Porträt Skip (Archivversion) Tapferes Schneiderlein

Am Anfang war das Motorrad. Deren Fahrer steckt Skip
in handgenähtes Leder. Dabei blieb es nicht. Heute sagen sich Motorradfahrer, Domina und Oma in seinem Laden Hallo.

Eine silberne Puppe reckt ihre Armstümpfe in die Höhe, sie trägt eine schwarze, an den Brüsten offene Lederkorsage. Zu ihren Füßen liegt eine Girlande aus weißen Kunststoffblumen. Die Puppe steht im Fenster des Ladens Burn Out: »Qualität hat einen Namen, since 1986«.
Über der Puppe verweist eine Schrift auf Leder, Lack, Latex und »Accessoires sowie Gebrauchsartikel jeglicher ‚Art’«. In der Werkstatt sitzt Skip auf einem ausgeleierten Drehstuhl vor einer von drei Profinähmaschinen. »Angefangen habe ich mit Lederwesten, das war zu Beginn der Achtziger.« Was danach kam, was er mittlerweile so alles anbiete, sagt er, sei »der reine Wahnsinn«. In der Tat würden einige das, was er bedient, als Wahn bezeichnen.
Womöglich sogar seine maßgeschneiderten Motorradklamotten. »Guck mal, mein neues Motorrad, eine V-Rod«, schneite ein alter Kumpel mal wieder in seinen Laden rein. »Die kann ich nicht in meinem alten Papageien-Outfit fahren. Ich will da was ebenso Futuristisches tragen, vielleicht in Marin.« Bekam er, ganz speziell auf seine Wünsche und seine Figur zugeschnitten.
Andere Figuren haben andere Wünsche. Zum Beispiel ein Speedboot, »das schnellste des Lago Maggiore«, wie Skip einschiebt, passend zur neuen Airbrush-Lackierung im Inneren mit Tierhaut tapezieren oder sich den Sattel einer Buell mit dem Leder vom Stachelrochen beziehen zu lassen. Stachelrochen, das sei was ziemlich Exquisites, beziehe er aus Amerika, und ein Bodyguard von Bill Clinton habe das in Mode gebracht, als er sich daraus einen Mantel hat fertigen lassen. Nicht von Skip. Obwohl der ebenfalls
gerne mit dem teuren »Stingray« arbeitet. Ebenso mit Kroko, Schlange und Fischleder, Materialien, die auch immer mehr Motorradfahrer gut fänden.
Weil ja anders als damals, schwarzes Leder längst nicht mehr Pflicht sei auf
dem Motorrad. Und wie er das sagt und
sich dabei den überschüssigen Tabak an den Enden der Selbstgedrehten mit der Schere abschneidet, wird schon klar, dass er diesen Zeiten nicht hinterher jammert. Obwohl er sie als die besten bezeichnet, die man als Motorradfahrer habe erleben
dürfen, die Achtziger. Da hat Skip, er war gerade 20, sich seine Shovel zugelegt. »Damit war ich 20 Jahre unterwegs,
170000 Kilometer werden wohl nicht
reichen.« Probleme habe die Harley nie
gemacht, sei sehr zuverlässig, und wenn sie Ärger machte, kam der vom selber Schrauben. Einmal allerdings hat es der Shovel am Glemseck, seit ewig der
Motorradfahrertreff bei Stuttgart, »einen Stößel rausgehauen. Und, haben die Umstehenden geunkt, was machst du jetzt mit deinem klapprigen Uhrwerk?« Repariert hat er’s, was sonst? Mit Leder, wie sonst? »Ich habe mir ein Stück aus der Hose
geschnitten, das in Öl gelegt und daraus eine neue Dichtung gemacht. Hat noch mal 3000 Kilometer gehalten.«
Ob er in irgendeinem Club gewesen sei? »Nie, das war nicht mein Ding. Clubs, da muss man dies, man muss das, und mir ist das dauernde Müssen schon immer gegen den Strich gegangen.« Diese Aversion ist nicht erst bei der Bundeswehr in ihm gewachsen, wohl aber gereift. Auf vier Jahre hatte er sich verpflichtet, weil »so
