Porträt Ramona Haubold (Archivversion) Sich ein Bild machen

Onkel Jürgen fährt ein Wheelie auf MZ, irgendwo gammelt eine NSU Quickly vor sich hin, die Gabel gebrochen. Und Phil Read fehlt das rechte Bein. Aber Ramona Haubold arbeitet gerade dran.

Es sind keine Posen, keine gestellten, Bilder. Es sind Momentaufnahmen. Aufnahmen von Momenten aus dem
Familienleben. Einem Leben, das immer von Motoren geprägt, vorangetrieben wurde. »Autos, vor allem aber Motor-
räder«, sagt Ramona, »spielten bei uns eine große Rolle.« Vater Wolfgang machte 1960 von Karl-Marx-Stadt nach Stuttgart rüber. Auf seiner Jawa. Ihr Onkel Jürgen blieb. Fuhr Rennen auf MZ. Aber er fuhr nicht lang. Denn schon 1969, da war er gerade mal 25 Jahre alt, verunglückte er bei einem Bergrennen tödlich. »Er wurde erschlagen von seiner eigenen Maschine, hat mir Mutter erzählt.«
Ein Jahr später kam Ramona auf die Welt. Obwohl sie ihren Onkel nie kennen gelernt hat, entwickelt sich ein verdammt enges Verhältnis. Zu ihm und zu ihrem Vater, der starb, als sie zehn war. Diese Beziehung hat sich ergeben aus den
Fotoalben, in denen Ramona Motive fand, die ihr fremd blieben, aber dennoch vertraut wurden. »Stundenlang könnte
ich darin blättern, und es wird mir nie langweilig.« Doch sie blättert nicht allein, sie macht die Motive, die sie auf den Pappdeckelseiten zwischen Transparentfolie findet, zu ihren eigenen, zu den
Motiven ihrer Malerei.
Also malt Ramona Motorräder, Motorradrennfahrer. Giacomo Agostini zum Beispiel. Der findet sich im Familien-
album der Haubolds zuhauf, war ein Freund der Familie. Am Anfang dieser Freundschaft stand die eine oder andere Flasche Schnaps, die Onkel Jürgen und Agostini zusammen mit anderen Renngrößen leerten, 1965 am Sachsenring. »Ich habe den ersten Mocca Edel Flipp mit Jim Redman getrunken, und er
sagte: Good. Danach trank ich mit Mike Hailwood und als letztes mit Giacomo Agostini«, schrieb Jürgen an seinen
Bruder in Stuttgart. Der begegnete Ago dann beim Grand Prix in Brünn. Dass
Ago auch zu Ramonas Vater einen sehr guten Draht fand, hat damit zu tun, dass es keine sprachlichen Probleme mehr gab. Wolfgang war mit einer Italienerin verheiratet. Weswegen Ago bei den Rennen auf der Stuttgarter Solitude natürlich
eine ganz spezielle Betreuung erhielt:
Familienanschluss.
Dieser Anschluss besteht, wenn auch in etwas lockerer Form, heute wieder. Bei einem Rennen mit historischen Motorrädern läuft Ramona Agostini über den Weg. Sie spricht ihn an, auf Italienisch, fragt, ob er sich noch an die Haubolds
erinnern könne. Er konnte. Und auch sonst muss die Unterhaltung ganz an-
genehm gelaufen sein. Im Anschluss
daran nämlich stellt sich Ramona an die Staffelei und malt ein Ölbild, auf dem
sie verschiedene Ago-Motive kombiniert. Dieses Bild verschenkt sie. An Ago, klar.
Ansonsten verkauft Ramona ihre Gemälde. Und kann sich damit leidlich über Wasser halten – bis zu 2500 Euro zahlt man für ihre Bilder. Sie sagt, es laufe eigentlich ganz gut. »Das liegt sicher auch daran, dass ich wenig brauche, um rumzukommen, glücklich bin, wenn ich von morgens bis abends arbeiten kann.« Die meiste Zeit lebt sie in Nordspanien,
in einem einsam gelegenen Haus, zwölf Kilometer von Santiago de Compostella entfernt. Dort lebt auch Miroslav, ein Tscheche, 20 Jahre älter als Ramona. Den sie als ihre »Muse« bezeichnet. Als
er ihre Zeichnungen sah und sie einem Kunstprofessor in Prag vorlegte, gab
es für ihn kein Wenn und Aber: Ramona sollte ihren Job als Spanischlehrerin schmeißen und sich fortan nur noch der Malerei widmen. Er würde schon für den Lebensunterhalt sorgen. So lief das drei Jahre lang, bis 2003. Da hatte Ramona genug, genug Schonfrist: »Ich will ab jetzt keinen Cent mehr«, sagte sie und meinte damit, sie müsse langsam wieder auf
