Porträt Rolf Hadeler (Archivversion) Eile mit Weile

Der Handel mit Desmo-Twins, ja, sogar deren Gebrauch zu Rennzwecken muss nicht zwingend in hektischen
Lebenswandel münden: Rolf Hadeler aus Hamburg betreibt das Geschäft mit der schnellen Ware eher betulich.
Denn Rolf schwört auf Autonomie.

Die einen meinen, er sei der langhaarigste Ducati-Händler dieser Republik. Andere orakeln, er sei wahrscheinlich der einzige ohne Schulden. Der Wahrheitsgehalt dieser Behauptungen kann hier nicht überprüft werden, zumal beide einem gewissen Wohlwollen entspringen: Nicht wenige Kunden bezeichnen Rolf Hadeler, den Ducati-Händler ihres Vertrauens, als Kumpel, manche gar als Freund. Festzustellen bleibt, dass der 47-Jährige nicht zu jenen Leuten zählen kann, denen vor lauter Schulden die Haare ausfallen.
Die unübersehbare Weigerung, seinen Status mit allerlei Symbolen aufzupolieren, spricht ebenfalls für gesunde Finanzen. Bei Rolf Hadeler parkt ein ältlicher, aber gut
gepflegter Transporter vor der Werkstatt. Das war’s. Und sein Ausstellungsraum widerspricht den Prinzipien aktueller Verkaufspsychologie: Keine marktschreienden Spotlights umkreisen 999 oder Multistrada, kein Wohlfühl-Schnickschnack verleitet zum Griff ins Portemonnaie. Chromige Espressomaschine? Wandfüllende Posterparade? Fehlanzeige. Und den grauen Fliesenboden weiß Hadeler zu entschuldigen: »Sieht fast aus wie im Ducati-Store. Na ja, ist aber praktisch.«
Nein, hippe Freiberufler, schwankend noch zwischen Sportster und Monster, werden ein gewisses Befremden überwinden müssen, wenn sie mit dem goldenen Scheckkärtchen zum Motorradkauf ausschwärmen und vor den Südtoren Hamburgs bei Ducati-Hadeler in Rosengarten-Ehestorf landen. Dafür fühlen sich alle wohl, denen es wirklich um Motorräder geht. Wenn die nämlich lange genug
Vertrauen säen konnten, dürfen sie zwei
Pötte Filterkaffee aufbrühen, einen davon zu Rolf an die Hebebühne schleppen und dem begnadeten Schrauber auf die Finger schauen. »Eigentlich arbeite ich aus Überzeugung allein«, sagt der, »aber irgend-
jemand ist immer da, eigentlich.« Was
ihn der Sorge enthebt, einen Motor allein
aus dem Rahmen wuchten zu müssen, niemanden zum Gegenhalten auftreiben
zu können oder – Kaffee zu kochen. »Nee«, murmelt er, »ist schon in Ordnung.«
Meinen alle, und das kommt so: Der tief empfundene Drang vieler Ducatisti, Leiden und Leidenschaft zu teilen, der braucht ein Ziel. Nicht nur während des World Ducati Weekends, nicht nur beim Renntraining oder beim Superbike-Lauf, nein, jeden einzelnen Tag. Einer kommt
angebrummt und zeigt seine neueste 998-Leistungskurve. 135 PS und 109 Newtonmeter. »Gut«, grinst Rolf. Und noch mal, um dieses Lob ins beinahe Überschwängliche zu steigern: »Das ist gut.« Der Nächs-
te fragt, was sein Rennmotor macht, der dritte hat nach Feierabend einfach ein Ziel gebraucht. Und deswegen gleich Kekse mitgebracht, zum Kaffee. Rolf hat Zeit: »Ein oder zwei Inspektionen am Tag,
und das 200-mal im Jahr – damit muss
man doch auskommen, oder?« Bestimmt, gelegentliche Telefonate indes bekunden, dass der Außerhausverkauf von Ersatz-
teilen manch zusätzlichen Euro bringt.