ein Urmel auf der Beratungsstelle« ihm erzählt hat, das müsse er, um bei der Truppe
seinen Traumberuf, Masseur, zu lernen. Als sie ihm nach einer Weile als Sani bei einer Kampfeinheit eröffneten, dass er sich für den Masseur eigentlich hätte acht Jahre verdingen müssen, stellte Skip auf stur. Konsequenz: Er landete im Knast. Wo die Wärter einen Fehler machten, ihm nichts als die Dienstvorschriften zur Lektüre reichten. Mit denen kannte er sich darob ganz prächtig aus. So prächtig, dass seine Chefs den Belesenen dauernd zu irgendwelchen Fortbildungen schickten. Damit sie im Dienst wieder ihre Goldkettchen, privaten Turnschuhe und Jogginganzüge tragen konnten. Denn Skip wusste, dass ein solcher Individualismus der Dienstvorschrift widersprach, weshalb die Vorgesetzten Skip gern weit von sich wussten. Ihm ging es übrigens ebenso.
Ins zivile Leben zurückgekehrt, fuhr er zunächst Benzin durch die Gegend. »Ein Knochenjob. Ich war zu jeder Tages- und Nachtzeit auf Achse.« Gerade, als er davon die Nase voll hatte, kam ein Kumpel bei ihm vorbei und hat ihm zwei Häute auf
den Tisch gelegt. »Da hast du doch früher schon ein Talent für gehabt.« Hatte Skip immer noch. Weshalb so einigen das
Lederkostüm, das er seiner Frau schneiderte, so ausnehmend gut gefiel, dass er glaubte, damit was einnehmen zu können. Er machte in Stuttgart-Bad Cannstatt seinen Laden auf, das Burn Out. Dort kostümiert er nach wie vor, auf Kundenwunsch.
Ein Kunde, der Stuttgarter Tierpark Wilhelma, wünschte sich einen Sattel für einen Elefanten. Dass die Sache dann doch nix wurde, lag nicht daran, dass Skip keine Elefantensättel schneidern könnte, sondern daran, dass das Tier bösartig
aufs Gerittenwerden reagierte. Was den Menschen vom Elefanten unterscheidet. Weil der zuweilen nur aufs Gerittenwerden reagiert, wenn eben dieses bösartig
passiert. So zumindest das Vorurteil, das manchen Freunden des Leders gegenüber grassiert. Speziell wenn diese nicht nur nicht Motorrad fahren und sich in ihrer Freizeit von anderem als Pferdestärken und Federbeinen fesseln lassen.
Obwohl er selber nicht der Szene angehöre, sagt Skip, müsse er schon wissen, was er für sie fertige. Es gebe zum Beispiel Peitschen und Klatschen, »die machen
wenig Aua und viel Krach, welche, die
machen viel Aua, aber keinen Krach«.
Und ohne gute Beratung, ohne was davon
zu verstehen, läuft auch dieses Geschäft nicht, das Geschäft eines soliden Handwerkers. Als solchen versteht sich der
43-Jährige nämlich. »Wenn einer das will, mache ich auch eine Schweißerschürze, ich nähe Messerhalfter für die Beamten vom LKA, ich repariere der Oma den Handtaschenhenkel.« Und er entwirft
Roben und Werkzeug für Domina, Sklave, Fetischist. Klar rümpfen da einige die Nase. Aber neugierig sind sie alle. Sogar die Besucher des katholischen Kirchentags. »Die waren ganz scharf drauf, sich zwecks Foto an das Holzkreuz hängen zu lassen, das zur Ladendeko gehörte.« Skips
eigentliche Kundschaft verfolgt ihre Leidenschaften und Obsessionen etwas diskreter.
www.burnout-leder.de

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