen, wo er wohnte, nach Friedberg, wo die Frau wohnte. Seine Erzieherin nämlich. Die hatte er wohl ganz gern, deshalb wollte er sie mal über-
raschen. Was ihm wahrlich gelang. Allerdings nicht so, wie er sich das erhofft hatte. »Kaum stand ich mit dem Moped
bei der vor der Tür, hat die Alte Alarm geschlagen und meine Eltern angerufen.«
Man kann ihr das nicht wirklich verdenken. Da steht ein Elfjähriger, sagt freundlich hallo, und die Dax, die neben ihm steht, verrät, dass er die 30 Kilometer von Usingen nach Friedberg eben nicht, wie gewöhnlich, mit dem Taxi zurückgelegt hat. »Ich kannte die Strecke, weil ich zweimal die Woche zu meiner Erzieherin chauffiert wurde. Da habe ich immer das Fenster runter gekurbelt und mir alle Geräusche eingeprägt.«
Wer nicht sieht, muss sich eben anders auf der Welt zurechtfinden. Ralf Mackel hört seine Umgebung, und er hört sie so gut, so präzise, dass er sich tatsächlich ein Bild von ihr macht. Halt ein akustisches. Der Schall, den eine Hauswand reflektiert, klingt anders als der Schall, den das Haus zurückwirft, wenn sich davor eine Litfasssäule befindet. Oder eine Bushaltestelle. Oder ein Baum. Oder Autos. Er hört, wie sie Gas geben, hört wie sie bremsen. Alles sendet ein charakteristisches Signal aus, das Mackel zuordnen und damit interpretieren und letztlich zu einer Art Plan, einer Art Blaupause der Strecke kombinieren kann. Zu dieser Blaupause gehört auch die Beschaffenheit der Straße. Mackel erkennt unterschiedliche Körnungen des Asphalts, Zebrastreifen, Fugen in der Fahrbahn sowie deren Wölbung. Über diesen Plan muss er ein zeitliches Raster legen, um zu wissen, wann er halten, wann abbiegen, wann er einen leichten Bogen fahren muss.
Und diesen Plan muss er geduldig einstudieren, muss eine Strecke immer und immer wieder abfahren, auf dem Beifahrersitz eines Autos sitzend, 10-mal,
20-mal, 30-mal, je nach Distanz.
Auf seinen eigenen Fahrten scheint sich Mackel unauffälliger bewegt zu haben als so mancher, der nicht nur nach Gehör fährt. »Die Polizei hat mich noch nie angehalten.« Manchmal musste er mit Tricks arbeiten. »Ich weiß zwar,
wo eine Ampel steht, aber ich sehe ja nicht, ob sie Rot oder Grün zeigt.« Dann tut er so, als hätte er einen guten Grund, rechts ranzufahren: »Ich reibe mir einfach die Augen, als ob mir was
reingeflogen wäre, warte, bis das nächste Fahrzeug kommt, und hänge mich dran.«

Macht Mackel heute nicht mehr. Weil er mit seinen 41 nicht mehr so von jugendlichem Übermut angestachelt wird wie noch mit 18, da man glaubt, eh alles im Griff zu haben. Zu der Zeit absolvierte er in Heidelberg eine Ausbildung zum Datenverar-
beitungskaufmann. Wollte aber partout die Wochenenden mit seinen Freunden in Friedberg verbringen. Und wollte ebenso partout nicht mit dem Zug pendeln. »Die Juckelei ist eine Zumutung.« Also ließ er sich von seinen Kumpels so lange hin und her fahren, bis er sicher war, die Strecke, locker 100 Kilometer, intus zu haben. Und legte los auf seiner Honda PXR 50. »Die hatte einen Achtziger-Satz und ging gut 100 Sachen.«
Die sonntägliche Landpartie lief nicht optimal. In Sachsenhausen gabelt sich die Straße, und statt der B 3 zu folgen, folgte Mackel einem Abzweig. Der ihn auf die Autobahn expedierte. Er kam dann doch noch nach Heidelberg, brauchte jedoch nicht, wie geplant, drei, sondern zwölf Stunden. »Ich war völlig im Eimer.« Derart im Eimer, dass er 15 Stunden durchpennte. Doch nicht so im Eimer, dass er am nächsten Freitag den Zug genommen hätte. Nach 2,5 Stunden trudelte er mit seiner PXR in Friedberg ein. Und so pendelte er zwei Jahre lang: gleichsam die Spitze seiner Verweigerungshaltung, sich nicht brav in die Existenz zu fügen, die einem Blinden gemeinhin zugedacht wird: Telefonist, Masseur, Bürstenbinder. Obwohl er seine Ausbildung zum Programmierer mit Bravour beendet hatte, fiel seinem ersten Arbeitgeber nichts Besseres ein, als ihn in die Telefonzentrale zu setzen. Woraufhin ihm schnell Besseres einfiel, als dort sitzen zu bleiben. Er übernahm den größten Bosch-Dienst in Frankfurt, dass er blind ist, hat beim Vertragsabschluss keiner bemerkt, sanierte den maroden Laden, stieß ihn wieder ab und gründete, ebenfalls in Frankfurt, sein eigenes Autohaus. Mit Autos hatte er nebenher schon eine ganze Weile gedealt. So wie mit Immobilien, für deren Zustand er einen Riecher habe und das richtige Händchen. »Da gehe ich durch vom Keller bis zum Dach, lege die Hand an die Wände, atme mal tief ein und merke gleich, ob ich in einer feuchten Hütte stehe oder nicht.«

