Porträt Sam Wassermann (Archivversion) Immer mit der Ruhe

Manche Menschen hocken im Schneidersitz und meditieren, Klaus »Sam« Wassermann näht Stahlrohre zu exquisiten Fahrwerken zusammen und meint: »Schweißen ist für mich Meditation – mit dem Unterschied, dass ein schickes Motorrad rauskommt.“

Eigentlich passt Sam gar nicht nach Vorderschellenbach im Augsburger Hinterland. Eine Handvoll Bauernhöfe, ein Holzschnitzer, ein Wirtshaus, und über allem thront die mächtige Wallfahrtskirche von Maria Vesperbild. Schwer katholisch das Nest,
in dem sich der eher scheue und leise Motorradbauer in einer ehemaligen Molkerei eingerichtet hat. Und katholisch ist er auch nicht. Dennoch wurde Sam in einer Sonntagsrede des Pfarrers
erwähnt, was einfach daran lag, dass das lokale Blatt ein Foto druckte, auf dem Sam zu sehen war. Als Sieger des SoS-Laufes in Assen 1989 und als Träger eines schwarzen T-Shirts. »Mit Vollgas in die Hölle« stand darauf in fetten Lettern, worauf der mahnende Gottesmann im ortsbekannten Eigenbrödler eine verfehlte Seele erkannte, die den rechten Weg verlassen habe.
Was man so oder so sehen kann. Denn sobald ihm der Bau seiner edlen Gitterrohrfahrwerke etwas Zeit lässt, findet Sam schon seinen Weg, schwingt sich mit wachsender Begeisterung auf eine Suzuki DR-Z 400 und hangelt sich mit der Enduro gleich hinterm Haus auf herrlich versponnenen Schottersträßchen quer durch die Landschaft. »Wenn’s pressiert, fahr ich von der Haustür bis ins Allgäu unbefestigt«, schwärmt der Bayer über sein heimatliches Refugium.
Oder er zischt mit seiner nackten Uno-Rotax und der Augsburger Clique durch den italienischen Apennin. Keine 125 Kilogramm schwer und mit dem aufgemöbelten Rotax-Single gute
60 PS stark – mehr braucht’s nicht, um an den Pässen Kolonnen übermotorisierter Supersportler aufzumischen. Weil Sam auch gerne aus der aufrechten Position heraus die Gebückten-Fraktion herbürstet, gehört eine altehrwürdige, aber mit satter Leistung
erschreckend rüstige KTM, Baujahr 1986, mit Supermoto-Rädern zum mobilen Inventar.
Denn eins steht für den 47-Jährigen felsenfest: Ein Motorrad kann nicht leicht und handlich genug sein. Nach dieser Devise konstruierte und baute er zusammen mit seinem ehemaligen Partner und eigentlichen Erfinder der genialen Gitterrohr-Uno, Robert Rieder, fast einhundert Sport- und Rennmaschinen mit Einzylindermotoren. Anfang der 90er Jahre, als die SoS-Klasse (Sound
of Singles) hoch im Kurs stand, ging an einer Uno meist kein
Weg vorbei. Mit der schieren Kraft von gut 90 PS aus den von
Motorentuner Schorsch Daiber auf Trab gebrachten Rotax-Singles
besiegten die Uno-Renner aus Vorderschellenbach selbst die Supermono-Werks-Ducatis, gewannen in Daytona Beach und stellten unter dem Deutschen Supersportmeister Tommy Körner auch gleich noch den Europameister.
Als die schnellen Einzylinder aufgrund der kapriziösen und sündhaft teuren Motoren von der Bildfläche verschwanden, kümmerte sich Sam Wassermann um neue Projekte. Um die Suzuki
TL 1000 S zum Beispiel: ein prächtiger V2-Motor mit sattem Schub in einem geradezu jämmerlich schlechten Fahrwerk. Genau das Richtige, um Sam aus seinen Reserven zu locken. Im Gespann mit Suzuki-Händler Herbert Speer entstand 1998 in weniger als acht Wochen ein neues Gitterohr-Chassis für die TL 1000 S. Leichter, einfacher und um Welten besser als das Original. Und zwar schon in der allerersten Version. Genau das ist es, was Sam und seine Kunst des Fahrwerkbaus ausmacht: nachgedacht wird vorher.
Eine Devise, der man mitunter weitere Verbreitung wünschen würde und die bereits einige neugierige Ingenieure aus der Motorradindustrie nach Vordeschellenbach verschlug. Dass dort kein nobles Entwicklungszentrum mit teuren CAD-Computern und
einem hochgerüsteten Maschinenpark untergebracht ist, sondern alte Drehbänke und scheinbar antiquierte Schweißgeräte ihren Dienst versehen, hat so manchen Projekt-Manager aus dem Tritt und der Fassung gebracht. Sam nicht. »Gute Motorräder entstehen immer noch aus dem Bauch raus. Wenn der Mensch keine Ahnung hat, wie’s Motorrad funktioniert, kann ihm auch der Computer nicht weiterhelfen«, ist sich der Autodidakt sicher. Das hat natürlich auch mit dem Lebensweg von Sam zu tun. Vom Mofa über ein paar Zweitakt-Suzukis bis zur Yamaha SR 500 war es ein kurzer Weg. Beim Proberitt am Salzburgring staunten die Herren Rennfahrer nicht schlecht, als Sam mit dem Yamaha-Single vehe-
