Porträt Stefan Franz (Archivversion) Das Böse ist immer und überall

Das Böse ist also auch »Unter uns«. So heißt die Soap, in der Stefan Franz einen Superfiesling mimt, der, von Erpressungen mal abgesehen, seinen Lebensunterhalt mit Motorrädern verdient.

Die Mitglieder des »Unter-uns-Fanclubs« haben abgestimmt und das »Starwahl«-Ergebnis auf ihrer »Offiziellen Homepage« präsentiert. In der Kategorie »Bösewicht 2003« feierte Stefan Franz einen triumphalen Sieg. 80 Prozent aller »Voter«, so ist dort auf gut Denglisch zu lesen, haben für ihn plädiert. Eigentlich nicht für Stefan, sondern für Rolf. Rolf Jäger, so heißt der Zweiradmechaniker, den er in der Soap spielt und dessen
Tun und Treiben die Wahlkommission wie folgt charakterisiert: »Hinterhältige Intrigen, miese Lügen, böse Sprüche, massive Gewalt, das sind Dinge, die einen Bösewicht ausmachen.« Da haben die Fanclubler doch glatt was übersehen: das Motorrad, mit dem sich Rolf jetzt schon seit mehr
als zwei Jahren lang seriell profiliert. Die Soap-Konzeptionäre hätten Rolf schließlich auch zum Friseur, Fitnesstrainer
oder Stahlarbeiter machen können. Haben sie aber nicht. Rolf fährt und repariert
Motorräder. »Die Produzenten wollten mit
dem Motorrad Aggression darstellen«, sagt
Stefan. Doch die Teenies haben dieses einst allseits bekannte Symbol der Gewalt und Unangepasstheit in ihrer Würdigung des »Bösewichts 2003« schlicht ignoriert. Klar: Motorrad – ist das nicht das lustige Vehikel, mit dem Papa zum Eiscafé und
ein Bayer auf Rügen fährt, denken die sich. Was soll daran schon böse sein?
In Zeitläuften wie den unsrigen, da Hell’s Angels ihre Harleys mit Plüschtieren zieren, um im Waisenhaus überglückliche Kinderaugen zu provozieren, da gestandene Minister auf ihren BMW Fitness
und Jugendlichkeit demonstrieren, sieht es tatsächlich so aus, als habe das Motorrad das Schreckenspotenzial, das es einst verbreitete, endgültig verloren. Um so
kurioser, dass RTL mit »Unter uns« versucht, dieses Image vom Motorradfahrer als Bösewicht allwerktäglich um 17.30 Uhr wiederzubeleben.
Auch Stefan Franz war einmal richtig böse, fast so böse wie der Rolf Jäger
in »Unter uns«. 17 Lenze zählte er, und
fast 20 Jahre ist das jetzt her, als Stefan
den Kassettenrekorder seiner Schwester, ohne deren Wissen natürlich, gegen einen Bolzenschneider tauschte. »Mein Kumpel und ich wollten Motorräder klauen«, sagt er. »Um damit nach Tunesien abzuhauen, wo eine Freundin in einem Ferienclub jobbte.« Mit 17 hat man eben noch Träume. Die sich mitunter schwerlich realisieren lassen. »Drei Nächte lang haben wir versucht, die Ketten an den Motorrädern zu knacken. Ohne Erfolg.« Arg frustriert
ob ihrer desaströsen kriminellen Karriere, beschlossen die zwei, den vierten Abend erst mal in einer Hamburger Disco zu starten. Volltreffer. Dort stand ein 200er-Roller vor der Tür. Kein Motorrad, aber immer-
hin. »Der hatte nur ein Lenkerschloss, null
Problem«, erzählt Stefan und macht die
typische Handbewegung. Nix wie weg und aus Hamburg raus, Richtung Tunesien, versteht sich. Erster großer Schreck, als ein Polizeibulli sie überholte: »Wir bogen ab auf einen Feldweg, ohne Licht, und
hielten an.« Zweiter großer Schreck: »Auf einmal hörten wir Schritte, und schon stürmten zwei Beamte mit gezogener
Waffe auf uns zu. Mann, hatten wir Schiss.« Den hatte Stefan dann auch vor dem Jugendgericht. Zwei Tage Arbeitseinsatz im Garten eines Altersheims, lautete indes der gnädige Beschluss. Dermaßen groß war die Erleichterung, so glimpflich weggekommen zu sein, dass Stefan freiwillig noch einen dritten Tag dranhängte. »Es tat mir wirklich leid. Das mit der
Klauerei war endgültig abgefrühstückt.«
Jahre später, er hatte ein Engagement am Theater in Stendal, sah er, wie zwei
Jugendliche aus einem Kiosk rannten.
»Die haben eingebrochen«, rief er einem Kollegen zu, und die beiden rannten den Dieben hinterher. »Wir haben sie tat-
sächlich gestellt, die zitterten vor Angst, und irgendwie kam mir das bekannt
vor. Wir öffneten ihre Rucksäcke, fanden
lediglich ein paar Schokoriegel und Cola.« Stefan schaute seinen Kompagnon an,
der verstand sofort und nickte. »Wir haben die Jungs laufen lassen.«
Jeder darf mal eine Dummheit machen, vielleicht auch zwei. Das ist die feste
Überzeugung von Stefan, der sagt, er
wisse genau, was es heißt, ganz weit