Was er auch gleich merkte: wie er mit defekten Fernsehern ein Geschäft aufziehen könnte. »Im Blindeninternat gab es damals nur ein Gerät im Aufenthaltsraum, aber natürlich wollte jeder eine eigene Glotze haben.« Also hat er einer Elektrohandlung Kisten mit kaputter Bildröhre abgeschwatzt. Der Verkäufer war froh, die Apparate nicht teuer entsorgen zu müssen, und Mackel war froh, sie den Blinden für 40 Mark verticken zu können. »Mit der Kohle«, erzählt er, »konnte ich meine Mopeds finanzieren.« Besser noch ließen sich die Mühlen unterhalten, als er auf den Trichter kam, seinen Handel auf die benachbarte Gehörlosenschule auszuweiten. Die bekamen Apparate mit Bild, aber ohne Ton.
Zuweilen guckt Mackel selbst gern fern. Besonders Auto- und Motorradrennen. Weil es ein bisschen arg dröge wurde, die Rennen nur auf heimischem Sofa zu verfolgen,
ließ er sich 1994 zum Nürburgring karren, zur Deutschen Tourenwagen Meisterschaft DTM. Woselbst er feststellte, dass das Rennen live noch langweiliger rüberkam als die Fernsehübertragung. Weshalb er bei seinem nächsten DTM-Besuch nicht auf der Tribüne verweilte, sondern sich in die Box seines Lieblingsrennfahrers mogelte. »Bist du blind?« fragte der, als Mackel rumlief, wo er eigentlich nicht rumlaufen durfte. »Ja«, sagte Mackel.
Von da an ging es rund. Auf diversen Rennstrecken nämlich. Zunächst durfte er
als Beifahrer mit und schließlich selbst ran ans Steuer. Wo er nicht eben eine schlechte Figur abgab. Ins Renngeschehen kann Mackel zwar nicht eingreifen, nur allein um
den Kurs hasten. Beim Lupo-Cup in Hockenheim zwang er den Kleinwagen mit 150 PS
in 1.23 Minuten um den Kleinen Kurs, einige Sekunden schneller als die Konkurrenz, die für ihn letztlich keine war.
Irgendwann fällt so was auf. Dass es da einen Blinden gibt, der schneller fährt als andere, die meinen, sie würden es voll blicken. Günther Jauch, als Moderator fürs Privatfernsehen bekannt, wollte das nicht glauben. Glaubte, der Mackel mache ihm doch was vor. Er hat ihm dann auch was vorgemacht. Nachdem er sich in einer Klinik für Jauch und RTL seine Blindheit hat attestieren lassen, musste der Moderator seinen Wetteinsatz bringen. Platz nehmen neben Mackel, der einen 911er-Porsche derart gehen ließ, dass auch Jauch schon nach vier der vereinbarten zehn Runden sich das Essen noch mal durch den Kopf gehen ließ. »Ich meine«, sagt Mackel, »das sind Döner und Fritten gewesen.«
Während Günther Jauch Ralf Mackels Fahrweise zum Kotzen fand, war man
bei der Internationalen Deutschen Motorradmeisterschaft IDM völlig aus dem Häuschen. Und Mackel war es ebenso, der Atmosphäre, der Stimmung wegen. »Ein Team, das gar nichts mit meinem Auftritt zu tun hatte, hat sich Arme und Beine ausgerissen, die Maschine nach meinem Trainingssturz wieder zusammenzuflicken.« In Hockenheim war Mackel nach der Sachskurve über den Teer geschossen und hatte sich in der Wiese abgelegt. »Ein Motorrad fährt sich eben doch ganz anders als ein Auto. Es ist da schwieriger, die richtige Linie zu treffen.« Er hat’s geübt, mittlerweile würde er sich sogar zutrauen, eine MotoGP-Maschine im Rahmenprogramm eines Grand Prix zu bewegen.
Gegen solche Eskapaden hat Lebensgefährtin Birgit genauso wenig einzuwenden wie seine zwei Kinder aus geschiedener Ehe. Die finden es normal, dass Papa sich auf seine Enduro setzt und die Feldwege hinter dem Haus erkundet. Sogar der Bürgermeister hat nichts dagegen. Irgendwo müsse der Mann schließlich üben. Es sollten dann halt die anderen die Augen ein bisschen besser offen halten.

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