Rolf braucht keine Teilenummern. Was natürlich bei just mal zwei Basismotoren ein minder großes Wunder darstellt, als wenn einer Yamaha, Triumph und KTM
betreut, aber immerhin eines bleibt. Zumal es die Königswellen-Twins mit einschließt, deren Ersatzteilversorgung Hadeler nicht nur für norddeutsche Kunden betreibt.
»Allein deswegen fahr’ ich immer noch
ein-, zweimal runter nach Italien.« Zu den richtigen Adressen, versteht sich, und die stehen nicht im Branchenbuch.
Nein, die muss man abklappern, doch dafür hatte Rolf nun wirklich Zeit genug. Durch eine Einzylinder-Duc vorinfiziert, ereilte ihn das Erscheinen der 750 SS wie
ein Schlag. »Klar, das war mein Motorrad.« Und er entdeckte wenige Jahre später, wie viele seiner norddeutschen Mitbürger ebenfalls italienische Träume hegten. Denen kann geholfen werden, sagte sich der gelernte Elektroinstallateur und gurkte mit zunehmend tauglicheren Transportfahrzeugen auf den Apennin. Laverda, Morini, Guzzi und Ducati im Visier, den erklecklichen Gewinn im Sinn. Bald kannten ihn die Schweizer Grenzer, bald kannten sie ihn zu gut: »Die haben gemeint, so viele Motorräder könne keiner privat gebrauchen, und ich soll mir mal ’n Gewerbeschein besorgen.« Der Ausweg über Österreich war ebenso unerquicklich, denn: »Die kamen immer mit ihrer blöden Waage, und natürlich waren wir immer randvoll. Also Kilometer vor dem Schlagbaum abladen. Ein, zwei Motorräder auf Achse über die Grenze fahren. Dann wieder aufladen.«
Rund 500 Italiener hat Hadeler mehr oder weniger abenteuerlich importiert. »Ducati hab’ ich gar nicht so viele mitgebracht«, erinnert er sich heute. »Die waren auch in Italien ziemlich teuer.« Guzzi ge-
fielen den Teutonen besonders, Rolf auch – weil die nie lange rumstanden. Privat
jedoch blieb er den Werken des Inge-
nieurs Taglioni treu und besorgte sich Jahr um Jahr eine neue Supersport. »Erstens wegen der Rennerei, zweitens...« Zweitens? »Okay, meine Allererste ist nur 300 Kilometer weit gekommen. Dann war ein Zylinderkopf gerissen. Und bei meinem
ersten Rennen ging in der ersten Runde die Kurbelwelle hinüber.« Das war ein Zuvi-Lauf, und das hatte was mit Zuverlässigkeit zu tun. Woraus Rolf nicht etwa den nahe liegenden Schluss zog, ein stand-
festes Motorrad aus Japan zu kaufen, sondern – als überzeugter Europa-Patriot – eben die Duc standfest zu machen.
Tja, und so ging das los mit der Schrauberei. Jeder überstandene Zuvi-Lauf verstärkte die Mund-zu-Mund-Propaganda, der Direktimport einiger Schätzchen tat ein Übriges. »1985 hab’ ich die
erste 750 F1 nach Deutschland geholt. Und direkt aus der guten Stube raus verkauft.« Werbung im eigentlichen Sinn hat Hadeler nie gebraucht. Aber bald mehr Platz, weshalb er ein altes Bauernhaus in Ehestorf bezog. Da gibt’s ein paar Hügel, ein paar Kurven, wer weiß, vielleicht haben diese topografischen Ausgelassenheiten den Zulauf an Desmodromikern befördert. Auf jeden Fall wurde aus dem Ducati-
beseelten Bauernhaus bald ein Treffpunkt.