unten, am Tiefpunkt des Lebens angekommen zu sein.
Damals, als er den Roller klaute, hatte er die mittlere Reife abgeschlossen und keine Vorstellung, was er mit seinem Leben anfangen sollte. »Ich habe mich für nichts wirklich interessiert.« Er hing einfach rum, ging sich und anderen auf den Keks, bleib schließlich immer öfter zu Hause.
TV-Glotzen – Vater schaffte bei der Post, hatte als einer der ersten Kabelanschluss. »Unglaublich, wie schlecht die Sendungen bei den Privaten früher waren. Das kann ich besser, dachte ich mir.« Auf einmal hatte er eine Perspektive, besuchte alle Vorstellungen der Hamburger Theater, sprach an den Hochschulen in Essen und Berlin vergeblich vor, bis es in München endlich klappte.
Er kann’s wirklich besser, deutlich besser. Es gibt einige Profis, gelernte Schauspieler eben, im Ensemble von
»Unter uns«. Leute wie Stefan. Allerdings auch diese Teens und Twens, die es schaffen, immer öfter mal einen geraden Satz abzulassen. Das freilich justament so, wie sie aussehen: äußerst reizend und entzückend halt. Was genügt. Soaps leben nun mal vom Dilettantismus einiger ihrer Protagonisten, weil viele Zuschauer deren darstellerisches Unvermögen mit Authentizität verwechseln, für aus dem prallen
Leben statt aus dem Arsenal der Knallcharge gegriffen.
Stefan sieht das natürlich anders: alles Klasse, alles prima, alle Kollegen toll. Und er gehört definitiv zu denen im Team, die
so was wie Charisma besitzen, den Charme des smarten Bösewichts. Und ein Motorrad. Denn ohne, davon ist er überzeugt, hätte er die Rolle nicht bekommen. »Die Produzenten brauchten einen, der was
davon versteht.« Der sich in der Werkstatt die Hände überzeugend schmutzig macht. Und das tut Stefan zweifelsohne. Ob er eher ein Romantiker oder ein Macho sei, hat ihn ein Fan im »Unter uns«-Chat gefragt. Weder noch, gab Stefan retour: Mechaniker.
Mit den Winzlingen Bravo, Ciao und
Dax fing es bei ihm an. Dann kam, jugendgerichtlich verordnet, ein vorläufiges Führerscheinverbot. In der Zeit legte sein Vater sich eine 1200er-Gold-Wing in voller Schale zu. »Den Motor fand ich gut, das Motorrad Scheiße.« Weswegen er nach Honda XL 250 und den ersten festen Engagements am Theater eine gebrauchte GL 1000,
die unverkleidete Urwing, abstotterte, drei Jahre lang. Theaterschauspieler, zumal in der Provinz, verdienen nicht so prächtig.
Doch nicht nur solch profanem Grunde wegen vertauschte Stefan die Bühne mit dem »Unter uns«-Studio im Norden von Köln, wo ein Team aus 130 Leuten fast wie am Fließband jeden Tag eine neue Folge produziert. An die 2400 sind’s bislang. In einer Seifenoper den Fiesling zu mimen, hält Stefan nicht für einen Abstieg aus den Sphären der hohen Kunst. Im Gegenteil:
Er macht jetzt das, was er wollte, als er einst frustriert und desillusioniert vor der Glotze hockte: Fernsehen, Serie, das
Triviale. Theater, Shakespeare, Sophokles und O’Casey, den er inszenierte – alles nur ein Umweg zum Bösewicht Rolf Jäger? »Nein, ich habe mich zwar mit den dunklen Seiten der menschlichen Seele beschäftigt, lebe dies aber nicht in einer Rolle
aus. Spielen ist keine Therapie.« Zumindest nicht für ihn. Soap machen kommt ihm manchmal wie Motorradfahren vor: »Eine Wunschgeschichte«, sagt er, »etwas, von dem man träumt.« Um so schöner, wenn es Wirklichkeit wird. Erst gestern habe
er die Yamaha XT 500 eines Kumpels
gefahren, schwärmt Stefan, »ein Motorrad, mit dem du in der Stadt die geilsten
Sachen machen kannst«.
In der Serie hat Rolf Jäger einmal
ein Motorrad in die Luft gesprengt. Aus Enttäuschung darüber, dass der Soap-Vater die Maschine, die er ihm geschenkt hatte, an den Stiefbruder weitergab. Das gehört sich nicht, ein Motorrad im Stich lassen, findet Stefan ebenfalls. Seine GL 1000 hat er vor Jahren in einen Audi 100 gebohrt. Danach war sie noch unfahrbarer als zuvor. Wann immer er umzog, und Schauspieler müssen das des Öfteren, hat er sie auf den Hänger gestellt und ist mit Tempo 80 über die Autobahn in seine neue Stadt gezuckelt. In Köln hat sie ihm jemand geklaut. »Man kriegt alles im Leben zurückbezahlt«, sagt der Ex-möchte-gern-Motorraddieb. Der, als die Polizei ihn anrief, dass die Gold Wing gefunden sei, sein Glück kaum fassen konnte. Das Gute ist eben auch immer und überall. Doch dank Stefan um 17.30 Uhr niemals bei RTL.

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