Porträt Sebastian Wolter (Archivversion) Luftnummer

Als »Airwastl« gibt Sebastian Wolter die spektakulärsten Luftnummern. Ohne freilich selbst eine zu sein. Der 27-Jährige gilt als bester deutscher Freestyler.

Freestyle-Motocross läuft normalerweise so: zweiter, manchmal dritter Gang, und entweder volles Rohr schon beim Anlauf oder mit wenig Speed anfahren, dafür aber auf der Rampe Gas, Gas, Gas. Dann schießt es Motorrad und Fahrer von diesem 3,60 Meter hohen, in einem Acht-Meter-Radius gebogenen Gestell in die Luft. Acht Meter hoch, zehn Meter, zwölf. Und 20, manchmal 25 Meter weit. Bis es die Maschine auf dem Landehügel zusammenstaucht, bleibt eine Flugphase von etwa vier Sekunden für die Tricks, die Airs, die Figuren.

Beim X-Games-Qualifyer 2002 nutzte Sebastian Wolter diese Sekunden, um etwas ganz anderes zu tun. Er dachte nach. Er hatte sich zu entscheiden. Zusammen mit dem Motorrad in den Landehügel einschlagen? »Das ist, wie wenn du gegen eine Mauer fährst.« Oder absteigen? »In einer Situation wie dieser«, im Fluge also, »vergeht die Zeit eben nicht wie im Fluge.«

Dass Busty derart sinnierte, hatte natürlich einen bestimmten Grund. Der Motor hatte sich auf der Rampe, justament beim Gasaufreißen, fies verschluckt. Kein Schub, kein sauberer Sprung, so einfach ist das beim Freestyle-Motocross. Kompliziert war dagegen der Bruch, den Busty sich beim Absturz einhandelte. 20 Zentimeter tief bohrte er seine Stiefel in den gestampften Lehm und zertrümmerte sich dabei das linke Sprunggelenk. Muss man sich nur mal so vorstellen: »Wie wenn du vom Fünfmeterbrett springst, bloß dass kein Wasser im Becken ist«, sagt Busty.

Zweieinhalb Jahre später liegt er im Krankenhaus rechts der Isar in München und hat das linke Bein hochgelegt. Am Vortag hat ihm Dr. Sepp Braun ein Knochenhorn vom Schienbein geschabt, das sich als Folge des Bruchs gebildet hatte. Weitere Folge des Bruchs: »Ich habe das Sprunggelenk eines 80-Jährigen. Joggen kann ich zum Beispiel nicht mehr.« Aber springen. Keine zwei Wochen nach der Operation sitzt Busty wieder auf dem Motorrad, keine vier Wochen danach kachelt er bei der Night of the Jumps durch die Berliner Luft.

Muss er wohl auch. Denn Busty ist Profi, der schlägt den Salto mortale, der unter Freestylern als Backflip firmiert, nicht einfach so zum Spaß. Den springt er eigentlich nur, wenn er muss. Nicht, dass gerade dieser Trick besonders schwer, besonders anspruchsvoll sei, was den Bewegungsablauf angehe, aber, und das ist ja leicht nachzuvollziehen, der Backflip ist ziemlich gefährlich. Denn wenn er nicht funktioniert oder lediglich zur Hälfte, dann bedeutet das Krankenhaus. Mindestens. Vielleicht liegt es eben daran, dass Busty der erste und bislang der einzige deutsche Freestyler ist, der offiziell diesen Salto mortale, den Todessalto also, drauf hat.

Doch Busty hat noch mehr drauf und drin. Was manchmal unmittelbar zusammenhängt. Weil er seine sportlichen Erfolge zu vermarkten versteht, weil er sich als Showman, im eigentlichen Sinn des Wortes, zu verkaufen weiß. »Leute, die mich von der Uni kennen«, noch studiert er Sportwissenschaften in Köln, »wundern sich vielleicht, wie abgedreht ich bei den Veranstaltungen auftrete. Das ist so ein bisschen wie mit Wrestlern. Die spielen halt auch immer ihre Rolle.« Wenn’s denn der Unterhaltung dient.Busty war der erste Freestyle-Crosser aus
Europa, den die Amis 2002 und 2003 zur Qualifikation der X-Games, einer Art WM des Funsports, eingeladen haben. Er ist einer der ganz wenigen, wenn nicht der einzige Deutsche, der von diesem Sport richtig gut leben kann. Denn er gehört, nicht zuletzt seiner Medienpräsenz wegen – Busty arbeitete lange als Redakteur für das Szene-Blatt MotoX –, zur sehr exklusiven Gruppe der »Randsportler« mit einträglichen Sponsorenverträgen. Das liegt seiner Meinung nach sicher auch daran, dass er reden könne, dass er sich auszudrücken wisse. Eine solche Eloquenz, Redegewandtheit schreibt er, vorsichtig formuliert, nicht eben jedem seiner Kollegen zu. Weil »Motocross schon eher eine Bauernsportart ist«.

Bustys Vater praktiziert als Zahnarzt, fuhr dennoch Motocross und zog seinen Spross ebenfalls in den Dreck. Wo er sich wohl fühlte, 1989 sein
erstes Rennen fuhr, 1992 schon Norddeutscher Meister wurde, sich vier Jahre später für die WM qualifizierte und 1998 und 1999 den nationalen Vizetitel bei den 400er-Viertakt-Enduros holte. Trotz dieser Erfolge und obwohl er stets behauptet, es sei auch für den Freestyler extrem wichtig, ein guter Racer zu sein, der Fahrzeugbeherrschung, der Wettkampferfahrung wegen. Andererseits erzählt Busty gerne, dass doch Freestyle-Motocross etwas ganz anderes sei als Motocross. »Es ist eine
kreative Form des Motorradfahrens. Man kann immer wieder was Neues
ausprobieren. Ich vergleiche das mit dem Malen, nur dass das Motorrad mein Pinsel ist, die Strecke meine Leinwand.«

Bei aller beschworenen Kreativität, die Tricks, gibt Busty zu, schaue er sich bei anderen ab, bei der Konkurrenz, auf Video. Eigene Sprünge entwickle er kaum. Allerdings bemühe er sich, das Angeschaute, das Abgeguckte zu perfektionieren, zu individualisieren, dem Ganzen seinen persönlichen Style zu verpassen. Und ohne Style läuft im Freestyle – klar – überhaupt nichts. »Freestyle ist nicht eine Disziplin im Motocross, es ist eine eigene Sportart, mit einer eigenen Szene, mit einem eigenen Lifestyle. Das gehört zu einer großen Familie mit Snowboarden, Skateboarden, Wakeboarden, BMX.« Von den klassischen Crossern kommt deshalb zuweilen der Vorwurf, dass die Freestyler ihnen die Show stehlen, obwohl sie viel weniger arbeiten müssten.

Dafür saufen, kiffen und dauernd die Sau raus lassen? Das Image
verkaufen die Freestyler zwar ganz gerne, doch danach leben können sie eigentlich nicht. Weil sie sonst nicht lange überleben würden. Denn das,
was sie tun, ist eine Mischung aus Hochleistungssport und Zirkus. Und eine Disziplin, bei der vieles vom Kopf abhängt, von der Psyche. »Ich bin kein blinder Draufgänger und überlege mir schon gut, ob ich einen Trick mache oder lieber nicht. Die Luft wird auf jeden Fall immer dünner, das Risiko immer größer«, sagt einer, der sich mit 27 schon zu den Oldies zählen lassen muss. »Zwei Jahre mache ich die Sache noch und dann«, ein fliegender Übergang, »was mit Medien, PR oder Management.«

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