eigenen Füßen stehen.
Die Familie hilft ihr dabei. Indem die Familiengeschichte die Motive liefert, die Ramona sich in Schwarz und Weiß er-
arbeitet. Während Miroslav sich an einer Neuübersetzung Nietzsches ins Tschechische versuchen kann, versucht Ramona sich an einer Art Übersetzung des Privaten ins Öffentliche, des Gelegentlichen, des Schnappschusses ins Gestaltete. Sie tut das auf ihre Weise.
Mit einigem Abstand betrachtet, gaukeln die Arbeiten einen Realismus vor,
der so prägnant übersteigert ist, dass das Gezeigte wie in einem Szenario erstarrt wirkt: Das Zufällige mutiert ins Beabsichtigte. Und noch etwas Paradoxes steckt
in der Malerei von Ramona Haubold. Je näher man den Werken kommt, desto mehr wächst die Distanz zwischen Betrachter und Betrachtetem, desto mehr schlägt das in seiner Erstarrtheit Greifbare in nicht mehr zu fassende Unbestimmtheit um. Was ins Kalkül und zum Stil der Künstlerin gehört: Keine der Personen auf ihren Bildern schaut den Betrachter an, keine ist so en detail festgelegt, wie es zunächst den Anschein hat.
Was das Wesen der Beziehung wiedergibt, die Ramona zu den Gemalten, allen voran ihrem Vater und ihrem Onkel, wohl haben muss. Sie weiß von Fotos, wie sie aussahen, aber sie weiß so genau nicht, wie und wer sie waren. Deshalb entwirft sie ja ihr eigenes Bild.
Dazu überträgt sie das Foto zunächst als Zeichnung auf die Leinwand, die sie zuvor mit einem Raster versehen hat. Dieses Raster hilft ihr, Proportionen und Perspektive zu erfassen, festzulegen. Und es ermöglicht ihr, die Farbe so
aufzutragen, wie sie es sich zu Eigen
gemacht hat: von links oben nach rechts unten. Dies in einer ersten, eher grob
aufgetragenen Schicht unverdünnter Ölfarbe. Schon in der zweiten Schicht steckt die Feinarbeit: Details, Lichter, Konturen, Akzente werden mit äußerst dünnen Pinseln hervorgehoben. An größeren Flächen arbeitet Ramona auch
mal mit Fingern und den Handflächen.
Das folgt keinem akademischen Prozedere. Kein Wunder, hat sich Ramona die Malerei doch selbst beigebracht. »Gezeichnet habe ich schon immer, alles ganz klitzeklein und genau, vor allem
Architektur, gotische Fantasiekathedralen, und es war gar nicht so leicht, das Arbeiten mit der Farbe zu lernen.« Dass sie – abgesehen von Auftragsarbeiten – unterdessen nur noch in Schwarzweiß malt, bedeutet nicht, dass sie nur noch Schwarz und Weiß benutzt. Erstens kennt die Malerei eine Unmenge verschiedener Schwarz- und Weißtöne, und zweitens brauchen Schwarz und Weiß Farben, um den vielfältigen Nuancen des Lichts in den Grauwerten gerecht zu werden. Bestens zu sehen auf Phil Reads Rücken. Dessen Lederkombi soll den Rennfahrer schließlich nicht wirken lassen wie einen Silberrücken im Affenhaus.
Giacomo Agostini zumindest war begeistert von dem Gemälde, das Ramona für ihn verfertigt hatte. »Und vielleicht kommt er sogar zur Eröffnung meiner nächsten Ausstellung. Versprochen hat
er es jedenfalls.«
Phil Read soll bis dahin auf jeden Fall fertig sein. Und wer weiß, vielleicht nimmt sie sich noch weiterer Motive aus dem Familienalbum an. Es gäbe da genug: Ago auf Onkels MZ in Karl-Marx-Stadt, Ago in seinem gelben Porsche, Jürgen und Ago beim Essen im »Chemnitzer Hof«, Vater auf Jawa, Startaufstellung
Solitude und und und.
Aber erst mal muss ja Phil Read noch sein Bein bekommen, seine Maschine den richtigen Reifen, und mit nur einem Mechaniker kam man im Grand Prix schon in den Sechzigern nicht mehr aus.
Ramona Haubolds Bilder sind zu sehen ab 24. November in der »Via
Mobile«, An der Stadtmauer 5, Vaihingen/ Enz. Weitere Informationen im Internet unter www.ramonahaubold.com.

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