Für echte Motorradfahrer: In gelebter Toleranz hat Rolf nicht mal den MOTORRAD-Cartoonisten Holger Aue vom Hof gejagt. Der fährt bekanntlich Guzzi. Und zählt mittlerweile zu Rolfs Freunden, wofür er sich – siehe Zeichnungen – mit dem Buntstift bedankt. Oder mit dem Kauf
einer 998. Oder wie alle Stammkunden
mit tatkräftiger Unterstützung beim Umzug vom kultigen Bauernhaus ins praktische, aktuelle Domizil. Und die er immer mal wieder aufs Spiel setzt, wenn er seinen Mandello-Betonmischer vor den anderen aus dem Motomania-Rennteam platziert. »Nee, nee«, korrigiert Rolf, »wenn Holger vor uns liegt, ist das noch okay. Doch gegen diese Buell, da müssen wir angehen.«
Schon klar, es geht hier nicht um
MotoGP. Sondern um mehr. Classic Bears. Das Reglement dieser Serie muss jetzt nicht interessieren, wohl aber, dass sich dort eine ehrbare Gesellschaft aus Duc-Zweiventilern, Guzzi, BMW oder eben Buell trifft, um den Lauf der Welt, den Stand der Technik und mithin die Dominanz flüssigkeitsgekühlter Vierzylinder zu verleugnen. Genau das Richtige für Rolf also, der selber eine Königswelle in Schwung bringt oder einen zahnriemengesteuerten Pantah-Motor im seltenen Moretti-Rahmen. Der
jedoch vor allem dafür sorgt, dass die mitrennenden Kumpel keine Leistungsdefizite beklagen. »Jetzt sind wir beim Supersport-900er bei 108 PS. Nicht schlecht, oder?« Der Kampf gegen Eric Buells gedopten Harley-Stoßstangen-Twin geht weiter.
Kann doch nicht angehen, dass quasi posthum die Geschichte des Rennsports auf den Kopf gestellt wird, dass Paul Smart, Mike Hailwood oder Tony Rutter sich umsonst geplagt haben, um die Ducs für immer und ewig in die Herzen aller
Motorradenthusiasten zu peitschen. 1978 trieb Mike the Bike, elf Jahre nach seinem letzten Honda-Werkseinsatz, die Rennlust um, eine 900er-Duc erschien ihm alters-
gemäß, die TT-Strecke auf der Isle of Man war gerade gut genug. Der Rest ist Legende, denn Mike gewann, und Rolf war platt. Hat sich aber inzwischen wieder erholt:
Er frönt seiner Bewunderung mit einem kleinen Privatmuseum, in dem eine dieser höchst seltenen 900 TT F1 – nur 20 Mag-
nesium-Motorengehäuse wurden damals gegossen – den Star gibt. »Als ich die kriegen konnte, musste ich nicht lange über-
legen.« Auch der Kauf einer 600 TT2, der Weltmeister-Maschine von Tony Rutter, oder einer 926 Racing, wie sie Carl Fogarty 1994 bewegte, ging schnell von der Hand.
Schwerer tut Rolf sich bisweilen beim Verkaufen. Jahr für Jahr richtet er eine klassische Königswelle wieder her, und – ausgerechnet – eine 750 SS hat er mal nach Japan verkauft. »Die seh’ ich ja
nie wieder.« Solche Schmerzen lindert
man am besten mit kühnem Optimismus. Und zu diesem Zweck hat Rolf den Kol-
legen seines Italo-Stammtisches unlängst vorgeschlagen, eine 25köpfige Genossenschaft zu gründen. Einlage pro Mitglied 10000 Euro, einziges Ziel: der Erwerb einer Desmosedici. Ja, genau, das gewesene Dienstmotorrad von Troy Bayliss möchte er an die Elbe holen. Jeder darf’s zwei Wochen pro Jahr nutzen, Rolf übernimmt die Pflege. Die ganze Sache riecht irgendwie nach einem Fall für Holger Aue, aber Rolf meint das ernst. Denn Rolf ist autonom – und denkt auch so.

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