ment durchs Feld bügelte. Was daran lag, dass die biedere SR
einen Vierventil-Zylinderkopf von Otto Lantenhammer, dem Bahnsportspezialisten, trug und Sam unerschrocken ums Eck semmelte.
Der Kontakt zur Augsburger Einzylinder-Rennszene um Peter Geh, Christian Auernhammer und den cleveren Ingenieur Robert Rieder war schnell geschlossen und eine neue Uno Sams logische Entscheidung. Zuerst als Aushilfe, im Lauf der Jahre als fester
Mitarbeiter im Uno-Stall, entwickelte der gelernte Mechaniker ein feines Gespür fürs Handwerk, tupfte mit höchster Präzision und feinen Schweißpunkten die Rahmenrohre zusammen, formte elegante Kohlefasertanks oder bog verschlungene Krümmerrohre zu imposanten Auspuffanlagen. Mit viel Herzblut und in handwerklicher Feinarbeit entstanden so einzigartige Motorräder.
Dass Sam bei aller Akribie auch ein Mann fürs Grobe sein kann, gereichte vielen MOTORRAD-Eigenbauten zum Vorteil. Als dem Autor dieser Zeilen die versponnene Idee durch den Kopf ging, es müsse doch möglich sein, aus einem XV 535-Chopperle ein flinkes Naked Bike zu basteln, fuhr er erst mal nach Vorderschellenbach. Um Nägel mit Köpfen zu machen. Hieß: Lenkkopf abflexen und ihn – schwuppdiwupp – im steilen Winkel neu an-
zuschweißen. Ohne Rahmenlehre, nur mit Winkelmesser, Wasserwaage und dem Talent zur perfekten Improvisation.
Auch als die erste Yamaha YZF-R1 auf Wunsch von MOTORRAD zum agilen Tourer und Vorbild der Yamaha Fazer 1000
mutierte, überließ es die Redaktion Sam Wassermann, einen
feinen und eleganten Gitterohr-Rahmen um den bärenstarken
R1-Motor zu flechten. Keine Frage, natürlich funktionierte auch dieses Einzelstück vom Fleck weg.
Was der Bayer, bei aller Kreativität und Spinnerei, gar nicht brauchen kann, ist Hektik und Zeitdruck. »Weil dabei nix rauskommt, außer richtigem Stress.« Eine Schiene, die Sam konsequent durchzieht. Und so gehört es zum täglichen Ritual, dass beim allmorgendlichen Besuch des Postboten – logisch, auch der fährt eine Einzylinder-Supermoto – Kaffee, Kippe und Plausch
keinesfalls fehlen dürfen. Was Sam, dem bekennenden Raucher, auch nicht ins Konzept passt, sind Projekte, die schon vom Ansatz her scheitern müssen. Wer mit einem 240er-Hinterradreifen für seinen Umbau bei ihm vorspricht, nur um am Treffpunkt auf dicke Hose zu machen, hat schlechte Karten. Denn bevor es fahrdynamisch rückwärts geht, sperrt Sam lieber gleich die Werkstatt zu. Selbst wenn ihm deshalb der eine oder andere Kunde flöten geht.
Solche Befürchtungen hegte der Tüftler auch bei einer der spektakulärsten Motorrad-Studien der letzten Jahre, der Sachs Beast. Doch als die Nürnberger das Chassis für das epochale
Design in Auftrag gaben, konnte Sam nicht anders und schweißte für den Aufsehen erregenden Twin nicht nur einen ohne konventionellen Lenkkopf konstruierten Alu-Rahmen, sondern auch die feingliedrige und elegante Doppelrohr-Schwinge.
Und überhaupt ist bei Uno nach wie vor Stahlrohr das tragende Element. Weil ein pfiffiger Verbund aus möglichst geraden
Rohren und festen Schraubverbindungen die wohl einfachste, leichteste und dennoch steifste Konstruktion im Rahmenbau darstellt. Und so ist es kein Wunder, dass die für den Herbst 2007 terminierte KTM RC8 nicht mit einem uniformen Aluminium-Brückenrahmen antritt, sondern mit einem federleichten und zierlichen Stahlrohr-Chassis. Wo kommen Idee und Konstruktion dazu wohl her? Genau, aus Vorderschellenbach. Sollte jetzt jemand den Wunsch verspüren, auf die Internet-Seiten von Uno klicken zu wollen, dem sei gesagt, dass Sam auch in dieser Sache sehr konsequent ist. »Homepage? Mir reichen schon Telefon und Fax, dass ich kaum noch Zeit zum Schaffen hab’.« Apropos Telefon: 08284/ 8094 – lassen Sie’s, sofern Sie ein ernsthaftes fahrdynamisches Ansinnen haben, halt etwas länger klingeln. Der Meister könnte gerade in seiner Meditation versunken sein.

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